Solarinseln kommen aufs Dach

Drucken
E-Mail
Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 29.03.10
Bookmark and Share
Stichworte:       

Ursprünglich waren sie für das Meer gedacht. Nun kommen die Solarinseln im Miniformat auf die Dächer Schweizer Städte, sagt ihr Vater Thomas Hinderling. Sie sollen Wasser für Fernwärmenetze aufheizen. Später sollen grosse Solarinseln in sonnenreichen Ländern folgen.

Steffen Klatt: Was ist die Stärke der Solarinseln im Verhältnis zu herkömmlichen Lösungen?

Thomas Hinderling: Wir sind von Anfang an davon ausgegangen, dass wir erneuerbare Energie zu vernünftigen Kosten liefern müssen. Die heutigen Subventionen gehören aus unserer Sicht bald der Vergangenheit an. Die erneuerbaren Energien müssen sich bald selbst finanzieren. Dazu braucht man Lösungen, die viel stärker auf die Rentabilität in freien Märkten Rücksicht nehmen.

Dabei ist zweierlei zu beachten. Da sind einerseits die Solarpaneelen selbst, welche die Solarenergie in brauchbare Energie umsetzen – also in Strom oder in Wärme. Da ist andererseits die Frage, wie die Paneele am Boden befestigt und wie sie der Sonne nachgeführt werden – und dies für grosse Flächen. Denn es braucht grosse Flächen, weil die Menschheit heute sehr grosse Mengen von Energie konsumiert und gleichzeitig die spezifische Energie der Sonne mit rund einem Kilowatt pro Quadratmeter doch relativ beschränkt ist.

Steffen Klatt: Besteht Ihre Grundidee darin, dass sich die Solarpaneele wie eine Sonnenblume nach der Sonne ausrichten?

Thomas Hinderling: Ja. Und dass sie das auf billige Weise tun. Es gibt bereits viele Lösungen, die einzelne Paneele bewegen. Das macht sie sehr teuer.

Steffen Klatt: Und Sie haben alle Paneele auf eine einzige bewegliche Bühne gesetzt…

Thomas Hinderling: Genau. Damit drehen sich alle Paneele miteinander. Damit braucht es nur einen einzigen Mechanismus für das Ganze. Damit können ausserdem die Paneele einfacher montiert werden, weil sie nicht am Boden festgemacht werden müssen. Bei unserer Lösung gibt es eine vorfabrizierte Lösung der Solarinseln. Dort können die Paneele sehr einfach eingesteckt werden.

Steffen Klatt: Bei Inseln denkt man an Wasser. Sind sie nur für Wasser geeignet?

Thomas Hinderling: Die Solarinseln sind ursprünglich für das Wasser konzipiert worden. Aber auf dasWasser muss man erst ausweichen, wenn die verfügbaren Flächen auf dem Land bereits besetzt oder teuer sind. Das trifft auf bestimmte Staaten wie Singapur und Zypern zu, die am Wasser liegen und selber wenig Landfläche haben. In vielen anderen Ländern wird an Landflächen gedacht, besonders dort, wo grosse stark besonnte Flächen zur Verfügung stehen wie in Nord- und Südafrika. Deshalb haben wir das Konzept auf Inseln auf dem Land erweitert.

Steffen Klatt: Ist das Konzept für Gebiete entwickelt worden, in denen sehr viel Sonnenenergie zur Verfügung steht?

Thomas Hinderling: Ja. Es gibt zwei Marktsegmente. Zum einen gibt es Solarenergie, die künftig in grossen Mengen zur Verfügung stehen muss. Dafür wird es grosse Solarkraftwerke geben. Wenn man rentabel sein will, dann müssen diese Kraftwerke möglichst zwischen den Wendekreisen gebaut werden. Die grossen Kraftwerke werden also im Süden liegen. Das hat nicht nur mit der Intensität der Sonne zu tun, sondern auch die Tatsache, dass die saisonalen Unterschiede umso kleiner sind, je näher man am Äquator ist. Grosse Kraftwerke können nicht rentabel sein, wenn im Sommer viel und im Winter wenig Energie zur Verfügung steht. Dieser Markt ist also im Süden (Süden und Norden vertauschen sich natürlich auf der südlichen Hemisphäre der Erde).

Zum anderen gibt es den Markt im Norden. Dabei geht es etwa darum, mit Photovoltaik Elektrizität zu gewinnen, oder die Sonnenenergie direkt in Wärme umzuwandeln. Dieser Markt ist aus meiner Sicht nur rentabel, wenn er subventioniert wird. Das ist heute der Fall. Deshalb kann man auch hier versuchen, das gleiche besser zu machen als bisher.

Steffen Klatt: Wird dieser Markt wegfallen, wenn die Subventionen wegfallen?

Thomas Hinderling: Sicher nicht ganz. Es wird spezielle Situationen geben, in denen das weiterhin möglich ist. Und der Markt der Solarwärme wird sehr wichtig bleiben. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die ganze Photovoltaik und die Elektronik, die es dafür braucht, so billig werden, dass es sich bei dieser schwachen Besonnung bei uns lohnt.

Steffen Klatt: Wann werden die ersten Solarinseln zu sehen sein?

Thomas Hinderling: Ich hoffe, in einem halben Jahr. Es ist ja äusserst interessant, die Sonnenenergie in heisses Wasser umzuwandeln. Das macht man heute schon mit den Kollektoren. Dabei kommt man aber nur auf relativ niedrige Temperaturen, um die 80 bis 90 Grad. Besser wäre konzentrierte Solarenergie. Bisher war das sehr teuer. Mit unseren Minisolarinseln dagegen können wir es sehr kostengünstig machen.

Steffen Klatt: Wo werden diese Minisolarinseln installiert?

Thomas Hinderling: Typischerweise auf Dächern von Einkaufszentren, Spitälern, Industriegebäuden oder grossen Wohngebäuden. Die Minisolarinseln produzieren heisses Wasser unter Druck bis zu 150 Grad. Das ist dann kompatibel mit Fernwärmesystemen. Das ist auch sinnvoll. Denn die Energie, die wir in Europa brauchen, ist zu einem grossen Teil Heizenergie.

Steffen Klatt: Wo werden diese Minisolarinseln gebaut werden?

Thomas Hinderling: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf Schweizer Dächern. Wir haben konkrete Projekte in Lausanne, Genf, Neuenburg und Zürich. Die Unterschriften fehlen noch, aber wir sind ziemlich weit. Wir möchten auch auf einem Schweizer See ein relativ kleines Demonstrationsobjekt bauen.

Steffen Klatt: Auf dem Neuenburger See?

Thomas Hinderling: Ja, genau.

Steffen Klatt: Wann könnte eine grosse Solarinsel entstehen?

Thomas Hinderling: Die Idee einer grossen Solarinsel war der Ausgangspunkt gewesen. Wir haben aber gesehen, dass die Entscheidungen bei den grossen Kraftwerken sehr langsam getroffen werden. Wir haben konkrete Möglichkeiten in Chile und Brasilien, in Nordafrika, Singapur und Indien. Die Verhandlungen werden noch ein Jahr dauern, denke ich. Ich hoffe, dass wir in zwei Jahren eine solche Insel in Betrieb nehmen können.

Steffen Klatt: Sind auch die USA ein möglicher Markt für Sie? Dort gibt es ja grosse Flächen in sonnenreichen Gebieten.

Thomas Hinderling: Nolaris hat eine Niederlassung in Denver. Das ist für uns sehr interessant, weil dort im Winter geheizt und im Sommer gekühlt werden muss. Das können wir tun. Gleichzeitig gibt es grosse freie Flächen mit guter Besonnung.

Steffen Klatt: Zeichnet sich etwas in den USA ab?

Thomas Hinderling: Die Finanzkrise hat auch uns getroffen; wir hatten finanzielle Schwierigkeiten. Jetzt geht es aber wieder bergauf. Wir mussten die Aktivitäten in den USA stark zurückschrauben und hoffen, dass wir jetzt wieder beginnen können.

Steffen Klatt: Wie finanziert sich Nolaris bisher?

Unsere Finanzierung hat auf Darlehen und Kapitalerhöhungen beruht. Jetzt diskutieren wir eine neue Kapitalerhöhung mit zusätzlichen Interessenten. Das sieht derzeit gut aus.

Steffen Klatt: Wie lange braucht es, um die Investitionen zu amortisieren?

Thomas Hinderling: Wir glauben, dass wir in fünf Jahren eine wichtige Rolle auf diesem Markt spielen werden. Aber wir glauben auch, dass wir diese fünf Jahre dafür brauchen. Ich habe gelernt, etwas geduldiger zu sein. Diese grossen Märkte bewegen sich nicht sehr schnell. Aber schon in drei Jahren werden sich die Investitionen amortisiert haben.


Zur Person:
Thomas Hinderling, Jahrgang 1946, ist Gründer und Chef von Nolaris, dem Entwickler von Solarinseln. Von 1997 bis 2009 war er Chef des CSEM (Centre Suisse d’Electronique et de Microtechnique) in Neuenburg. Hinderling hat an der Universität Zürich Kernphysik studiert und später für die US-Raumfahrtbehörde NASA im Bereich der Computertomographie gearbeitet.

Bild: zvg

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

 

Cleantech.ch

cleantech_ch

SCA_LOGO_RGB_marginal
mit swisscleantech ins neue Energiezeitalter

Meistgelesene Artikel

    Abonnieren Sie noch heute Ihren persönlichen Newsletter.
    Noch grössere Aktualität erhalten Sie mit unserem RSS-Feed.

    Kalender

    Deprecated: Function ereg_replace() is deprecated in /home/www-data/nachhaltigkeit.org/components/com_jcalpro/config.inc.php on line 405

    Der Veranstaltungskalender wird vorbereitet.

    {Zum Kalender}

    Magazin Cleantech Switzerland

    Magazin Cleantech Switzerland 2011-1

    Gründungssponsoren