«Lokal» wird heute nicht mehr mit «provinziell» gleichgesetzt. Vielmehr bietet die Verankerung im Vertrauten neue Potenziale, um das Nahe mit der Welt in Beziehung zu setzen und seinen Wert zu erkennen.
Als Zeichen der «nationalen Warenpropaganda » hat sich die Armbrust im Ausland nie recht durchgesetzt. Stattdessen feierte das Schweizerkreuz einen wahren Siegeszug - zuletzt im Zusammenhang mit der Swissness, auf Dächlikappen, auf T-Shirts, Schlüsselanhängern und Plattencovers. Die Rückbesinnung auf Heimat und Tradition zeigt sich spätestens seit der Expo.02 in Film und Musik, an Reisedestinationen, beim Essen und in vielen anderen Bereichen. Und diese Rückbesinnung geschieht ganz ohne die Enge der geistigen Landesverteidigung, welche noch bis in die 1990er-Jahre alles national Schweizerische auf sich bezogen hatte. Verwandte Themen| { Vielfalt im eigenen Garten, 26.02.10 } | | { Nachhaltig in Zeiten der Krise, 04.02.10 } | | { Biodiversität stärken, 27.01.10 } | | { Tourismus muss nachhaltig sein, 20.01.10 } | | { Ausgezeichnetes Hotel, 02.12.09 } | | { Jeder Beitrag zählt, 16.11.09 } | | { Hennen bleiben Schweizer, 08.10.09 } | | { Neuer Naturtourismus-Führer, 25.09.09 } | | { Migros will nachhaltigen Anbau, 28.07.09 } | | { Die Knospe ist eine Marke, 15.07.09 } | | { Fairen Konsum gezielt fördern, 30.06.09 } | | { Klimafreundliche Gaumenfreude , 27.05.09 } | | { Grünes Wissen sichert Stellen, 28.04.09 } | | { Obamas werden Biogärtner, 24.03.09 } |
Die Alpen zum Klingen bringen
Doch zurück nach Altdorf, wo im August 2009 die fünfte Ausgabe des internationalen Musikfestivals Alpentöne ausgetragen wird. Vorbei am Gasthof Schützenmatt, wo unter einer mächtigen Rosskastanie ein Trio ganz ausser Programm lüpfige Ländlermusik zum Besten gibt, nähert man sich dem grossen Festzelt auf dem Lehnplatz. Hier und auf den anderen Festivalbühnen spielen während dreier Tage Formationen aus dem ganzen Alpenraum.
Die Alpen sind nicht nur geografisches Einzugsgebiet der eingeladenen Musiker. Johannes Rühl, künstlerischer Leiter des Festivals, möchte vielmehr «einer Landschaft eine musikalische Form entlocken». Während die Alpen nüchtern betrachtet nur ein Haufen Felsen seien, habe sich in dieser Landschaft doch eine Kultur entwickelt, «die auch in der Musik Ausdruck findet. Egal ob traditionelle Volkskultur oder zeitgenössische Musik - alle versuchen, ihr Gefühl gegenüber dieser Landschaft zum Klingen zu bringen».
Die Klänge sind dabei nur selten so traditionell wie jene im Garten der Schützenmatt. «Die Neue Volksmusik greift einerseits stark auf die Tradition zurück, andererseits kommen Einflüsse aus Jazz, Folk oder zuweilen auch Klassik hinzu», sagt Rühl. Und diese Vielfalt des Programms spiegelt sich im bunt gemischten Publikum: Trachten, Bundfaltenhosen und karierte Hemden sind ebenso vertreten wie Dreadlocks und Rossschwanzfrisuren.
Tradition ohne Klischees
Nicht nur in der hier vertretenen Mischung von Traditionellem mit Experimentellem zeigt sich die Rückbesinnung auf das Eigene, das Lokale. Auch in der schweizerischen Popkultur feiern Musiker erfolgreich die Heimat und erheben sie, wie etwa Baschi oder der Rapper Bligg in den Titel ihrer Songs.
Es kommen traditionelle Instrumente wie Handörgeli oder Hackbrett zum Einsatz, und die Sängerin Sandee gibt in ihrem Song «Marzili» sogar dem Eichholz und dem Berner Rosengarten den Vorzug gegenüber Strand und Meer und badet lieber in der Aare.
Swissness nicht deckungsgleich mit Heimat
Die kulturelle Vielfalt ist für Martin Hess die Grundlage für sein zum vierten Mal ausgetragenes Volkskulturfest Obwald. Er war lange Jahre Manager von Stephan Eicher und reiste in der ganzen Welt herum, um die Musik zu finden, die ihm «Hühnerhaut macht». Aus seinen Kontakten zu Mali, Vietnam, Mexiko, Indien oder Sansibar entstand an der Expo.02 schliesslich das Kulturhaus «Mondial».
Heute bereist Hess innerschweizer Täler - das Muotatal, das Melchtal - und lauscht geduldig auf diesen einen Naturjuiz - einen genuinen Jodel, bei dem die Amateurmusik plötzlich über sich hinauswächst und die Interpreten für ein paar Minuten zu Genies werden. «Es geht mir bei meinem Festival darum, das zu finden, was authentisch ist.» Und obwohl diese Spezies immer seltener wird, findet er sie, diejenigen, «die sich nicht inszenieren, die sich nicht einfach am Abend als Jodler verkleiden und jodeln, sondern die das auch leben».
Ein Beispiel ist Toni Büeler. Er ist mit seinen 67 Jahren der letzte Muotataler, der noch alle Naturjuize seines Tales beherrscht, Lieder, die grösstenteils nirgends aufgeschrieben sind, erklärt Hess. Der Naturjuiz ist schwierig zu erlernen; Toni Büeler stellt gar rundum in Abrede, dass zum Naturjuiz finden könne, wer nicht schon als Säugling durch ihn geprägt und vom Lebensrhythmus vor Ort langsam an seine Kunst heran geführt werde.
Für Hess ist die Marke Swissness darum auch viel zu pauschal. «Wenn ich von meiner Alp in Emmetten (NW) über den Grat nach Uri hinüber gehe, dann ist das ein völlig anderes Tal. Da kann man nicht sagen, das ist alles Swissness. Mir geht es mehr darum, sich selbst zu erkennen».
Heimweh statt Fernweh
«Heimweh wird wichtiger als Fernweh», finden jedenfalls auch die Autoren einer Studie zur Zukunft des Ferienreisens, die der Reiseunternehmer Kuoni 2006 zu seinem hundertjährigen Bestehen in Auftrag gegeben hatte. Reine Natur wird immer knapper und dadurch wertvoller, und gleichzeitig wächst die Nachfrage nach «ökologisch intakten, wilden Landschaften». Diese lägen für Menschen, die immer wieder Arbeits- und Wohnort wechselten und viel unterwegs seien, nicht mehr in exotischen Ländern, sondern zu Hause, in der eigenen Region. Begleitet wird diese Entwicklung gemäss Studie von einer generellen Rückkehr zum Natürlichen, Authentischen. Kuoni möchte «die zunehmende Sehnsucht nach Authentizität, nach unverfälschten Erfahrungen fernab von Klischees, nach dem Echten, Wahren, Reinen und Traditionellen» denn auch in seinen Projekten vermehrt im Auge behalten.
Die Autoren der Studie machen dazu einen weiteren Trend aus, gemäss dem sich der Massenmarkt immer mehr zu einer Vielzahl von Nischenmärkten ausdifferenziert: «Der Tourismusmarkt von morgen wird aus 10 000 neuen Nischen bestehen. Via Internet findet der Kenner und Liebhaber exklusive Nischenangebote einfach und schnell. Individualisten, die sich von der Masse abheben wollen und stets auf der Suche nach dem ganz Besonderen sind, können ihre Wünsche endlos verfeinern.» Schweiz Tourismus jedenfalls hat auf das Streben der Kundschaft nach dem Unverfälschten und Unverwechselbaren reagiert: Spezialangebote wie «Kulinarische Reisen» oder «Jubiläumswochen in Swiss Historic Hotels» bedienen eine genussfreudige Kundschaft, und unter dem Label «Naturreisen» können gemäss Eigenwerbung die «unterschiedlichsten Erlebniswelten» aus neun schweizerischen Naturpärken als «fertig geschnürte Pakete» gebucht werden.
Differenzen kultivieren
Dieser Differenzierung und Individualisierung von Angeboten und Bedürfnissen entspricht geografisch ein Trend zur Regionalisierung.
Für den Historiker Jakob Tanner «besitzt die Schweiz dabei eine völlig bestechende Formel, indem sie sich über die nationale Einheit mit kultureller Vielfalt definiert. Dann gibt es immer auch die Auseinandersetzung darüber, ob es jetzt kulturelle Vielfalt oder eine Vielfalt der Kulturen oder eine Kultur der Vielfalt gibt».
Die Frage, ob die Schweiz der richtige Bezugsrahmen ist, stellt sich auch beim Konsum lokal hergestellter Produkte. «Am liebsten kauft man ein Produkt gerade auf dem Nachbarshof», ist Katrin Schmid, von der Vermarktungsorganisation «Das Beste der Region» überzeugt. Dann kämen Produkte, die man aus der eigenen Region beziehe und erst dann Schweizer Produkte.
Allgemein habe das Interesse für die Herkunft von Produkten zugenommen. «Die Leute möchten wissen, woher die Produkte kommen, die sie kaufen. Wenn man weiss, wo ein Nahrungsmittel gewachsen ist und was für ein Menschenschlag es verarbeitet hat, dann schafft das ein gewisses Heimatgefühl. Das Produkt erhält ein Gesicht und eine Identität».
In eine ähnliche Richtung zielt die in San Francisco geborene und mittlerweilen auch in Europa erfolgreiche Bewegung der «Locavores» - «Nah-Esser» wie man den 2007 vom Oxford American Dictionary zum Wort des Jahres gewählten Begriff übersetzen müsste. Eine lokale Produktion von Nahrungsmitteln erspart lange Transportwege und kann damit eine günstige CO2-Bilanz aufweisen (ein Vorteil, der in einigen Fällen durch Verpackungstransporte oder die Anbaumethoden wieder zunichte gemacht wird). Für viele Konsumenten ist zudem das Vertrauen in die Qualität desto höher, je präziser die Herkunft deklariert ist. Vorbei die Zeiten, da lokal mit provinziell gleichgesetzt wurde!
Chancen für die Umweltpolitik
Der neue und unverkrampfte Zugang zu Heimat, Tradition und zum Lokalen wirkt weit über die Sphäre der Kultur im engeren Sinn hinaus und bestimmt Lebensbereiche wie Konsum oder Freizeit. Wenn das Nahe den alten Anstrich von Provinzialität ablegt und der Blick differenzierter wird, verändert sich damit auch unser Umgang mit Landschaft, mit Natur und mit unseren natürlichen Ressourcen. Ob dies unter dem Begriff Swissness geschieht oder nicht ist dabei zweitrangig.
«Viele Menschen sagen ‹Heimat›, wenn sie eine tiefe Vertrautheit mit ihrer Umgebung zum Ausdruck bringen wollen», sagt Matthias Stremlow, Chef der Sektion Landschaft und Infrastruktur am BAFU. «Eine solche emotionale Beziehung ist elementar, wenn die Menschen für das öffentliche Gut Landschaft Verantwortung übernehmen sollen, sei es als Konsumenten oder als Staatsbürgerinnen. Nur so können Landschaften bewusst gestaltet werden und bleiben nicht einfach als zufälliges Restprodukt der verschiedenen Landnutzungen übrig». Und schliesslich benötigt auch die Weiterentwicklung unseres Landschaftsideals einen aktiven kulturellen Nährboden, um sich von allein rückwärts gerichteten Vorstellungen zu lösen.
Weitere Informationen:
Bundesamt für Umwelt BAFU Magazin «umwelt» Oliver Graf, Redaktion
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Dieser Artikel ist in der aktuellen Ausgabe Magazin «umwelt»1/2010 Natur, Kultur & Lebensstile, dem Magazin des Bundesamtes für Umwelt zu lesen.
Bilder:
Front: Kulinarischer Führer für die Schweizer Regionen mit ausgewaehlten Tipps rund um kulinarische Erlebnisse. (PHOTPRESS/Schweiz Tourismus).
Text: Schweizer Kreuz als Markenzeichen Schweizer Markenqualität: Schweizer Sackmessser (VICTORINOX/PHOTOPRESS).
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