Sehnsucht nach dem Tal des Todes

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Geschrieben von: Roland Mischke, Berlin 12.05.10
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Die Wismut-Region in Ostthüringen ist ein misshandeltes Land. Während Jahrzehnten wurde hier das Uran für Russland Atomwaffen und Kernkraftwerke gefördert. Annerose Kirchner hat mit den Menschen gesprochen, die dort gelebt haben und weichen mussten.

Roland Mischke: Sie haben mit Menschen gesprochen, denen wegen des Uranabbaus für die Sowjetunion ihre angestammte Heimat durch staatliche Willkür genommen worden sind. Wie haben diese Menschen auf Sie gewirkt?

Annerose Kirchner: Noch nach mehr als einem halben Jahrhundert haben sie den Heimatverlust nicht verwunden. Die meisten haben das Datum des Auszugs oder den Ablauf des letzten Tages im Dorf im Gedächtnis. Falls sie noch Fotos oder Dokumente besitzen, sind diese natürlich ganz wichtig, um die Ereignisse zu rekonstruieren oder auf den Wahrheitsgehalt zu prüfen. Erinnerungen verschieben sich ja oder überlagern sich mit neuen Inhalten. Die Heimatlosen wirkten auf mich selbstbewusst, waren unverhohlen traurig, aber nie wehleidig.

Roland Mischke: Ist Heimatverlust gleich Identitätsverlust?

Annerose Kirchner: Seine Identität hat der Einzelne nicht verloren, denke ich, aber die Identität des Dorfes, die solidarische Gemeinschaft, die gemeinsamen Traditionen, den Alltag. Jeder dieser Menschen hat ein anderes Schicksal. Es gab einige Fälle von Selbstmord, aber andere sind aus dem Geschehen mit neuer Lebensperspektive hervorgegangen, haben neu gebaut, studiert und ihr Leben umstrukturiert.

Roland Mischke: In welche Archive sind Sie hinabgestiegen, um Fakten zu finden?

Annerose Kirchner: Es gibt Akten im Unternehmensarchiv der Wismut, ich habe auch Fachliteratur, Dokumentarfilme und das Material von Heimatforschern ausgewertet. Da ich etwas Verschwundenes sichtbar machen wollte, habe ich mir die Landschaften erwandert.

Roland Mischke: Wie reagieren die Nachfahren der Heimatlosen, ihre Kinder und Enkel?

Annerose Kirchner: Das Wissen um die verschwundene Heimat der Eltern ist vorhanden. Einige interessieren sich nicht dafür, andere - der Großteil - sind stolz, aus einem dieser Dörfer zu stammen. Vor allem die Urenkel fragen nach dem Schicksal der Vorfahren.

Roland Mischke: Keine Rücksicht genommen wurde auch auf die Gesundheit der Wismut-Arbeiter, von denen viele frühzeitig starben.

Annerose Kirchner: Die Geschichte der Wismut ist eines der wichtigsten und sensibelsten Geschichtskapitel der DDR. Eine sachliche Aufarbeitung bergbaulicher Tätigkeiten steht noch aus, die authentischen Geschichten der Bergleute sind noch nicht aufgeschrieben. Wer bei der Wismut arbeitete - darunter auch Bewohner der verschwundenen Dörfer -, riskierte seine Gesundheit. Zwischen 1991 bis 2009 wurden 3344 berufsbedingte Lungenkrebs-Erkrankungen ehemaliger Wismut-Leute anerkannt.

Material für sowjetische Atomwaffen

Das einstige „Tal des Todes” um die Stadt Ronneburg war das am stärksten von der Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft (SDAG) Wismut geprägte Gebiet. Seit Beginn der 50-er Jahre bis 1990 wurden eine Milliarde Tonnen Erdreich und Gestein aus dem Boden geholt, um insgesamt 231 000 Tonnen Uran zu gewinnen. Dieses war für sowjetische Atomwaffen und Kernkraftwerke im sozialistischen Block bestimmt. Es gab offene Tagebaue und 400 unterirdische Schächte, bis zu 1000 Meter tief und auf 2400 Kilometer Länge. Bald nach der Wiedervereinigung wurde der Wismut-Betrieb eingestellt.
Heute erinnert die Gegend an eine Mondlandschaft, auf aschgrauen Geröllkegeln wachsen Gras und Birkenhaine. Die einstige Wismut-Region soll mustergültig umgebaut werden, das wird etwa acht Milliarden Euro kosten. Nicht mehr zu retten sind aber die Dörfer im Osten Thüringens, die dem exzessiven Uranbergbau zum Opfer fielen. Die DDR war drittgrößter Uranproduzent in der Welt, die Menschen mussten weichen und wurden zwangsumgesiedelt, um den Abbau zu forcieren. Die Geraer Schriftstellerin Annerose Kirchner, 59, hat die letzten Zeitzeugen aufgespürt und befragt.

Welche gesundheitlichen Auswirkungen der Bergbau auf Menschen in Dörfern und Städten hatte, darüber lässt sich nur spekulieren. Man darf nichts verschweigen. Für mich, die ich in der Region lebe, war es deshalb eine Verpflichtung, „Spurlos verschwunden” zu schreiben.

Roland Mischke: Was halten Sie vom Umbau der einstigen Tagebaue zu blühenden Landschaften und der geplanten touristischen Nutzung?

Annerose Kirchner: Was gibt es denn für Alternativen? Ein Park ist schöner als ein Tagebaurestloch von kolossalen Ausmaßen. Dabei besteht aber die Gefahr, dass Geschichte verbuddelt wird. Sie lässt sich jedoch nicht mehr umkehren und man muss lernen, mit dem Vorhandenen umzugehen. Die Bergbaulandschaft um Ronneburg lässt sich ohnehin nur teilweise touristisch nutzen. Wirtschaftlich ist dort auch nichts zu holen, weil der größte Teil der Flächen landwirtschaftlich nicht mehr genutzt werden kann. Die künstlichen Berge nahe Ronneburg sind nicht zu übersehen, sie fordern zur Auseinandersetzung auf. Die meisten freuen sich jedoch über die sanierte Landschaft.

 

Zur Person:
Annerose Kirchner wurde 1951 in Leipzig geboren. Tätigkeiten in einer Zeitungsredaktion und am Theater. Studium am Institut für Literatur in Leipzig. Seit 1979 in Gera, ab 1989 freie Autorin. Teilnahme an internationalen Poesiefestivals, u. a. 1986 in Struga, Mazedonien, 1995 in Genua, Italien. Annerose Kirchner ist Mitglied in der Künstlergruppe "schistko jedno" in Gera und Ehrenmitglied des Fördervereins "Zabel-Gymnasium" in Gera.

Buch:
Annerose Kirchner: Spurlos verschwunden. Dörfer in Thüringen - Opfer des Uranabbaus.
Ch. Links Verlag, Berlin 2010; 204 Seiten

Bild: Wolfgang Siesin

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