Klimazug nicht verpassen

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, St. Gallen 12.03.10
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Der Partner des Forschungsunternehmens econcept Walter Ott sagt, dass die Schweiz durch höhere CO2-Reduktionsziele noch stärker profitieren könnte. Doch die Bundesrat-Entscheidung für 20 Prozent CO2-Reduktion bis 2020 sei bereits als ein gutes Signal zu werten.

Yvonne von Hunnius: Wie bewerten Sie die Entscheidung des Bundesrates, dem Copenhagen-Agreement zu folgen und eine CO2-Reduktion von 20 Prozent bis 2020 anzustreben?

Walter Ott: Wichtig ist zunächst, dass es überhaupt eine glaubwürdige Zielsetzung für die Schweiz gibt. Bis vor kurzem war es unklar, wie es nach 2012 weitergeht. Und nun kann sich die Wirtschaft nach der deklarierten Zielsetzung ausrichten und Investitionen in diesem Bereich planen.

Yvonne von Hunnius:Ist die Zielsetzung also Impuls oder Einengung?

Walter Ott:Vor allem Impuls, denn in der Schweiz sitzen viele Unternehmen in den Startlöchern und spielen schon lange mit dem Gedanken, in diesem Bereich stärker voranzugehen. Nun hat der Bundesrat seine klare Haltung geäussert, sodass jetzt mehr Investitionssicherheit besteht und die Inn ovations-Aktivitäten verstärkt werden können.

Yvonne von Hunnius:Hätte man auch auf 30 Prozent gehen können?

Walter Ott:Technisch ist dies kein Problem, und ich hätte es begrüsst. Die Schweiz sollte mit den fortschrittlichen europäischen Staaten, die eine überdurchschnittliche CO2-Reduktion fordern, gleichziehen und voranschreiten. Unser hochtechnologisiertes Land hat beste Voraussetzungen dafür und sollte diesen Zug keinesfalls verpassen.
Hier kann erwähnt werden, dass mehrere Städte schon weiter als 30 Prozent gehen. So hat die Stadt Zürich von den Stimmbürgern und Stimmbürgerinnen den Auftrag erhalten, die 2000-Watt-Gesellschaft bis 2050 umzusetzen. Dies dürfte einen grösseren Schritt darstellen als 30 Prozent des CO2-Ausstosses bis 2020 einzusparen.

Yvonne von Hunnius:Doch die 2000-Watt-Gesellschaft hat nicht diesen verpflichtenden Aspekt im Rahmen der internationalen Gemeinschaft…

Walter Ott:Natürlich. Doch andererseits erfolgte hier ein direkter Auftrag durch das Wahlvolk. Das ergibt eine ganz andere Legitimation für die Politik. Und das schlägt sich in den zurzeit geplanten Massnahmen schon nieder.

Yvonne von Hunnius:Zurück zum 30-Prozent-Szenario: Sind die Kosten für die energieintensive Industrie nicht enorm?

Walter Ott:Kurzfristig ist eine derartige Einsparung nicht gratis. Die Kosten für die Schweizer Wirtschaft sind jedoch tragbar, da hier nur noch ein vergleichsweise kleiner Teil des Bruttoinlandproduktes durch energieintensive Industrie erwirtschaftet wird. Gerade für die Schweiz der Hochtechnologiebranchen böte ein Klimaziel von 30 Prozent jedoch Chancen, sich erfolgreich zu positionieren.

Yvonne von Hunnius:Welche Rahmenbedingungen müssten von der Politik geschaffen werden?

Walter Ott:Im Bereich der Energieeffizienz sehe ich noch enormes nicht ausgeschöpftes Potential. Die Verbrauchsvorschriften im Gebäudebereich könnten sukzessive weiter verschärft werden. Grosse Potenziale schlummern im Gebäudebestand. Diese müssen aber mobilisiert werden, was mit dem bisherigen Instrumentarium schwierig oder sehr kostspielig ist. Über stärker verpflichtende Auflagen für den Gebäudebestand sollte schon aus volkswirtschaftlichen Gründen nachgedacht werden, allerdings gekoppelt mit Übergangsfristen von fünf bis zehn Jahren pro Objekt. Es ist gut, wurde eine CO2-Abgabe eingeführt, nur sollte sie unbedingt auch den Mobilitätsbereich erfassen.

Yvonne von Hunnius:Hier sprechen Sie Schweiz-interne Aspekte an. Wie sehen Sie CO2-Emissionszertifikate? Lukas Gutzwiller vom BFE bemängelte, dieses Geld nutze der Schweiz wenig und fliesse lediglich ab.

Walter Ott:Im Ausland eingekaufte CO2-Zertifikate bringen zwar kaum Innovations- und Entwicklungsimpulse in der Schweiz. Sie können allenfalls dazu beitragen, dass in wenig entwickelten Ländern über die CO2-Reduktionsprojekte neue Märkte für die Schweiz eröffnet werden können. Qualitativ gute ausländische Kompensationsprojekte können dabei einen Beitrag zum Technologietransfer und zur Entwicklungshilfe leisten.

Yvonne von Hunnius:Können wir Studien von McKinsey oder Instituten bekannter Universitäten wie Cambridge trauen, die versuchen, den Arbeitsplatzzuwachs durch CO2-Politik zu berechnen?

Walter Ott:Das Problem bei all diesen Berechnungen ist der Trade off: Wenn Investitionen in einem bestimmten Bereich getätigt werden, können dort selbstverständlich neue Stellen entstehen. Doch diese Investitionen werden gleichzeitig in einem anderen Bereich nicht getätigt. Die Abschätzungen müssen daher mit dynamischen Gleichgewichtsmodellen vorgenommen werden. Derartige Studien zeigen, dass die Beschäftigungseffekte relativ begrenzt und tendenziell positiv sind.

Yvonne von Hunnius:Wie könnte es für die Schweiz aussehen?

Walter Ott:Wenn beispielsweise im Energiesektor die bisherigen fossilen Quellen durch alternative Quellen oder durch Effizienz-Technologie substituiert werden könnten, können positive Effekt auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt erwartet werden, weil Importe fossiler Energieträger durch Leistungen mit einem höheren Wertschöpfungsanteil in der Schweiz ersetzt werden..


Zur Person:
Walter Ott ist Partner des Beratungs- und Forschungsunternehmens econcept AG in Zürich. Der Volkswirtschaftler betreut vor allem Forschungsprojekte im Bereich volkswirtschaftlicher Fragestellungen, der Energie- und Umweltökonomie sowie der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.

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