Dmitri Medwedew will Russland für Innovationen fit machen. Und Viktor Wechselberg soll dabei helfen. Er wird Koordinator einer „Innovationsstadt", die in der Nähe der Hauptstadt entstehen soll. Skeptiker warnen, das Vorhaben könnte an behördlicher Willkür scheitern.
Die Entscheidung ist gefallen. Der Koordinator der russischen „Silicon-Valley" wurde der Multimilliardär Viktor Wechselberg. Das gab Präsident Dmitri Medwedew am Montag bei einem Besuch in der Öl- und Gashauptstadt Chanty-Manssijsk bekannt. Kurz zuvor galt noch sein Oligarchenrivale Michail Prochorow als der aussichtsreichste Anwärter auf diesen Posten. Nun wird über die Hintergründe dieser Entscheidung spekuliert. Der in einen bekannten Skandal im französischen Skikurort Courchevel verwickelte Playboy Prochorow sei dem Kreml zu windig, heisst es unter anderem. Medwedew hebe sich Prochorow als neuen NOK-Chef auf, besagt eine andere Version. Wechselberg hat bei der Landesführung ein Stein im Brett, seit er 2004 eine Sammlung von Fabergé-Eiern für eigenes Geld nach Russland holte. Verwandte Themen| { Masdar speckt ab, 22.03.10 } | | { Masdar nimmt eine Denkpause, 04.03.10 } | | { Ausgezeichnete IT-Lösungen , 12.02.10 } | | { Masdar verzögert sich, 06.01.10 } | | { Die grünen Milliarden spriessen, 08.12.09 } | | { Die Pioniere wollen wachsen, 22.11.09 } | | { Auch bei Cleantech zählt Qualität, 18.11.09 } | | { Die Welt als Legobaukasten, 17.11.09 } | | { Vorbilder öffnen die Tür, 26.10.09 } | | { Masdar baut die Zukunft, 28.09.09 } | | { Innovative Unternehmer gesucht, 02.09.09 } | | { Innovation braucht Netzwerke, 24.08.09 } | | { Frischer Wind am Bosporus, 19.08.09 } | | { Elektronikindustrie wird grün, 14.08.09 } | | { Der Staat verschenkt grünes Geld, 19.06.09 } |
Präsident entschied sich für staatliches Bauland
Die Kandidatur eines Staatsbeamten hatte der „strategische Koordinator" des Gesamtvorhabens, Vizechef des Kremlpräsidialamts Wladislaw Surkow bereits ausgeschlossen. Es müsse ein Grossunternehmer werden, sagte er. Ursprünglich sollte der Chef der staatlichen Gesellschaft Rosnano, Ex-Reformer Anatoli Tschubais die Gesamtleitung übernehmen. Er ist aber Staatsbeamter. Auch gilt er als der schlimmste Buhmann der Opposition. Ausserdem plädierte er für Tomsk oder Nowosibirsk als Standort des neuen „Innograd". Medwedew wollte dagegen sein Lieblingskind jederzeit griffbereit in seiner Nähe haben. Andere Anwärter boten jeweils ihnen gehörende Grundstücke in naher Umgebung Moskaus für den Bau der Zukunftsstadt an. Der Präsident war für staatseigenes Land, das nicht erst freigekauft werden muss. Von insgesamt 18 landesweit verstreuten Standortvorschlägen genügten nur das 100 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt gelegene Kernforschungszentrum Dubna und der Vorort Skolkowo im Westen Moskaus diesen Anforderungen. Medwedew entschied sich für das nur zehn Kilometer vor der Stadtgrenze liegende Skolkowo. Dort gebe es einen Vorlauf, sagte Präsident Dmitri Medwedew vorige Woche zur Begründung seiner Wahl. In Skolkowo ist seit 2006 eine Managerschule ansässig, deren Aufsichtsrat er selbst vorsteht.
Bau soll Ende nächsten Jahres beginnen
Die russische Silicon-Valley soll laut Medwedew keine Fortsetzung der Business-Schule werden, sondern unabhängig daneben wachsen. Dem staatlichen Forschungsinstitut der Landwirtschaft gehören Versuchsfelder mit einer Gesamtfläche von 307 Hektar in Skolkowo. Fünf Hightech-Bereiche sollen darauf angesiedelt werden: Energiewirtschaft, Informationstechnik, Telekommunikation, Biomedizin und Kerntechnik. Die Bauplanung werde rund ein Jahr in Anspruch nehmen, sagte der Präsidentenberater Arkadi Dworkowitsch. Mit dem Bau könne in der zweiten Jahreshälfte 2011 begonnen werden. Infrastruktur und Planungsunterlagen für nichtkommerzielle Objekte sollen aus dem Staatshaushalt finanziert werden. Bei kommerziellen und sozialen wird von der Mitfinanzierung durch Projektteilnehmer ausgegangen. Insgesamt soll das „Innograd" in drei bis sieben Jahren stehen.
Ausländische Partner gesucht
Eine Struktur solle schon bald geschaffen werden, sagte Surkow am Sonntag in einem Interview des russischen Staatsfernsehens. Sie werde sich aus russischen Entwicklungsinstituten sowie Wissenschafts- und Bildungsstätten rekrutieren. Auf einer späteren Stufe sollen auch angesehene ausländische Partner dazu stoßen. Die Teilnahme internationaler Partner sei ?kritisch wichtig?, so der Kremlbeamte. Deren Erfahrung werde Fehler vermeiden helfen. Andererseits sollen sie ?direkte Kommunikation mit der globalen Weltwirtschaft, der weltweiten wissenschaftlich-technischen Gemeinschaft der höchsten Ebene und den führenden Gesellschaften in allen High-Tech-Bereichen herstellen?. Das ?Innograd? solle von Anfang an international gestaltet werden. Die größten und modernsten Firmen sollen dort laut Surkow ihre Stäbe aufschlagen. ?Wenn sich dort im Endeffekt nicht zwei bis vier Nobelpreisträger niederlassen, bedeute dies, dass ?wir unser Ziel verfehlt haben?, erklärte er. Nach seinen Worten tritt Medwedew für eine besondere Verwaltungs- und Steuerregelung für die russische Silicon-Valley ein. Er vermied das Wort ?Steuerparadies?.
Stalin hatte Spezialgefängnisse für Forscher
Skeptiker glauben nicht an den Erfolg von Medwedews Unterfangen. Es werde unweigerlich eine Stalinsche „Scharaschka" daraus, meint der frühere Zentralbankvizechef Sergej Alexaschenko. In der Gangstersprache bedeutet dieses Wort „Abstellkammer". Im Volksmund wurden damit Gefängnisse bezeichnet, wo begabte Wissenschaftler in ihrem Hauptberuf arbeiten durften. Flugzeugkonstrukteur Andrej Tupolew, Leiter des Atomprojekts Igor Kurtschatow und der Vater der sowjetischen Raumfahrt Sergej Koroljow hatten eine „Zwangsforschervergangenheit". Der Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn beschrieb das Leben einer „Scharaschka", wo er als Mathematiker arbeiten musste. Wie die internationale Erfahrung zeige, setze eine echte Silicon-Valley volle Freiheit für deren Bewohner voraus, sagt der Oppositionspolitiker Wladimir Ryschkow. Stacheldraht ist hierbei nicht vorstellbar. Die Forscherstadt werde sich aber gegen Polizei-, Behördenwillkür und Korruption abschirmen müssen - mit einer vier Meter hohen Betonmauer oder anderen weniger auffälligen Mitteln, heißt es. Es werde aber das „bewährte" Gulag-Rezept - nur von innen nach außen gekehrt.
Bild: Der russische Oligarch Viktor Wechselberg ist Gründer und Besitzer der Renova Holding, die neben dem Ölkonzern TNK-BP und dem Aluminiumriesen RUSAL den Schweizer Technologiekonzern OC Oerlikon besitzt (www.renova.ru/osnova-eng/index.html).
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