Technik allein reicht nicht aus

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 10.05.10
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Die natürlichen Ressourcen sind endlich. Die Verantwortung für den richtigen Umgang mit ihnen kann nicht allein auf die Politik, die Wirtschaft und die Technik abgeschoben werden. Auch die Konsumentinnen und Konsumenten müssen ihren Lebensstil anpassen, sagt der Umweltethiker Markus Huppenbauer von der Universität Zürich.

Steffen Klatt: Sind solche Umweltkatastrophen wie im Golf von Mexiko der unvermeidbare Preis für die Industriegesellschaft?

Markus Huppenbauer: Wenn man Zyniker ist, könnte man sagen, dass dies der unvermeidbare Preis für die Industriegesellschaft. Dieser Zynismus führt aber nicht sehr weit. Zuerst muss man fragen, ob dieser konkrete Unfall vermeidbar war. Da müsste man fragen, was BP getan hat, und wie die Bewilligungspraxis der Behörden war. Wenn man sieht, dass dort Fehler passiert sind, dann war der Unfall vermeidbar gewesen. In einem weiteren Schritt würde ich schauen, welche Risiken generell mit solchen Anlagen verbunden sind. Diese Anlage war weit draussen im Meer, es wurde sehr tief gebohrt.

Steffen Klatt: Welche Instanz soll sagen, ob solche Anlagen gebaut werden dürfen?

Markus Huppenbauer: Ich glaube nicht, dass es eine einzige Instanz ist. Das sind einerseits Techniker und Ingenieure, also die Fachleute vor Ort. Das werden Juristen sein, Politiker, aber auch die Konsumenten und Bürger. Alle zusammen werden sich darauf einigen müssen, welche Risiken wir bereit sind zu tragen.
Wenn wir wüssten, dass so ein Unfall ein Mal pro Jahr geschieht, dann würden wahrscheinlich die meisten Menschen sagen, diese Technologie sei nicht akzeptabel. Wenn wir aber wüssten, dass dieser Unfall einmalig ist, dann würden wahrscheinlich viele Menschen sagen, diese Technologie sei letztlich akzeptabel.

Steffen Klatt: Es hängt also von der politischen Akzeptanz ab, ob eine Technologie eingesetzt werden kann?

Markus Huppenbauer: Es hat mit politischer Akzeptanz zu tun. Das klingt nach Beliebigkeit, ist es aber nicht. Die Konsumenten, die Staatsbürger müssen sich darauf verständigen, welchen Preis wir bereit sind, für unseren Lebensstil zu zahlen. Wir müssen uns darauf verständigen, wie weit wir bei der Suche nach Öl bereit sind, in die Tiefsee zu gehen oder in den hohen Norden. Gegenwärtig schaut es so aus, dass es diesen Konsens gibt.

Steffen Klatt: Wenn also die Tiefseeförderung noch nicht beherrschbar ist, dann könnte entschieden werden, sie noch ein paar Jahre hinauszuschieben?

Markus Huppenbauer: Genau. Und in ein paar Jahren könnte man es wieder versuchen. Man kann aber nicht per se sagen, diese Art von Ölförderung gehört verboten. Man muss die Risiken genau abklären.

Steffen Klatt: Sie haben gesagt, wir müssten uns über den Preis klar werden, den wir für unseren Lebensstil zu zahlen bereit sind. In diesem Fall bezahlen aber nicht wir, sondern zuerst die Natur.

Markus Huppenbauer: So einfach ist das nicht. Die Natur zahlt einen Preis: Austern, Fische, Reptilien, Säugetiere, Kleinlebewesen, die Mangrovenwälder. Aber auch BP zahlt: Das Unternehmen hat einen Reputationsschaden, je nachdem wie es damit umgeht. Auch die Menschen zahlen einen Preis, die Fischer, die Tourismusbranche. Es werden viele unter den Folgen leiden.

Steffen Klatt: Die Menschen können auf die Schäden reagieren und ausweichen. Die Natur kann es nicht.

Markus Huppenbauer: Die Schäden werden enorm sein, auch wenn sich die Ökosysteme irgendwann erholen werden. Es ist in der Umweltethik sehr umstritten, inwiefern die Natur und einzelne Lebewesen und Ökosysteme einen Eigenwert haben und inwieweit wir das berücksichtigen müssen.

Steffen Klatt: Was meinen Sie?

Markus Huppenbauer: Ich schwanke. Ich habe das Gefühl, dass wir der Natur, den Tieren, den Pflanzen einen gewissen Selbstwert zuschreiben sollten. Auf der anderen Seite habe ich den Eindruck, dass dieser Selbstwert in der politischen Debatte kein wirksames Argument wäre. Da zählen die Schäden für die Menschen mehr als die für die Natur.

Steffen Klatt: Weil die Bürger von Louisiana abstimmen, aber nicht die Mangroven?

Markus Huppenbauer: Genau. Aber die Mangroven von Louisiana haben Einfluss auf das Stimmverhalten der Bürger von Louisiana. Wenn die Mangroven absterben, dann fehlt den Einwohnern von Louisiana der Schutz gegen Unwetter. Wenn aber die Schäden für die Menschen berücksichtigt werden, dann indirekt auch diejenigen für die Natur.

Steffen Klatt: Wenn Sie der Natur einen Eigenwert zuschreiben, worin besteht dieser?

Markus Huppenbauer: Das ist eine schwierige Frage. Der Wert würde darin bestehen, dass die Natur da ist. Sie ist schön. Als Mensch fühlt man sich wohl, weil unberührte Natur da ist. Wir wollen nicht nur zwischen Plastikbäumen und in Betonhäusern leben. Aber es ist schwer, einen Eigenwert zu definieren.

Steffen Klatt: Wenn wir bei dem Wert bleiben, den die Natur unmittelbar für uns hat: Ist er schon eingepreist in unsere Rechnungen?

Markus Huppenbauer: Es wäre nicht schlecht, wenn man diesen Wert monetarisieren könnte. Dann würde sichtbar, was auf dem Spiel steht. Man kann dies aber letztlich nicht.

Steffen Klatt: Warum nicht?

Markus Huppenbauer: Wie wollen Sie den ökonomischen Wert feststellen, dass eine bestimmte Fischart überlebt, die nur in einem See in den USA existiert? Man könnte das monetarisieren, indem man die Leute fragt, wieviel sie bereit wären, dafür zu zahlen. Es würde ganz verschiedene Antworten geben. Welches wäre dann der richtige Preis?

Steffen Klatt: Das ist vielleicht ein exotisches Beispiel. Aber man könnte fragen, wieviel die Leute bereit sind, für saubere Luft zu zahlen – auch die wird von der Natur zur Verfügung gestellt.

Markus Huppenbauer: Nehmen wir wieder die Mangrovenwälder. Wenn es sie nicht gäbe, müsste eine Summe x aufgewendet werden, um einen entsprechenden Schutz vor Wirbelstürmen zu geben. Das wäre eine Möglichkeit, den Wert der Mangrovenwälder einzupreisen.

Steffen Klatt: Die Industriegesellschaft ist davon ausgegangen, dass die Natur ausgebeutet werden kann. Stimmt dieser Ansatz noch?

Markus Huppenbauer: Das ist eine sehr radikale Frage. Haben wir eine Alternative, würde ich zurückfragen. Menschen haben immer natürliche Ressourcen verwendet. Das ist auch unproblematisch. Was uns heute dazu einlädt, von Ausbeutung zu reden, ist das schiere Ausmass der Verwendung von Ressourcen. Es gibt auch immer mehr Menschen, die immer mehr konsumieren. Da scheinen wir tatsächlich an Grenzen zu kommen. Aber gibt es Alternativen dazu? Wir können nicht mehr wie Jäger und Sammler leben. Wir können das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Wir müssen sehen, ob wir Technologien entwickeln können, die uns erlauben, mit der Natur schonender umzugehen.

Steffen Klatt: Nehmen wir das Beispiel Öl: Irgendwann ist es aufgebraucht, ganz abgesehen von den Folgen für das Klima. Sind wir nicht gezwungen, Alternativen zum Öl zu suchen?

Markus Huppenbauer: Das ist eine Selbstverständlichkeit. Das ist aber primär ein Problem für die Menschen, nicht für die Natur. Und wenn wir Möglichkeiten haben, das Öl zu substituieren, dann spricht nichts dagegen, auf die fossilen Energieträger zu verzichten. Aber haben wir diese Möglichkeiten schon? Es gibt eine gewisse Dringlichkeit dafür. Irgendwann ist das Öl aufgebraucht, und irgendwann könnten uns die Folgen des Verbrauchs von Öl überrollen, Stichwort Klimawandel.

Steffen Klatt: Diese Dringlichkeit ist abstrakt. Sind die Mechanismen vorhanden, um diese Dringlichkeit auch denen nahezulegen, die in Wirtschaft und Politik Verantwortung tragen?

Markus Huppenbauer: Das ist eines der grössten Probleme in der gegenwärtigen Diskussion über den Klimawandel. Wir haben gerade einen kalten Winter erlebt, also sinnlich die gegenteilige Erfahrung dessen gemacht, was uns die Wissenschaftler sagen. Und gegenwärtig haben wir noch genug Öl. Noch fahren die Autos. Wir machen nicht die sinnliche Erfahrung des späteren Mangels. In den 60er und 70er Jahren haben die Leute sinnlich erfahren, dass es der Umwelt schlecht geht. Damals waren die Flüsse und Seen schmutzig. Damals mussten die Politiker reagieren. CO2-Emissionen sind sinnlich nicht erfahrbar, da sind wir auf Erkenntnisse der Wissenschaftler angewiesen.

Steffen Klatt: Die Tatsache, dass das Öl aufgebraucht wird, merken wir erst, wenn an der Pumpe nichts mehr raus kommt.

Markus Huppenbauer: Die Leute werden es dann merken, wenn die Preise für Benzin und Heizöl sehr hoch sind.

Steffen Klatt: Angesichts der Ölknappheit können entweder erneuerbare Energien entwickelt oder das Öl dort gesucht werden, wo es bisher nicht gefördert werden konnte, nämlich in der Tiefsee. Geht es also um die Alternative Solardach zu Hause oder Ölkatastrophe im Golf von Mexiko?

Markus Huppenbauer: Es kommt als dritte Variante noch die Atomenergie hinzu. Fossile Treibstoffe sind ein Auslaufmodell, erstens, weil sie auslaufen, und zweitens wegen ihrer Folgen für das Klima. Deshalb sollten wir möglichst viel Zeit, Energie und Kapital in die Förderung alternativer Energien stecken. Das wird ein Weilchen dauern. Das Sympathische an BP war ja, dass es seit den 90er Jahren in Alternativen zum Öl investiert hat. Die Frage ist, ob dies zum Nennwert zu nehmen war. Aber der Anteil der alternativen Energien am BP-Umsatz ist gering.

Steffen Klatt: Haben Unternehmen wie BP die richtigen Anreize, sich solchen Fragen zu stellen?

Markus Huppenbauer: Diese Unternehmen wissen, dass sie in einem Bereich tätig sind, der irgendwann einmal auslaufen wird. Das müsste ein Anreiz sein zu überlegen, wie man das Unternehmen in den nächsten Jahrzehnten umbaut. Für ein einzelnes Unternehmen ist es schwierig, sich richtig zu verhalten, wenn die Rahmenbedingungen dies nicht vorsehen. Wenn die Konkurrenten sich nämlich anders verhalten, dann haben die „richtig" handelnden Unternehmen einen Nachteil am Markt. Deshalb kommt es auf die Regulierung an. Die Regulierer müssen etwa die Anforderungen für die Sicherheit hochschrauben.
Und nicht zu vergessen: Solange Konsumentinnen und Konsumenten bereit sind, für Mobilität, Heizung, Nahrung Öl einzusetzen, haben Unternehmen wie BP keinen Anreiz, mit der Förderung von Öl aufzuhören.

Steffen Klatt: Eines der Hauptinstrumente, die Wirtschaft zu regulieren, ist der Preis. Der Preis für Öl wird steigen. Jedes Ölunternehmen wäre dumm, nicht weiter auf Öl zu setzen.

Markus Huppenbauer: Genau. Solange Öl da ist und man damit Gewinn machen kann, gibt es keinen Anreiz, aus dem Geschäft auszusteigen. Eine Variante, die aber unwahrscheinlich ist, wäre die Besteuerung der Unternehmen in dieser Branche. Wirksam wäre auch, wenn der Verbrauch von Öl besteuert wird. Damit könnte der Verbrauch sinken.

Steffen Klatt: Der monetäre Anreiz muss also durch politische Rahmenbedingungen ergänzt werden?

Markus Huppenbauer: Unbedingt. Der Staat könnte auch die Sicherheitsanforderungen an die Tiefseeproduktion so erhöhen, dass sich die Förderung nicht mehr lohnt. Generell bin ich hinsichtlich der „Internalisierung der externen Kosten", wie das die Ökonomen nennen, recht zuversichtlich. Über monetäre Anreize können Umweltschäden vermieden werden. Ein solcher Versuch ist der Aufbau eines CO2-Handelssystems. Die Frage ist, ob solche Instrumente reichen. Ich vermute, dass es nicht ganz ohne die Veränderung unseres Konsumverhaltens gehen wird.

Steffen Klatt: Welche Veränderungen wären nötig?

Markus Huppenbauer: Wir müssen uns überlegen, wie wir leben: Wie ist unsere Mobilität, wie wohnen wir, wieviel Fleisch essen wir. Da müssten wir als einzelne Konsumentinnen und Konsumenten über unseren Lebensstil nachdenken. Denn es ist die Gesamtheit unserer Lebensstile, die erst zu all diesen Problemen geführt haben.

Steffen Klatt: Und es gibt noch ein paar Milliarden Menschen, die auch gern so leben würden wie wir.

Markus Huppenbauer: Das ist vermutlich auch das Problem. Ein Grossteil der Weltbevölkerung will das, und es wäre ungerecht, ihnen zu sagen, sie dürften es nicht.

Steffen Klatt: Kann man die Ressourcenprobleme mit besserer Technik und besseren Technologien lösen? Cleantech steht in der Wirtschaft gerade hoch im Kurs.

Markus Huppenbauer: Ich weiss nicht, ob das reicht. Mich überrascht, wieviel Vertrauen wir in ökonomische und technische Instrumente setzen, obwohl es sehr viel einfacher wäre, bei uns selbst anzusetzen. Wir haben unsere eigene Verantwortung delegiert: Der Staat soll es richten, die Technik soll es richten, die Wirtschaft soll es richten. Dass wir es als Individuen auch noch ein bisschen richten könnten, geht darüber vergessen.

Steffen Klatt: Es geht also nicht um Verzicht?

Markus Huppenbauer: Das ist die grosse Debatte, ob das denn Verzicht wäre. Es gibt vielleicht ein paar eingefleischte Amerikaner, die es als Verzicht ansehen, ihr 20-Liter-Auto gegen ein kleineres einzutauschen. Für andere ist das kein Verzicht. Wir müssen darüber diskutieren, was eigentlich wichtig ist im Leben und was wir dafür brauchen.

Steffen Klatt: Eine unfaire Frage: Wo schränken Sie Ihren eigenen Ressourcenverbrauch ein?

Markus Huppenbauer: Diese Frage wird einem Ethiker immer gestellt. Wenn ich ein bisschen angebe: Ich habe kein eigenes Auto. Ich lasse mich aber gelegentlich chauffieren. Allerdings lebe ich allein in einer schönen grossen Wohnung. Bei WWF habe ich meinen Fussabdruck gemessen: Wieviele Erden brauchte es, wenn alle Menschen so lebten wie ich. Für mich brauchte es zweieinhalb Erden. Das ist leicht unter dem Durchschnitt für die ganze Schweiz.

 

Zur Person:
Markus Huppenbauer ist Professor an der Universität Zürich und Leiter des dortigen Ethikzentrums. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Umwelt- und Wirtschaftsethik. Huppenbauer ist 1958 in Klosters geboren, ist in Ghana aufgewachsen und hat an der Universität Zürich Philosophie und Theologie studiert.

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