Die russisch-ukrainischen Gaskriege versetzten Europa in Panik. Zwischen Brüssel und Moskau begann ein Wettlauf in der Planung von Gasleitungen. Gesunkene Preise stellen die Grossprojekte heute in Frage. Die Versorgungssicherheit ist einfacher zu haben.
Es war ein bisschen Kalter Krieg. Nur ging es nicht um Atomraketen, sondern um Erdgasröhren. Nachdem Moskau der Ukraine am 1. Januar 2006 erstmals den Gashahn zugedreht hatte, schien Europas Versorgungssicherheit in Gefahr und eine zu hohe Abhängigkeit von russischem Gas offensichtlich.
Nabucco gegen South Stream gegen White Stream
Brüssels Antwort lautete „Nabucco“: eine neue Gasleitung, die Russland umgehen und via Türkei kaspisches Erdgas nach Westeuropa bringen soll. Sie würde Moskaus Transitmonopol für die kaspischen Vorkommen aufbrechen und die europäischen Lieferquellen diversifizieren.
Der Kreml konterte „Nabucco“ darauf mit dem „South Stream“. Die Leitung soll in den Gewässern des Schwarzen Meeres verlegt werden. Sie umgeht damit die Ukraine. Dann aber führt ihre geplante Route wie jene von „Nabucco“ durch Südosteuropa nach Österreich.
Die Ukraine wiederum lancierte den „White Stream“. Diese Röhre aus dem kaspischen Raum würde sowohl Russland als auch die Türkei umgehen. Sie soll von der georgischen Küste durch das Schwarze Meer via Ukraine und Rumänien nach Europa führen.
Nur Ostseeleitung kommt sicher
Ob und wann diese Vorhaben jedoch realisiert werden, ist ungewisser denn je. In unmittelbarer Zukunft scheint nur der Bau der Ostseepipeline „Nord Stream“ gesichert zu sein. Das Gemeinschaftsunternehmen von Gasprom und den deutschen Energiekonzernen E.ON und Wintershall wurde bereits lange vor dem ersten Gaskrieg konzipiert. Mit der niederländischen Gasunie und der französischen Gaz de France haben die Russen unterdessen zwei weitere europäische Partner an Bord geholt. Schon im kommenden April sollen die ersten Röhren in der Ostsee zwischen Deutschland und Russland verlegt werden.
Ob der „Nord Stream“ aber tatsächlich den erhofften kommerziellen Erfolg bringen wird, muss sich zeigen. Die anfänglichen Baukosten haben sich von vier auf knapp acht Milliarden Euro verdoppelt. Gleichzeitig sind die Gaspreise stark gesunken. Und dies nicht nur aufgrund der Wirtschaftskrise. Die Entdeckung neuer Gasvorkommen in den USA hat in Europa zu einem Überangebot an Flüssiggas aus Afrika und Nahost geführt. Dies setzt auch die Preise für Erdgas unter Druck, die bislang an den Erdölpreis gekoppelt waren.
Bedarf wächst geringer als erwartet
Gleichzeitig dürfte der europäische Gasbedarf weniger stark zunehmen als bislang angenommen. Szenarien, welche die Klima- und Energiesparziele der EU berücksichtigen, gehen sogar von einem stagnierenden Verbrauch aus. Der Bau neuer Leitungen würde daher Überkapazitäten schaffen. Für Gasprom hätte dies allerdings auch Vorteile: Seine Verhandlungsmacht gegenüber den bisherigen Transitländern wie die Ukraine, Weissrussland oder Polen würde gestärkt.
Vor diesem Hintergrund sind die Gasleitungsvorhaben nun neu zu bewerten. Der endgültige Investitionsentscheid für „Nabucco“ ist bereits auf Ende 2010 verschoben worden. Die geschätzten Kosten belaufen sich bereits vor Baubeginn auf knapp acht Milliarden Euro.
Selbst bescheidenere Vorhaben wie die Trans-Adriatic-Pipeline (TAP) verzögern sich. Im Gegensatz zu „Nabucco“ will das Projekt bestehende Leitungsnetze verknüpfen, um am Ende aserbaidschanisches und iranisches Gas via Italien nach Europa zu transportieren. Das Gemeinschaftsprojekt der norwegischen Statoil und der Schweizer Axpo-Tochter EGL dürfte nicht vor 2015 realisiert werden. Derzeit sucht das TAP-Konsortium zwei weitere europäische Partner, um das Projekt zu stemmen.
Versorgungssicherheit durch Integration
Die schwierige Diversifizierung von Importrouten ist jedoch kein Grund zur Panik. Die Versorgungssicherheit kann auch durch eine bessere Integration der europäischen Energienetze verbessert werden. Dies zeigte der Gaskrieg 2009: „Es gab innerhalb der EU genügend Gas, aber man konnte es nicht in die beeinträchtigen Länder transportieren“, betont Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.
Es braucht mehr interne Flexibilität, durch eine grössere Vernetzung. Durch Pipelines, die Gas in beide Richtungen transportieren können, durch mehr Flüssiggasterminals und grössere Speicherkapazitäten. Die EU-Kommission hat dies bereits erkannt. Sollten ihre Einsichten konsequent umgesetzt werden, sähe es schlecht aus für Russland. Dann nämlich könnten viele osteuropäische Länder das blaue Gold aus alternativen Quellen beziehen. Dies gilt auch für die Ukraine, die bisher grösste Abnehmerin von russischem Gas. Gasprom würde das Monopol für einen Markt im Umfang von 10 bis 12 Milliarden Dollar verlieren.
Auch politische Hindernisse
Zu den wirtschaftlichen Problemen gesellen sich aber auch politische Hindernisse. Aserbaidschan etwa erwartet bei der Lösung des Territorialkonflikts um die von Armenien besetzte Enklave Bergkarabach ausländische Unterstützung. In erster Linie von der Türkei, aber auch vom Westen und Russland. Seinen Rohstoffreichtum setzt Baku dabei als politisches Tauschpfand ein.
Ein weiteres Problem ist Turkmenistan. Um die Ressourcenbasis für „Nabucco“ langfristig zu sichern, möchten die Investoren turkmenisches Gas anzapfen. Dafür müsste eine Pipeline durch das kaspische Meer gelegt werden. Das Vorhaben ist jedoch blockiert, weil sich Aserbaidschan und Turkmenistan nicht auf eine Grenzziehung im rohstoffreichen Kaspischen Meer einigen können.
Bild: Nabucco
|