Mit einer CO2-Reduktion von 51,5 Prozent macht es die Schweizer Zementindustrie vielen anderen vor, wie langfristige Forschung wirken kann. Cemsuisse-Direktor Georges Spicher betont, dass die Schweizer Zementwerke auch gemäss Aussagen des BAFU zu den saubersten der Welt gehören.
Yvonne von Hunnius:Welche Auswirkungen hat das CO2-Reduktionsziel von 20 Prozent bis 2020 des Bundesrates auf die Zementindustrie? Georges Spicher: Der Entscheid des Bundesrates ist in völliger Übereinstimmung mit unseren Erwartungen bezüglich der Revision des CO2-Gesetzes. Doch unsere Branche hat sich freiwillig viel strengere Ziele auferlegt. Mit einer Reduzierung von 51,5 Prozent zwischen 1990 und 2010 erbringen wir den grössten Inlandbeitrag, damit die Schweiz das Kyoto-Protokoll erfüllen kann. Dies sieht eine Reduktion von 8 Prozent vor. Yvonne von Hunnius:Hätte man demnach nicht ein höheres Reduktionsziel im CO2-Gesetz setzen können? Georges Spicher: Es ist wichtig, dass die Zielvorgabe des Bundesrates in Einklang mit internationalen Regelungen ist. Es sollte keine Wettbewerbsverzerrungen hervorrufen. Und da die EU für die Zeit nach 2013 voraussichtlich ebenso 20 Prozent als Grenze setzt, wird in dem Markt, in dem wir aktiv sind, mit gleichen Voraussetzungen gewirtschaftet. Das war noch beim Kyoto-Prozess anders, als die Schweiz das CO2-Gesetz erlassen hatte, bevor klar war, wie die Regelungen in Europa aussehen werden. . Wichtig ist zudem die Tatsache, dass wir praktisch ausschliesslich für den Schweizer Markt produzieren. Die Exporte von rund 0,3 Prozent der Produktion in grenznahe Gebiete sind somit vernachlässigbar. Hingegen belaufen sich die Importe auf rund 10 Prozent. Yvonne von Hunnius:Durch welche Massnahmen wurde die beträchtliche Reduktion erreicht? Georges Spicher: Unsere Unternehmen sind bereits seit Mitte der 1980er Jahre sensibel in Bezug auf dieses Thema. Es wird viel in die Erforschung des Herstellungsverfahrens investiert, wie die Zementproduktion möglichst umweltverträglich gestaltet werden kann. Die Zementherstellung ist ein sehr energieintensiver Prozess; im Drehofen benötigen wir eine Flammentemperatur von 2.000 Grad Celsius. Die CO2-Emissionen können wir dadurch reduzieren, indem wir die fossilen Brennstoffe wie Kohle und Erdöl durch alternative Brennstoffe ersetzen. Bei diesen Ersatzbrennstoffen handelt es sich um Industrie- und Gewerbeabfälle, wie beispielsweise Trockenklärschlamm, Altöl, Kunststoffabfälle, Altholz, Altreifen oder Tiermehl. In der Schweiz hat man sich früh mit diesen Fragen auseinandergesetzt und Prozessinnovationen entwickelt, welche die zunehmende Verwertung von Ersatzbrennstoffen erlaubte. So wurden schon vor einigen Jahren Substitutionsraten von über 50 Prozent erreicht. Yvonne von Hunnius:Wie steht die Schweizer Branche im internationalen Vergleich diesbezüglich da? CO2-Quelle Zement Zement ist eine enorme CO2-Quelle. Zur Herstellung werden Kalkstein, Ton, Sand und Eisenerz gemahlen und gebrannt. Dabei entweicht in erheblicher Menge CO2 aus dem Kalkstein. Im Jahr 2000 betrug die Menge an CO2, die durch Zementproduktion in die Atmosphäre gelangte, mehr als 820 Megatonnen. Der gesamte CO2-Ausstoss der Welt lag 2007 bei knapp 31 Milliarden Tonnen. Verantwortlich dafür ist das Rohmehl, das die Grundlage des Zements bildet. Es besteht zu einem Großteil aus Kalkstein, dem Stoff, den bereits Apotheker Ernst Gustav Leube um 1838 in Ulm für seine ersten Experimente mit dem Baustoff aus der Schwäbischen Alb gewann. Darin gebunden ist Kohlendioxid, das während des Brennvorganges im Drehrohrofen vollständig in die Luft abgegeben wird. Georges Spicher: Wir sind – oder vielmehr waren – in diesem Bereich weltweit führend. Heute haben wir zusehends Mühe, die geeigneten Abfallbrennstoffe zu beschaffen. Wir haben in der Schweiz eine erhebliche Überkapazität im Bereiche der Kehrichtverbrennungsanlagen, und die Betreiber von KVA nehmen immer mehr Abfallfraktionen entgegen, welche aus Sicht der Umwelt in der Zementindustrie verwertet werden sollten. Heute gelangt beispielsweise mehr Klärschlamm in die KVA als in die Zementwerke, und dies trotz der Tatsache, dass das BAFU klar festhält, dass die Verwertung von Trockenklärschlamm in der Zementindustrie der sinnvollste Weg für diesen Abfall ist.Yvonne von Hunnius:Mit 51,5 Prozent Reduktion der CO2-Emissionen leistet die Zementbranche einen wichtigen Beitrag. Wer ist ausserdem gewichtig in der Schweiz? Georges Spicher: Die schweizerische Zementindustrie leistet den grössten inländischen Beitrag zur Einhaltung der Kyoto-Verpflichtungen. Hier konnten rund 1,5 Millionen Tonnen eingespart werden. Desweiteren spielen die Energie-Agentur der Wirtschaft, EnAW, mit einem Reduktionsvolumen von 800.000 Tonnen und natürlich die Stiftung Klimarappen mit 2,4 Millionen Tonnen eingespartem CO2 eine grosse Rolle. Yvonne von Hunnius:Inwieweit ist eine noch höhere Reduktion in Ihrer Branche möglich? Georges Spicher: Betrachtet man unseren bisherigen Beitrag, muss jeder feststellen: Hier wird eine Grenze erreicht. Für die Folgezeit von Kyoto in der Phase zwischen 2013 und 2020 ist es wichtig, den Hebel nicht nur bei der Industrie anzusetzen. Insbesondere im Bereich des Privatverkehrs und der Heizungen gibt es viele Möglichkeiten der Reduktion. Natürlich ist es schwieriger, im Rahmen dieses heterogenen Feldes Reduktionsziele griffig durchzusetzen. Doch die Industrie darf nicht erneut zur Kasse gebeten werden, nur weil hier ein einfacher Hebel existiert. Dies sieht man übrigens im BAFU auch so. Yvonne von Hunnius: Sie sprechen den Privatverkehr an – sollte Ihrer Meinung nach auch eine CO2-Abgabe auf Treibstoffe erlassen werden? Georges Spicher: Die nationalrätliche Umweltkommission hat dem bundesrätlichen Vorhaben, eventuell eine CO2-Abgabe auf Treibstoffe einzuführen, ja nun erst mal eine Abfuhr erteilt. Ich persönlich denke, dass die Stiftung Klimarappen eine ausgezeichnete Lösung darstellt. Diese vertragliche Regelung mit dem Bund, bis 2012 durch treibhausgasmindernde Projekte im Ausland, welche Teil der Umsetzung des Kyoto-Protokolls bilden, ganze 12 Millionen Tonnen CO2 zu sparen, funktioniert. Im aktuellen Gesetzesentwurf ist die Stiftung nicht mehr inkludiert. Zur Person: Georges Spicher ist Direktor der cemsuisse, des Verbandes der Schweizerischen Cementindustrie und Mitglied des Stiftungsrats der Stiftung Klimarappen.
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