Die Krake von der Wall Street

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Geschrieben von: John Dyer, Boston 26.04.10
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Profitieren, wenn andere verlieren: Das Bankhaus Goldman Sachs ist für viele Amerikaner zum Symbol für alles Negative der Wall Street geworden. Goldman scheint immer zu gewinnen, was auch kommt. So gut kann keiner sein, denken die meisten Amerikaner, und vermuten Schlimmes dahinter.

An der Wall Street spricht man vom Vampir-Kraken, einem Tiefseemonster, das im Dunkeln seine Opfer mit Fangarmen einfängt und ihnen den Lebenssaft aussaugt. Gemeint ist Goldman Sachs. Der Name hat sich im letzten Jahr eingebürgert, als die Analysten mit Erstaunen zusahen, wie Goldman massive Gewinne auswies, während der Rest der Wall Street litt und die Arbeitslosigkeit im Lande durch die Decke schoss. Jetzt, da Goldman Sachs von der Aufsichtsbehörde SEC Betrug vorgeworfen wird, bekommt dieser Ausdruck eine ganz neue Bedeutung. Viele Amerikaner sehen in dem Verfahren einen Beweis dafür, dass die blutsaugenden Tentakeln von Goldman zu tief ins wirtschaftliche und politische System reichen.

Goldman ist überall

„Das erste, das man über Goldman Sachs wissen muss, ist, dass sie überall sind”, schrieb Matt Taibbi im vergangenen Jahr im Magazin Rolling Stone, wo der Ausdruck Vampir-Krake das erste Mal auftauchte. „Die mächtigste Investmentbank der Welt ist ein großer Vampir-Krake, der sich um das Gesicht der Menschlichkeit geschlungen hat und seine Blutsauger gnadenlos in alles rammt, das nach Geld riecht.”

Taibbis Einsicht war nicht wirklich neu. Denn seit Jahren waren die Goldman-Verbindungen in Washington und darüber hinaus öffentlich bekannt, wenn auch nicht deren Ausmaß. Nun wird das von der Bankenaufsicht SEC angestrengte Verfahren als ein Ersatz-Duell zwischen der Bank und ihren Kritikern angesehen. Diese Kritiker sind oft dieselben, die eine durchgreifende Finanzreform verlangen.

„Goldman hat in der öffentlichen Meinung einen regelrechten Absturz erlitten”, sagt Eric Jackson, der in Florida einen „Aktivisten”-Hedge Fond betreibt, der sich ethisch einwandfreie anlagen zum Ziel gesetzt hat. „Das ist ein hinreichender Grund, Dinge zu verändern.” Und auch bei Goldman selber gibt man zu, dass man ein Problem mit dem Ansehen in der Öffentlichkeit hat. Im vergangenen Monat veröffentlichten Jahresbericht wird zugegeben, dass die Unpopularität das Geschäft beeinträchtigen kann.

„Zu gierig, um zu existieren”

Die SEC wirft Goldman vor, gemeinsame Sache mit dem Hedgefonds-Manager John Paulson gemacht zu haben, um hypothekengebundene Anlagen an Kunden zu verkaufen, während man darauf setzte, dass diese Investitionen wertlos würden. „Ich gewinne den Kopf und Du verlierst das Hinterteil” lautet die volkstümliche Umschreibung solcher Geschäfte, die von vielen Amerikanern als typisch für das Verhältnis von Wall Street und „Mainstreet” - also Normalbürgern und Mittelstandsunternehmern - angesehen wird.

Paulsons Ruf war ohnehin angeschlagen. Er soll am Platzen der Immobilienblase 2007 rund vier Milliarden Dollar verdient haben.

Angesichts des Drucks, den Präsident Barack Obama derzeit auf den US-Kongress ausübt, um seine geplante Finanzreform durchzusetzen, fragt man sich in Washington, ob das SEC-Verfahren gegen Goldman nicht zeitlich so gelegt wurde, dass es die Bemühungen Obamas und der Demokraten unterstützt. Sollte das der Fall sein, so war diese Taktik erfolgreich. Denn das Verfahren schmälert nach Ansicht der Experten die Chancen von Wall Street, politisch dagegen Einfluss zu nehmen.

„Goldman Sachs betrachtet sich wahrscheinlich als eines der Unternehmen, das zu groß - oder zu wichtig - ist, um zu scheitern”, schrieb John Crudele in seiner an der Wall Street viel gelesenen Kolumne in der New York Post. „Dabei ist es einfach zu gierig, um zu existieren.”

Göttlicher Beistand?

Diesmal könnten die politischen Verbindungen Goldmans nicht ausreichen, um das Haus vor empfindlichen Strafen im SEC-Fall zu schützen. In der Vergangenheit waren diese Beziehungen als Garant für den Erfolg Goldmans angesehen worden. Die früheren Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush haben ehemalige Spitzenmanager von Goldman als Finanzminister berufen. Auch der Präsident der New Yorker Federal Reserve Bank, der wichtigsten unter den zwölf Filialen der Notenbank, ist ein Ex-Goldman-Manager, wie auch der frühere Gouverneur von New Jersey.

Politische „connections” sind nur die eine Seite des Einflusses von Goldmans. Der Investmentbank wird vorgeworfen, für die Erdöl-Blase von 2007 verantwortlich zu sein und Griechenland geholfen zu haben, seine Staatschulden vor der Europäischen Union (EU) zu verschleiern, was den Euro unter Druck gebracht hat. Aber bei Goldman scheint man über allen Vorwürfen zu thronen. Der Vorstandsvorsitzende Lloyd Blankfein meinte einmal vor Reportern auf die Frage, ob man in der Krise bei der Auszahlung hoher Boni an Mitarbeiter keine Schuldgefühle habe: „Wir tun Gottes Werk.”

 

Bild: Goldman Sachs Tower in New Jersey (VladLazarenko/Wikimedia Commons. Das Bild ist frei erhältlich unter http://en.wikipedia.org/wiki/File:GoldmanSachsTower-at-Night_4288x2848_JerseyCity.jpg
  und ist lizensiert nach Creative Commons)

 

 

 

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