Schweiz auf dem Innovationspfad

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius 24.03.10
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Die Energieversorgung der Zukunft ist erneuerbar, sagt BFE-Vizedirektor Michael Kaufmann, beim Bund zuständig für erneuerbare Energien. Umstritten ist, wie der Weg geebnet werden muss. Die Einspeisevergütung (KEV) ist laut Kaufmann ein wichtiger Schritt.

Yvonne von Hunnius: Die Kostendeckende Einspeisevergütung KEV und die Erneuerbaren Energien werden in der Schweiz besonders heiss diskutiert. Warum?

Michael Kaufmann: Viele Meinungsträger besonders auch im politischen Feld haben kaum Verbindung zum gesamten Bereich Cleantech. Sie befinden sich noch in der alten Welt – in der man Energie, durch Gas-, Atomkraftwerke und fossile Energien zu einem günstigen Preis zur Verfügung hat. In der neuen Welt jedoch ist Energie knapp und teuer. Neue Technologien kommen auf den Markt, die sich noch behaupten müssen. Und vielen fehlt schlicht das Wissen, dass diese neuen Technologien Unterstützung brauchen.

Yvonne von Hunnius: Befürworter appellieren in diesem Zusammenhang an den Schweizer Gründergeist…

Michael Kaufmann: Das ist der springende Punkt. Aber auch wenn insbesondere politische Meinungsträger hier noch sehr zurückhaltend sind, wächst in der Schweizer Wirtschaft die Erkenntnis, dass die Erneuerbaren gefördert werden müssen. Und dieses Spannungsfeld zwischen denjenigen, die die alte Welt bestimmen und denjenigen, die die Neue sehen, beherrscht die momentane Situation.

Eigentlich sind wir heute in derselben Lage, wie die Schweiz 1850 als Textil-, Turbinenfabriken und die Eisenbahn aufkamen. Deren schnelle Entwicklung und Förderung war die Grundlage des Schweizer Wohlstands. Jetzt stehen wir mitten in einer neuen technischen Revolution. Wenn die Schweiz sich hierauf nicht einstellt, dann wird sie die Kurve nicht erwischen.

Yvonne von Hunnius: Wo steht die Schweiz im Vergleich?

Michael Kaufmann: Wir sind bezüglich der Nutzung der neuen Erneuerbaren auf niedrigem Niveau. Aber das ist auch eine Chance, weil das Potential sehr gross ist. Ein Stichwort: Biomasse. Gemäss unseren Studien kann man hier 3-5 Mal mehr herausholen.

Yvonne von Hunnius: Aber wie ist Eigenversorgung zu gewährleisten?

Michael Kaufmann: Wir können diese Frage nicht nur im nationalen Kontext betrachten. Die Welt ist international und ein Solarstandort muss nicht in der Schweiz der beste sein – es gibt andere europäische Standorte, die man nutzen sollte. Auch bei den fossilen Energien hat man ja nicht gezögert, diese zu importieren.

Yvonne von Hunnius: Die Schweiz hat auch dank Atomkraft eine gute CO2-Bilanz. Wie stehen sie zu einer Atom-Renaissance?

Michael Kaufmann: 40 Prozent Atomkraft ist sicher einer der Gründe für die gute Schweizer Ausgangslage in Punkto CO2. Das ist jedoch keine Erneuerbare Energie. Wir müssen möglichst viel durch erneuerbare Energieträger ersetzen. Die direkte Verknüpfung zwischen Atomförderung und Klimapolitik ist ein Trugschluss. Es müssten dazu weltweit hunderte Meiler neu entstehen. Atomkraft in der heutigen Form ist möglicherweise für den Übergang geeignet, für die Zukunft ist es aber nicht die beste Energieform. Kapazitäten im Strombereich sollten langfristig zu hundert Prozent durch Erneuerbare aufgefangen werden. Und wir brauchen immer mehr Strom, da er fossile Energieträger im Gebäude- und im Mobilitätsbereich ersetzt. Wir befinden uns momentan in einem Prozess der Elektrifizierung. Wir brauchen also viele Erneuerbare – wenn es sein muss, durch Import.

Yvonne von Hunnius: Welche Rolle spielt die KEV hierbei?

Michael Kaufmann: Die KEV ist nur ein Instrument, um alternative zukünftige Energieformen an den Markt zu bringen, die heute noch nicht rentabel sind. Es macht Sinn, diesen europäischen Weg der Förderung zu gehen. Denn er kann die Ankunft der Technologie auf dem Markt beschleunigen. Man kann aber erneuerbare Energie durch Direktvermarktung auch ohne KEV auf dem Markt bringen.

Yvonne von Hunnius: In diesem Zusammenhang wird häufig von Grid Parity gesprochen – was bedeutet das genau?

Michael Kaufmann: Bestimmte Technologien sind heute noch teuer und können Strom nur zu einem Preis abgeben, der höher ist als der durchschnittliche Konsumentenpreis von momentan 18 bis 22 Rappen. Grid Parity ist erreicht, wenn die Kosten eines Tages so gefallen sind, dass man den Strom zum regulären Durchschnittspreis abgeben kann.
Bei Windenergie könnte das relativ schnell gehen, man hat diesen Preis an besten Standorten in der Nordsee ja schon erreicht. Bei Biomasse braucht man noch einige Jahre. Photovoltaik ist heute noch die teuerste Energie, hier dauert der Prozess in der Schweiz wohl noch zehn bis 15 Jahre.

Yvonne von Hunnius: Die KEV soll einen Innovationsschub motivieren. Wie kann sichergestellt werden, dass die Innovation in der Schweiz stattfindet?

Michael Kaufmann: Zum einen über Produktentwicklungen, die durch Forschungsförderung unterstützt werden. Da wird beispielsweise in der Solarforschung relativ viel gemacht, obwohl auch hier noch mehr Aktivität wünschenswert wäre. Zum anderen durch die Schaffung von Märkten. Die KEV sorgt dafür, dass ein Schweizer Markt für Solarpannele entsteht.
Somit sind wir auf einem Innovationspfad. Und wenn wir mit der Einspeisevergütung entlang dieses Pfads immer ein bisschen geringer als die Kostenkurve bleiben, reizen wir die Branchen an, dementsprechend ihre Kosten runterzubringen. Das ist die Methodik und das Ziel der KEV. Wir wollen nicht einfach Subventionen, sondern Anschubfinanzen um die Technologien letztlich an den Markt zu bringen.

Yvonne von Hunnius: Was steht auf Ihrem Wunschzettel, damit die Entwicklung noch schneller stattfindet?

Michael Kaufmann: Wir müssen unsere Netze im Sinne der intelligenten Netze oder auch Smart Grids erneuern. Das ist eine der Hauptaufgaben der heutigen Zeit. Je schneller Stromgesellschaften in diese Netze investieren, desto besser. Die Investitionen in Netze sind wohl wichtiger als jene in neue Atommeiler. Denn der Ausgleich durch die Netze ist für das Fortkommen der Erneuerbaren unbedingt erforderlich. Auch rein ökonomisch betrachtet, ist das langfristig die richtige Investition: In 30 bis 50 Jahren dürfte es sich amortisieren. Betrachten wir die Wasserkraftwerke, die Grundlage unserer Stromtradition. Anfang des Jahrhunderts wurde hier von vielen investiert, obwohl es sicher riskant war und die Kosten nicht sofort auf die Konsumenten umgewälzt werden konnten. Und heute laufen die Kraftwerke zu einem vernünftigen ökonomischen Tarif. Nun kommt eine neue Welle, die Investition braucht – doch sie lohnt sich. Das ist Klimapolitik gekoppelt mit einer intelligenten Wirtschaftspolitik.

Yvonne von Hunnius: Doch was könnte die Politik konkret tun, um den Prozess zu beschleunigen?

Michael Kaufmann: In den letzten Jahren hat die Schweiz einen riesigen Sprung gemacht. Wir haben neue Instrumente, strengere Klimaziele. Der Bundesrat ist für 20 Prozent CO2-Reduzierung, doch man kann auch über mehr sprechen. Noch ehrgeizigere Ziele könnten auch für die Wirtschaft einen positiven Effekt haben. Gerade wurde eine Volksinitiative lanciert, die bis 2030 einen Anteil von 50 Prozent erneuerbarer Energie statt der vom Bundesrat angepeilten 25 Prozent fordert. Auf der Massnahmenseite haben wir mit der KEV ein gutes Gefäss geschaffen, das jedoch nachgebessert werden muss. Auch sollten mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden, um das System zu deblockieren.

Insgesamt ist die Schweiz nun auf einem guten Weg. Die Politik ist vielleicht manchmal auf einem langsameren Pfad als die Wirtschaft – doch die Politik zieht nach.


Zur Person:
Michael Kaufmann ist Programmleiter EnergieSchweiz und Vizedirektor des Bundesamts für Energie (BfE).

Bild: Yvonne von Hunnius

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