Die angekündigte Katastrophe

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Geschrieben von: Urs Fitze, Fort McMurray 06.05.10
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Im Golf von Mexiko kam die Ölkatastrophe unerwartet. Im hohen Norden der kanadischen Provinz Alberta dagegen kommt sie geplant – und BP ist mit von der Partie. In Alberta liegen die zweitgrössten Erdölvorkommen der Welt – als Bitumen gebunden im Erdreich.

Unendliche Weiten, Wälder, Sümpfe, wild mäandrierende Flüsse, riesige Seen: Die Wälder im Norden der kanadischen Provinz Alberta sind kaum besiedelt. Insgesamt verfügt Kanada über rund drei Millionen Quadratkilometer dieser Wildnis. Es sind mit die letzten vom Menschen kaum berührten Gebiete der Welt. „Wir zerstören nur gerade 0,2 Promille dieser Wälder mit unserem Ölsand-Abbau rund um die Stadt Fort McMurray. Das ist doch absolut vertretbar“. Dan Thompson, Präsident der „Oil Sands Developers Group“, dem Dachverband der Förderfirmen, redet seine Industrie klein. Das ist sein Geschäft.

Doch es gibt auch einen anderen Massstab, von dem der Ölmanager nicht spricht. 173 Milliarden Fass Erdöl liegen auf einem unerschlossenen Gebiet von der Grösse Griechenlands – rund fünf Prozent der borealen Wälder Kanadas. Das ist, nach Saudi-Arabien, das zweitgrösste Vorkommen der Welt. Gerade ein Fünfzigstel davon ist bislang gefördert worden - auf einer Fläche von 700 Quadratkilometern. Darauf bezieht der Ölmanager seinen Vergleich. Doch das ist erst der Anfang. 60 Milliarden Franken werden bis 2020 in neue Förderanlagen investiert.

Immer mehr Klimagas

Das Öl ist in Form von Bitumen gebunden in eine Masse aus Sand, Lehm und Wasser. Der technische und energetische Aufwand, es zu fördern, ist immens. Die Kosten liegen mit rund 17 Euro (25 Franken) pro Fass rund 20 mal höher als bei konventionell heraufgepumptem Öl. Wegen dieses hohen Aufwandes wurden bis vor wenigen Jahren die Ölsande Kanadas in den offiziellen Statistiken noch nicht einmal als Reserven ausgewiesen. Doch die Zeiten billigen Öls sind vorbei. Damit sieht die Renditerechnung ganz anders aus. Die Bonanza kann beginnen. Und das Schönreden. Laut Dan Thompson ist der CO2-Ausstoss pro Tonne in den vergangenen 20 Jahren um 14 Prozent gesunken und liegt damit im Einklang mit den Zielen des Kyoto-Protokolls. Was Thompson nicht sagt: Der absolute Ausstoss ist in diesem Zeitraum wegen der ausgeweiteten Produktion gestiegen auf knapp einen Zwanzigstel der gesamten kanadischen CO2-Emissionen. Und er wird weiter zunehmen. Für das Jahr 2020 rechnet Simon Dyer vom Umweltforschungsinstitut Pembina in Edmonton mit einem Anteil von einem Achtel.

BP macht mit

Der britische Ölkonzern BP, dessen Bohrplattform die grösste Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko ausgelöst hat, will sich auch am Abbau von Ölsanden in Alberta beteiligen. Erst Mitte April hatte er die Abbaupläne bekräftigt, obwohl an der Generalversammlung 15 Prozent der Aktionäre dagegen gestimmt hatten. Der Abbau sei bereits ab einem Ölpreis von 60 Dollar attraktiv, so der Konzern. BP will in das Projekt Sunrise 2,4 Milliarden Dollar investieren. Der endgültige Startschuss soll ab Ende Jahr fallen. Der US-Konzern ConocoPhillips dagegen steigt aus seinem Ölsandprojekt aus.

Abbau teilweise im Tagebau

91 Ölsand-Minen-Projekte sind – ohne unabhängige Umweltverträglichkeitsprüfung - bereits genehmigt. Kein einziges ist bislang abgelehnt worden. Sie werden auch in grössere Tiefen von mehr als 75 Meter vordringen, wo der extrem landschaftsverschandelnde Tagebau nicht mehr möglich ist. Dazu muss unter hohem Druck Wasserdampf in die Bitumen führenden Schichten gepresst werden, um diese zu verflüssigen und heraufzupumpen. Damit kann wenigstens die vollständige Zerstörung des Ökosystems gemildert werden. Doch der Energieaufwand des „In Situ“-Verfahrens ist nochmals deutlich höher – und damit der CO2-Ausstoss, der etwa um die Hälfte steigt. Für Mike Hudema, Kampagnenleiter Klima und Energie bei Greenpeace Kanada, sind diese Pläne der Beweis, „dass es schlicht kein sauberes Verfahren gibt, um Ölsand zu fördern“. Greenpeace verlangt den kompletten Ausstieg aus dem Ölsand. Die Pläne sehen ganz anders aus. Bis 2020 sollen täglich 4,5 Millionen Fass produziert werden, das Dreifache der heutigen Produktion. 

Miserable Umweltbilanz

Noch nicht einmal das technische Potenzial für den Schutz der Umwelt wird ausgeschöpft. Peter Lee von Global Forest Watch Kanada hat untersucht, wie nahe die bereits bestehenden Ölsandminen an der best möglichen Technologie sind. Das Ergebnis ist ernüchternd: Gerade mal 33 von 100 möglichen Punkten werden erreicht. Die Tailing Ponds, in denen bis heute 720 Milliarden Liter Produktionsabwässer zurückgehalten werden, sind nur mit Erdwällen zum natürlichen Fliesswassersystem abgedichtet. Lee schätzt, dass so täglich 5,7 Millionen Liter in den Athabasca River gelangen. Die Kritiker sehen sich in den Erfahrungen in Fort Chipewyan bestätigt, einem Dorf 230 Kilometer flussabwärts. Dort sind in den vergangenen Jahren gleich drei Fälle einer extrem seltenen Krebsart aufgetreten. Missgebildete Fische seien an der Tagesordnung, sagt Mike Mercredi, ein ehemaliger Fahrer eines der riesigen Kipplaster mit einem Fassungsvermögen von 400 Tonnen, die den Ölsand im Minutentakt von der Mine zur Verarbeitungsstätte transportieren. Er hat damit aufgehört. „Ich hatte zunehmend das Gefühl, ich bringe meine eigenen Angehörigen um mit meiner Arbeit.“ Jetzt sammelt er Belege für die Verschmutzung der Ölindustrie. Es seien nicht nur Gewässerverschmutzung und Landschaftsverschandelung, die zu schaffen machen. Auch das Wild habe sich verzogen.

Mammon oder Umwelt?

Dafür kommen die Menschen. Ed Stelmach, Premierminister der Provinz Alberta, erklärte im Mai 2009 an einer Konferenz in Genf: „Albertas Türen bleiben für die nächsten 150 Jahre offen für alle, die in der Ölindustrie investieren oder arbeiten wollen“. Händeringend wird weltweit nach Zehntausenden Arbeitskräften gesucht. Fort Mc Murray, die Metropole des Booms, hat die Bevölkerungszahl in nur einem Jahrzehnt auf 85000 vervierfacht. 2020 sollen hier gar 250000 Menschen leben. Die Stadt platzt schon jetzt aus allen Nähten, viele leben in Bungalows und Mobilhomes, Tausende in Camps der Ölindustrie, wo sie jeweils für eine Zweiwochenschicht bleiben, um dann für zwei Wochen nach Hause zu fliegen – bis in die 6000 Kilometer entfernten Provinzen im Osten Kanadas. Dort und im ganzen Land sind die Umweltfolgen des Ölsand-Abbaus bislang kaum ein Thema. Noch, sagt Mike Hudema, dem man auch unterstellen könnte, er sei Berufsoptimist. Doch er meint es ernst. „Wenn die Bevölkerung einmal realisiert, was auf dem Spiel steht, wird es die Ölindustrie nicht mehr so leicht haben“. Letztlich muss sich eine breite kanadische Öffentlichkeit der Frage stellen, was wichtiger ist: der Mammon oder die Umwelt. Einen Weg dazwischen scheint es nicht zu geben.


 

Bild: Tag und Nacht wird in den Ölsandminen im Tagebau mit riesigen Baggern und gewaltigen Lastwagen gearbeitet. Unter extremen Wetterbedingungen. Im Sommer kann es über 30 Grad heiss sein, im Winter sinken die Temparaturen bis minus 40 Grad. (Urs Fitze)

 

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