Abschied von der Zukunftsmusik

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 30.04.10
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Die Weltausstellung in Schanghai beschäftigt sich mit nachhaltiger Stadtentwicklung. Bessere Städte – besseres Leben, so lautet das Leitmotiv. Doch die reinen Ökostädte, die alle Umweltprobleme auf einen Schlag lösten, haben das Nachsehen.

Dongtan ist die Zukunft gewesen. Die Ökostadt auf einer Insel vor Schanghai hätte jetzt eröffnet werden sollen, pünktlich zur Weltausstellung. Die Stadt hätte die modernste Technik vereint, um die Auswirkungen auf die Umwelt möglichst niedrig zu halten. Hier sollten dieses Jahr schon 25000 Menschen leben. Doch daraus wird nichts. Die Zukunft ist vorbei, bevor sie angefangen hat. China hat nach vier Jahren Planung auf Dongtan verzichtet. „Offiziell, um ein Vogelschutzgebiet zu bewahren", sagt Steffen Lehmann, Unesco-Professor für nachhaltige Stadtentwicklung in Asien an der Universität Newcastle in Australien.

Zu kompliziert, zu teuer

Die futuristische Ökostadt bei Schanghai steht damit nicht allein. Auch das ähnlich ehrgeizige Masdar bei Abu Dhabi am Persischen Golf will nicht recht vom Fleck kommen. Ursprünglich hätte der erste Stadtteil im nächsten Jahr fertig sein sollen, die ganze Stadt dann 2016. Hier sollen eines Tages 50000 Menschen leben und 90000 Menschen arbeiten, ohne netto Kohlendioxid auszustossen. Doch bisher wohnt im 6,5 Quadratkilometer grossen Masdar niemand. Immerhin soll noch dieses Jahr das Masdar Institut eröffnet werden, eine kleine Technische Universität. Auch eine grosse Photovoltaikanlage mit einer Kapazität von 10 Megawatt – die grösste am Golf – ist bereits in Betrieb. Der Rest ist gelber Wüstensand.

Masdar hätte mit Investitionen von 22 Milliarden Dollar zur modernsten Stadt der Welt werden sollen. Doch der Teufel steckt im Detail: Geld allein reicht nicht, es braucht auch die technischen Lösungen. Die Liste der Probleme scheint aber immer länger zu werden. Zuletzt musste etwa festgestellt werden, dass das Grundwasser unter Masdar nicht zu Trinkwasser aufbereitet werden kann – es ist noch salziger als das Wasser im Meer. Zudem fängt in Zeiten des Beinahebankrotts von Dubai auch der ölreiche Nachbar Abu Dhabi an zu rechnen.
Immerhin, Masdar wird weiter gebaut. Das Emirat hält ausdrücklich daran fest. Es dauert nur länger, über 2020 hinaus.

Bewohner müssen mitreden

China hat bereits einen Schwenk vollzogen: weg von futuristischer Zukunftsmusik hin zu langfristig orientierter Stadtplanung. Steffen Lehmann verweist auf Wanzhuang eine Stadt zwischen Tjianjin und Peking. Ursprünglich war auch hier eine „normale" Ökostadt ohne Rücksicht auf die örtlichen Gegebenheiten geplant worden. Doch dann wurden die 100000 Bewohner der Gegend in die Planungen einbezogen, der Plan selber an die Topographie angepasst. Umbau statt völliger Neubau. „In Wanzhuang werden jetzt Herangehensweisen erprobt, die für China ganz neu sind", sagt Lehmann. Die Energie der Stadt soll aus Wind, Sonne, Biomasse und Erdwärme kommen. Wenn der neue Ansatz in Wanzhuang greift, dann könnte er auch anderswo im Reich der Mitte mit seinen rasant wachsenden Städten angewandt werden.

Ökostadt im Ruhrpott gesucht

Sorgsamer Umbau statt techniklastiger Zukunftsmusik, das findet auch in Europa statt: Der Initiativkreis Ruhr, in dem sich 59 im Ruhrgebiet tätige Unternehmen zusammengeschlossen haben, plant zusammen mit dem Land Nordrhein-Westfalen eine Innovation City Ruhr. Bis Oktober wird eine Stadt oder ein Stadtteil im Ruhrgebiet, die bereit ist, zu einer Niedrigenergiestadt umzuwandeln. Dabei soll der Energiebedarf bis 2020 halbiert werden. Die vorhandenen Gebäude sollen vollständig saniert und die Neubauten nach dem heutigen Stand der Technik energieeffizient gebaut werden. Gesucht werden Stadtregionen mit 30000 bis 70000 Einwohnern.

Das Konzept, Vorhandenes energieeffizient umzubauen und um Modernes zu ergänzen, ist nicht neu. Eines der Vorbilder in Europa ist Vauban in Freiburg i.Br.: Aus den einstigen französischen Kasernen wurde ein verkehrsberuhigtes, energieeffizientes neues Quartier der Universitätsstadt. In der schwedischen Hauptstadt Stockholm verfehlt Hammarby Sjöstadt, eine einstige Industriebrache, zwar ihr ursprüngliches Ziel, den schädlichen Umwelteinfluss zu halbieren. Erreicht werden laut Erik Freudenthal vom Informationszentrum des Quartiers nur bis zu minus 40 Prozent. Aber auch das war genug, um Stockholm in diesem Jahr zur ersten grünen Hauptstadt der EU zu machen – und zum gut besuchten Vorbild für Stadtplaner.

Mehr als Gebäudeeffizienz

Energieeffiziente Gebäude sind heute vielerorts bereits Alltag. Dazu haben Standards wie Minergie in der Schweiz und Passivhaus in Deutschland und Österreich beigetragen. Aber energieeffiziente Häuser allein machen noch keine umweltschonenden und lebenswerten Städte. Heute stehen Stadtplaner daher vor der nächsten Herausforderung: Wie werden die vorhandenen Techniken so verbunden, dass die ganze Stadt ihren schädlichen Umwelteinfluss verringert – und trotzdem machbar und bezahlbar sind? Dabei braucht es mehr als erneuerbare Energien und Wärmedämmung. Es braucht eine griffige Raumplanung, die sorgsam mit dem Boden umgehen kann. Es braucht Verkehrskonzepte, die Mobilität ermöglichen und Verkehr beschränken – vor allem den Autoverkehr. Das ist aufwendig. Aber nur so entstehen „bessere Städte", die ein „besseres Leben" ermöglichen, wie es das Leitmotiv der Weltausstellung ist.

 

Bild: Shanghai-Pavillion an der Expo 2010 in Shanghai (http://en.expo2010.cn).

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