Lockruf aus dem Osten

Drucken
E-Mail
Geschrieben von: Yildiz Asan, Zürich 04.05.10
Bookmark and Share
Stichworte:         

Durch die ideale geographische Lage zwischen Ost und West, Nord und Süd bilde die Türkei eine ideale Exportbasis, sagt Ümit Özeflatun. Von hier aus könnten Unternehmen rasch insgesamt 1,5 Milliarden Menschen in den umliegenden Ländern erreichen. Das seien hervorragende Chancen für ausländische Investoren.

Yildiz Asan: Sie veranstalten heute ein Businesslunch in Istanbul, an der die Ständeratspräsidentin Erika Forster teilnehmen wird. Was ist der Zweck dieser Veranstaltung?

Ümit Özeflatun: Eine parlamentarische Delegation von Büromitgliedern und Aussenpolitikern des Ständerats unter Führung von Ständeratspräsidentin Erika Forster wird Anfang Mai für fünf Tage in die Türkei reisen. Sie folgen damit einer Einladung von Mehmet Ali Sahin, dem Präsidenten der Grossen Nationalversammlung der Türkei. Da sie sich auch über die wirtschaftliche Zusammenarbeit der beiden Länder informieren wollte, veranstaltet die Schweizerische Handelskammer in der Türkei zu diesem Zweck am 4. Mai einen runden Tisch, an dem neben der Delegation auch Mitglieder der Handelskammer teilnehmen werden. Einige von ihnen wie ABB, SGS, Novartis oder die Credit Suisse werden kurz über ihre Aktivitäten aber auch über die Schwierigkeiten in der Türkei berichten. Wir hoffen, dass die Ständeratspräsidenten – gewappnete mit diesen Informationen – bei ihren folgenden Gesprächen mit türkischen Amtskollegen einige der Schwierigkeiten besprechen oder gar eine Lösung finden kann.

Yildiz Asan: Auf welchen Branchen wird der Schwerpunkt liegen?

Es gibt keinen Schwerpunkt. Wir haben verschieden Branchen gewählt, so dass die Delegationen einen Überblick über die Aktivitäten von Schweizer Unternehmen in der Türkei bekommen kann.

Yildiz Asan: Ist diese Veranstaltung ein Einzelereignis oder Teil einer Exportoffensive?

Ümit Özeflatun: Diese Veranstaltung ist ein Einzelereignis, dass sich aber in die Kette von verschiedenen Einzelereignissen einer Exportoffensive einreiht.

Yildiz Asan: Wie ist die Schweizer Wirtschaft in der Türkei aufgestellt und wie hat sich der Handel entwickelt?

Ümit Özeflatun: Die Wirtschaftskrise hatte auch auf die Handelbeziehungen beider Länder einen negativen Einfluss. 2008 exportierte die Schweiz in die Türkei etwa für 2.5 Milliarden Franken. 2009 waren es noch Güter im Wert von 1.8 Milliarden Franken. Das ist ein Minus von etwa 27 Prozent. Auch die türkischen Exporte in Richtung Schweiz haben abgenommen. 2008 importierte die Schweiz türkische Güter im Wert von 809 Millionen Franken. 2009 waren es noch 690 Millionen Franken. Hier wird ein Minus von 14.7 Prozent zu verzeichnen. Aber laut den Zahlen des ersten Quartals von diesem Jahr, die mir vorliegen, hat das Jahr 2010 viel versprechend angefangen.

Yildiz Asan: Welche Standortvorteile hat die Türkei zu bieten?

Ümit Özeflatun: Durch die ideale geographische Lage zwischen Ost und West, Nord und Süd bildet die Türkei eine ideale Exportbasis. Von hier aus können Unternehmen rasch insgesamt 1,5 Milliarden Menschen in den umliegenden Ländern erreichen. Das sind hervorragende Chancen für ausländische Investoren.
Hinzu kommt die demographische Perspektive der Türkei. Das Durchschnittsalter der türkischen Bevölkerung beträgt gerade mal 28,5 Jahre. Damit sind etwa 61 Prozent der 72 Millionen Einwohner unter 34 Jahre alt. Einen Mangel an jungen, motivierten und gut ausgebildeten Arbeitskräften, haben Unternehmen, die in der Türkei Fuss fassen wollen, nicht zu befürchten.

Yildiz Asan: Hat die Türkei grosses Interesse daran, seine Wirtschaftsbeziehungen mit der Schweiz zu vertiefen?

Ümit Özeflatun: Die Schweiz und die Türkei haben schon allein aus historischer Sicht ein Interesse an einer guten Beziehung. Denn nach dem zweiten Weltkrieg übernahmen die regierenden türkischen Nationalisten das schweizerische Zivilgesetzbuch und schafften damit die islamische Scharia ab. Doch die gute Beziehung wird immer wieder durch die politischen Folgen der Anerkennung des «armenischen Völkermordens» durch das Schweizer Parlament im Jahr 2003 getrübt. Deswegen erfahren Schweizer Unternehmen hin und wieder beispielsweise bei der Vergabe von öffentlichen Verträgen Benachteiligungen im türkischen Markt. Deswegen drängen sowohl die Türkei als auch die Schweiz mit verschieden Initiativen die offiziellen Wirtschaftbeziehungen zu wiederbeleben.

Yildiz Asan: Was tut die Türkei, um diese Beziehungen zu vertiefen?

Ümit Özeflatun: Die Türkei will mit umfangreichem Förderprogramm die bilateralen Wirtschaftbeziehungen weiter ausbauen. So wurde die reguläre Körperschaftssteuer für Technologieintensive Produktion von 20 Prozent auf bis zu 2 Prozent reduziert. Neben den diesen und weiteren Investitionsanreizen existieren 20 Freihandelszonen, in denen Unternehmen weder Ausfuhrzölle noch Mehrwertsteuer leisten müssen sowie 31 Technologieentwicklungszonen, in denen Forschung und Entwicklung von der Einkommens- sowie Körperschaftssteuer befreit sind. Hinzu kommt, dass die Ausgaben für Forschung und Entwicklung auch auserhalb dieser Zonen zu 100 Prozent von der Steuer absetzbar sind.

Ausserdem bietet die türkische Wirtschaftsförderung Investment Support and Promotion Agency of Turkey (ISPAT) investierenden Unternehmen einen kostenlosen Service an. Die Organisation, die unmittelbar dem Premierministerium untersteht, zeigt ausländischen Unternehmen Investitionsmöglichkeiten auf und leistet Hilfestellung bei der Expansion in die Türkei.

Yildiz Asan: Der Energie- und Rohstoffsektor ist eine bedeutende Wirtschaftsbranche in der Türkei. Wie steht es hier um die Zusammenarbeit mit der Schweiz?

Ümit Özeflatun: 2009 bescherte die Wirtschaftkrise dem Energiesektor eine Verschnaufpause. So ging der Primärenergieverbrauch um etwa 6.7 Prozent zurück. Leider wurden im letzten Jahr aber auch wichtige energiepolitische Fragen nicht beantwortet. Deswegen erwarten wir dieses Jahr mit der Verabschiedung eines neuen Gesetzes über erneuerbare Energien sowie Entscheidungen in der Kernenergie- und Windkraftnutzung. Wegen diesen ungeklärten Fragen ist die Investitionen von Schweizer Unternehmen in den Energiesektor noch zurückhaltend. Doch dieser Sektor ist sehr viel versprechend. Denn die staatliche Plankommission rechnet mit einem Zuwachs von 6.7 Prozent beim Primärverbrauch und einer Steigerung der Elektrizitätsnachfrage von rund 4 Prozent. Um diesen Bedarf decken zu können, sind laut dem Energieminister Taner Yildiz Investitionen von etwa 120 Milliarden Dollar notwendig.

Yildiz Asan: Wie gross ist der Markt für Cleantech in der Türkei?

Ümit Özeflatun: Leider hat die Türkei bei dem wirtschaftlichen Wachstum, den sie in den letzten Jahren erlebt hat, nicht genügend auf die Umwelt Rücksicht genommen. So ist zum Beispiel im Energiesektor die Energieeffizienz kein Fremdwort mehr. Dennoch konzentriert sich die öffentliche Diskussion aber eindeutig auf den Ausbau der Erzeugungskapazität.
Doch der Weg der Türkei in die EU zwingt sie in diesem Bereich mehr zu tun. Und egal ob sie einmal ein Vollmitglied wird oder nicht, allein die bereits umgesetzten Kriterien sind für die türkische Wirtschaft positiv.

Yildiz Asan: Wie gross ist das Interesse von Schweizer Firmen an diesem Markt?

Ümit Özeflatun: Das Interesse an einer Vertiefung der Zusammenarbeit im Energiesektor ist gross. Deswegen unterzeichneten der Energieminister Moritz Leuenberger und sein türkischer Amtskollege Taner Yildiz im November 2009 am  5. Economic Forum der Schweizerischen Handelskammer, die paralell zur Renex in Istanbul stattfand, ein entsprechendes Abkommen.

Yildiz Asan: Wird es dieses Jahr einen Swiss Pavillon an der Internationalen Messe für erneuerbare Energien Renex geben?

Ümit Özeflatun: Letztes Jahr war der Schweizer Pavillon an der Renex nicht so gross, wie wir das geplant haben. Ich gehe aber davon aus, dass T-Link, der die Schweizer Pavillons organisiert, dieses Jahr mehr Erfolg haben wird.

Yildiz Asan: In welchen anderen Branchen ist Wissen und Technologie aus der Schweiz besonders gefragt?

Ümit Özeflatun: Schweizer Unternehmen sind in der Türkei ziemlich gut vertreten und decken verschiedene Sektoren wie Maschinenindustrie, Chemie und Pharma, Banken und Versicherungen. Aber auch für den Uhrensektor ist die Türkei ein wichtiger Markt.

Yildiz Asan: Auf welche Hindernisse trifft ein kleines oder mittelgrosses Unternehmen, wenn es in die Türkei gehen will?

Ümit Özeflatun: Es gibt einige Hindernisse, auf die ein Unternehmen in der Türkei trifft. Doch die Türkei hat sich in dieser Hinsicht schon positiv bewegt. Die Regierung wird ein Gesetz erlassen, nach dem ausländische und türkische Firmen bei der Besteuerung gleichgestellt werden. Bereits 2006 wurde nach mehrjährigen Verhandlungen ein bilaterales Abkommen zwischen der Schweiz und der Türkei zur Vermeidung von Doppelbesteuerungen aufgesetzt, dass noch in diesem Jahr unterzeichnet wird.

 

 

Zur Person:
Ümit Özeflatun ist Präsident der Schweizerischen Handelskammer in der Türkei und Geschäftführer von OTTO'S Türkei.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

 

Cleantech.ch

cleantech_ch

SCA_LOGO_RGB_marginal
mit swisscleantech ins neue Energiezeitalter

Meistgelesene Artikel

    Abonnieren Sie noch heute Ihren persönlichen Newsletter.
    Noch grössere Aktualität erhalten Sie mit unserem RSS-Feed.

    Kalender

    Der Veranstaltungskalender wird vorbereitet.

    {Zum Kalender}

    Magazin Cleantech Switzerland

    Magazin Cleantech Switzerland 2011-1

    Gründungssponsoren