Earth Day mit einem Hauch Nostalgie

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Geschrieben von: John Dyer, Boston 22.04.10
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Seit 40 Jahren wird in den USA der Earth Day begangen. Gingen 1970 Millionen auf die Strasse, hat das Thema seither an Mobilisierungspotential verloren. Dennoch wird am Sonntag in Washington gefeiert.

Der 40. Geburtstag des Earth Day, des Tages der Erde und des Umweltbewusstseins, ist für viele Amerikaner eine bittersüsse Angelegenheit. Am 22. April 1970 feierten rund 20 Millionen Amerikaner den Tag des Planeten und forderten die Regierung auf, die Umweltverschmutzung zu reduzieren, unregulierte Deponien für Chemikalien und andere giftige Stoffe zu schließen. Die meisten dieser Demonstranten waren Studenten und Akademiker. Die Kampagne zeigte Wirkung. Die US-Regierung richtete die Umweltbehörde EPA ein und legte die Clean Air Act, das Bundesgesetz zur Luftreinhaltung vor, das zur drastischen Verringerung des Smogs in amerikanischen Grosstädten führte.

Herausforderungen nicht mehr zum Anfassen

Weltweit feiern jetzt mehr als eine Milliarde Menschen den Earth Day. Dennoch hat sich seit 1970 viel verändert. Der Kampf gegen die Umweltverschmutzung und Chemiemüll ist abgelöst worden von politischen Debatten um Klimawandel und wirtschaftliche Entwicklung. Der Hauch von Industriefeindlichkeit des Earth Day von 1970 ist ebenfalls verflogen, seit die Großindustrie sich umweltbewusst gegenüber ihren Kunden gibt und daraus werbewirksam Kapital schlägt.

„1970 war das, wofür wir die Menschen mobilisierten, greifbar. Man konnte es sehen, riechen, schmecken”, sagt Denis Hayes heute, der den ersten Tag der Erde organisiert hatte und auch am kommenden Sonntag den Earth Day 2010 in Washington D.C. leitet. „Die großen Fragen, die es heute noch gibt, kann man ohne moderne Instrumente gar nicht erkennen. Es sind Dinge wie der Klimawandel und die Übersäuerung der Ozeane - große Fragen, aber keine, bei denen man sehen könnte, wie sie Ihren Kindern schaden.”

Feste in allen Städten der USA

Dennoch plant jede größere Stadt der USA Veranstaltungen zum Earth Day. Im Herzen von Washington wird der alljährliche Aufmarsch auf der National Mall stattfinden. Dabei werden Redner auftreten wie der Schwarzenführer Reverend Jesse Jackson und der Bühnenstar Sting. New York veranstaltet Feiern in allen fünf Bezirken, mit Touren in der Untergrundbahn zum Thema Umwelt. Viele Städte halten kohlendioxidfreie Festivals ab. So in San Francisco, wo die Organisatoren der Parade Spenden sammeln, um die Festwagen aus recyceltem Material zu bauen und mit Bio-Sprit zu bewegen. Man wolle nicht die hundertprozentigen Umweltschützer erreichen, sondern „Leute, die noch nichts vom Earth Day wissen”, sagt Douglas Kolberg, einer der Organisatoren.

Das Geschehen in der amerikanischen Umweltpolitik fällt gegenüber diesem Aktivismus stark ab. Die Gesetzgebung zum Klimawandel kommt auf dem Capitol Hill in Washington, dem Sitz des US-Kongresses nur langsam voran. Das Repräsentantenhaus hat im vergangenen Jahr ein Gesetz zur Einführung eines Emissionshandels nach europäischem Muster beschlossen. Aber die Republikaner im Senat haben das Gesetz auf Eis gelegt. Man rechnet in den kommenden Wochen mit einer überparteilichen Vorlage. Earth Day-Gründer Hayes erwartet dabei eine Enttäuschung: „Jede der aufeinander folgenden Veränderungen hat das (Gesetz) immer weiter abgeschwächt und geschwächt und geschwächt. Bis man einen Gesetzentwurf hat, der zwar ausreichend Stimmen bekommt, aber tatsächlich nichts mehr wert ist.”

Nicht jeder glaubt an Klimawandel

Den Kritikern der Vorlage hilft die neue Tea Party-Bewegung in den USA. Diese Bewegung von unten entstand aufgrund der gigantischen Geldspritzen Washingtons für Banken und Industrie. Sie richtet sich gegen zuviel Staatsausgaben, zuviel Steuern, zuviel staatliche Eingriffe ins Leben der Bürger. Und die meisten ihrer Anhänger mögen nicht so recht an die prohezeiten schrecklichen Auswirkungen des Klimawandels glauben, wie eine Umfrage der New York Times ergeben hat. 15 Prozent halten den Klimawandel insgesamt für eine Erfindung. „Die Alarmrufer in Sachen Erderwärmung haben in ihrer Medienkampagne übertrieben”, meint James Taylor vom Heartland-Institute in Chicago, das für marktgerechte Lösungen von Umweltproblemen eintritt. „Jetzt glaubt ihnen die Öffentlichkeit nicht mehr viel von dem, was sie sagen.”

Grün - ein gutes Geschäft

Es gibt aber noch genügend Amerikaner, die an den Klimawandel glauben. Das macht sie zur Zielgruppe der Marketingstrategen, die zurzeit Earthday-Produkte an den Mann bringen wollen. Dass dabei der Konsum befördert wird, den die Earth Day-Bewegung vor 40 Jahren angeprangert hat, ist Ironie des Schicksals. Der Spielzeughersteller FAO Schwarz hat eine grüne Linie von Spielzeugen aufgelegt, bei denen besonders der grüngefärbte Pinguin aus Torf hervorsticht. Er soll Kinder zum Mülltrennen und Recycling erziehen.

Hayes sieht das skeptisch und spricht von einem „lächerlichen pervertierten Marketing”, das das Konzept dessen, was Grün wirklich bedeute, zum billigen Verkaufsschlager machen wolle. Hayes: „Es ist tragisch.”

 

Bild: University of Texas in Austin

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