Die internationalen Klimaverhandlungen stocken, aber der CO2-Markt entwickelt sich dennoch weiter, sagt Renat Heuberger. Immer mehr Länder und Regionen führen ein Emissionshandelssystem ein.
Steffen Klatt: Der Klimagipfel im Dezember in Kopenhagen hat wenig gebracht, seither hat sich in den Klimaverhandlungen wenig getan. Was heisst das für den Kohlendioxidmarkt?
Renat Heuberger: Ich bin nicht der Meinung, dass Kopenhagen ein derart grosser Misserfolg war, wie viele sagen. Man hat schon vor einem Jahr gewusst, dass der Gipfel kaum Erfolg haben kann. Es hatte aber grosse Hoffnungen gegeben, weil so viele Staats- und Regierungschefs nach Kopenhagen kamen. Es konnte in Kopenhagen nicht viel passieren, weil Barack Obama innenpolitisch die Hände gebunden waren. Damit waren auch die Chinesen nicht unter Druck, irgendwelche bindende Zugeständnisse zu machen.
Steffen Klatt: Seither hat sich in den USA wenig bewegt. Hält die Blockade also an?
Renat Heuberger: Das ist so auf der Bundesebene. In den USA gibt es aber in wichtigen Staaten wie Kalifornien CO2-Handelssysteme, die sehr erfolgreich sind. Es gibt sie auch in Kanada. So wurde gerade gemeldet, dass der CO2-Handel in der Provinz Alberta um 40 Prozent gestiegen ist. Alberta ist eine kanadische Provinz, die mit hohen CO2 Emissionen konfrontiert ist. Es ist also so, dass die Klimaverhandlungen auf internationaler Ebene nur schleppend vorankommen. Es ist auch so, dass auf US-Bundesebene die Klimagesetzgebung ins Stocken geraten ist. Die gute Nachricht ist aber, dass auf lokaler und regionaler Ebene weltweit sehr viel passiert. Neuseeland hat vor kurzem seinen Emissionshandel eingeführt. Aus Südkorea kommen klare Signale, dass es ein solches Handelssystem einführen will. Verwandte Themen| { Klimawandel geht an die Börse, 03.02.10 } | | { Das Klimagefängnis von Kopenhagen, 21.12.09 } | | { Klimaschutz kann nicht warten, 21.12.09 } | | { Ein klimapolitischer Erfolg, 20.12.09 } | | { EU-Programm zum Klimawandel, 17.12.09 } | | { Kopenhagen wartet auf Obama, 16.12.09 } | | { Klimawandel als Chance nutzen, 07.12.09 } | | { Es braucht echte Verpflichtungen, 01.12.09 } | | { Dämpfer für das Klima, 16.11.09 } | | { Klimaschutz spaltet US-Wirtschaft , 29.10.09 } | | { China droht mit Scheitern, 26.10.09 } | | { Klimaschützer kontra Lobbyisten , 30.09.09 } | | { Arktiseis schmilzt rasant, 04.09.09 } | | { Finanzplatz muss sauberschrumpfen, 03.08.09 } | | { myclimate ehrt Klimaprojekt, 23.06.09 } |
Steffen Klatt: Stillstand auf internationaler Ebene, Bewegung auf regionaler Ebene: Wie reagiert der Markt auf die unübersichtliche Lage?
Renat Heuberger: Für uns heisst das, dass wir mehr Fokus auf die Regionen legen müssen. Wir können nicht mehr damit rechnen, dass wir nach 2012 (nach dem Auslaufen des Kyoto-Protokolls, stk) ein globales System haben, in das hinein wir unsere Zertifikate produzieren können. Wir müssen uns regional ausrichten. Die Spielregeln in den verschiedenen Ländern können aber unterschiedlich sein. Das bedeutet Zusatzaufwand. Nicht zu vergessen ist auch der freiwillige Markt: Viele Firmen sagen sich, dass die Zeit für den freiwilligen Kauf von Reduktions-Zertifikaten gekommen ist, jetzt wo die Politiker bei einer globalen Lösung für den Klimaschutz versagen. Die Regionalisierung kann auch eine befreiende Wirkung haben. Denn es ist kein Geheimnis, dass die Organisation des Kyoto-Protokolls und der CDM (Clean Development Mechanism, Kompensation von CO2-Ausstoss in Industrieländern durch Klimaschutzmassnahmen in Entwicklungsländern, stk) nicht sehr effizient ist. Der UN-Betrieb ist in den letzten Monaten relativ schwerfällig geworden.
Steffen Klatt: Warum?
Renat Heuberger: Es gibt immer wieder Wartezeiten, um ein Klimaschutzprojekt zu registrieren. Mit jeder Nachfrage der UN verliert man wieder zwei Monate. Deshalb kann die Registrierung eines Projekts weit mehr als ein Jahr dauern. Es gibt Gerüchte, dass es auch um Politik geht: Ein Teil dieser Verspätungen soll damit zusammenhängen, dass China nicht mehr so viele Projekte zugestanden werden sollen.
Steffen Klatt: Die EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard hat angedeutet, dass die EU ihren CO2-Ausstoss bis 2020 um 30 Prozent senken könnte statt wie vorgesehen um 20 Prozent. Was hiesse das für den CO2-Markt?
Renat Heuberger: Das wäre ein sehr inspirierendes Element. Eine neue Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung zeigt, dass das bisherige 20-Prozent-Ziel der EU ohne Ambition ist. Dieses Ziel kann weitgehend ohne zusätzliche Anstrengungen erreicht werden. Denn die Industrie im Osten der EU muss ohnehin ihre Effizienz erhöhen. Ausserdem lässt die EU-Gesetzgebung in vielen Fällen die Anrechnung von Wald und Landwirtschaft zu. Wenn aber 20 Prozent dem entspricht, was ohnehin erreicht werden kann, dann würde der Preis des CO2-Zertifikats auf Null sinken. Die Anhebung von 20 auf 30 Prozent hätte gerade für uns eine wichtige Wirkung.
Steffen Klatt: Sollte auch die Schweiz von 20 auf 30 Prozent erhöhen?
Renat Heuberger: Ich gehe davon aus, dass es anspruchsvoller ist, in der Schweiz 20 Prozent zu erreichen. Denn in der Schweiz produziert die Industrie bereits effizienter. Der Stromsektor stösst praktisch kein CO2 aus, anders als in der EU. Deshalb müsste die Schweiz ihre Einsparungen im Verkehr, im Gebäudebereich und in der Industrie erzielen.
Steffen Klatt: Sollte die Schweiz Teil des EU-Emissionshandelssystems werden?
Renat Heuberger: Das wäre ein richtiger Schritt. Es macht keinen System, dass alle EU-Länder – interessanterweise auch Liechtenstein und Norwegen – Teil des Systems sind, nicht aber die Schweiz.
Steffen Klatt: Hat es Auswirkungen auf Ihr Geschäft, dass die Schweiz nicht dabei ist?
Renat Heuberger: Unser Geschäft ist sehr international aufgestellt. Wir machen nur einen kleinen Teil unseres Geschäfts in der Schweiz.
Steffen Klatt: Würden Sie Finanzdienstleistern raten, in den CO2-Markt einzusteigen?
Renat Heuberger: Dieser Markt ist extrem spannend. Er hat ein sehr grosses Potential, der noch weitgehend ungenutzt ist. Auch wenn das Thema Klimawandel derzeit weniger stark in der Öffentlichkeit steht, ist es nicht verschwunden.
Steffen Klatt: Wer also einen neuen Markt sucht, der noch mitgestaltet werden kann, der sollte also in den CO2-Markt einsteigen?
Renat Heuberger: Es gibt sicher auch andere solche Märkte, etwa die Technologiemärkte. Das interessante am CO2-Markt ist, dass es zwei Möglichkeiten gibt einzusteigen. Die eine Art läuft über die Zertifikate selbst. Neu ist dabei, dass nicht mehr nur einzelne Projekte zertifiziert werden können, sondern ganze Programme. Man kann also etwa alle Wasserkraftwerke in einem Land zertifizieren lassen. Das ist vor allem für Investoren interessant, die Skaleneffekte suchen. Diese Zertifikate werden mindestens bis 2020 ein Markt bleiben. Die zweite Einstiegsmöglichkeit bieten die erneuerbaren Energien selbst. Unabhängig von den CO2-Märkten haben die Investitionen stark zugenommen. Das dürfte auch die nächsten zwanzig Jahre so bleiben.
Zur Person: Renat Heuberger ist Mitgründer und Partner von South Pole Carbon. Das 2006 gegründete Unternehmen bietet Dienstleistungen rund um die Kompensation von CO2-Ausstoss an. Vor seinem Eintritt bei South Pole Carbon hat Heuberger Myclimate mitgegründet und geleitet, einen Anbieter von freiwilligen CO2-Kompensationen ebenfalls in Zürich.
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