Mehr gallische Dörfer nötig

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 08.03.10
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Die Energieeffizienz wäre die grösste Energiequelle. Aber die Strukturen der Energieversorgung wie das Verhalten der Verbraucher hindern daran, sie zu nutzen, sagt Bernd Siebenhüner. Es braucht daher die richtigen Anreize wie auch staatlich vorgegebene Standards. Hilfreich ist dabei, dass Personen wie Gemeinden sich nicht an die Vorgaben der gegebenen Strukturen halten.

Steffen Klatt: Energieeffizienz gilt als grösste Energiequelle. Warum wird sie nicht in vollem Umfang genutzt?

Bernd Siebenhüner: Das liegt an den Strukturen, am Verhalten der Verbraucher und teilweise an den Technologien. Fangen wir mit den Strukturen an: Die Energieversorgungsstrukturen sind mit langfristigen Investitionen verbunden. Kraftwerke haben Laufzeiten von 40, 50 oder sogar 60 Jahren. Wir können da nicht einfach umstellen.

Steffen Klatt: Weil vor mehreren Jahrzehnten hunderte Millionen oder gar Milliarden in Kraftwerke investiert wurde, kann heute also die Energieeffizienz nicht ohne weiteres erhöht werden?

Bernd Siebenhüner: Es wurde sowohl in die Erzeugungsstrukturen als auch in die Vertriebsstrukturen investiert. Die Energieversorgung ist sehr zentral aufgebaut, mit grossen Atomkraftwerken als klassischem Beispiel. Davon ausgehend wird die Energie verteilt. Mit den erneuerbaren Energie kommt ebenso wie mit der Energieeffizienz die Herausforderung, dass es dezentrale Lösungen braucht. Eine gute Möglichkeit, die Effizienz zu erhöhen, sind die Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Diese müssen dezentral installiert werden, etwa in Häuserblocks oder kleinen Betrieben und stehen damit quer zur bestehenden Struktur der Energieerzeugung und des Energievertriebs. Das gleiche Problem haben wir mit der Windkraft, obendrein verstärkt durch die Fluktuation des Windstromanfalls.

Steffen Klatt: Prägt die Struktur auch das Verhalten der Konsumenten?

Bernd Siebenhüner: Nur teilweise. Es gibt auch eine Art von gallischen Dörfern, die sich den bestehenden Strukturen entziehen. Das sind Personen, Personengruppen, Dörfer oder sogar grössere Gemeinden, die neue Wege gehen und mit den bestehenden Strukturen anders umgehen wollen. Aber in vielen umweltbezogenen Handlungsbereichen – das betrifft auch den Verkehr - prägt die Infrastruktur das Verhalten der Verbraucherinnen und Verbraucher. Die Art, wie die Häuser gebaut und wie die elektrischen Geräte gestaltet sind, macht es ihnen schwerer, sich energieeffizient zu verhalten.

Steffen Klatt: Könnten die Konsumenten, wenn sie wollten?

Bernd Siebenhüner: Jein. Nehmen Sie einen normalen Mieter. Er oder sie kann die Heizung drosseln, wärmedämmende Tapeten verwenden, Energiesparlampen, energiesparende Geräte einsetzen und so weiter. Schwieriger ist es, die Wärmeversorgung zu beeinflussen. Denn die wird meist vom Vermieter gestellt. Und damit haben wir das Vermieter-Mieter-Problem. Der Eigentümer hat eigentlich kein Interesse an einer energieeffizienten Wärmeversorgung, weil er die Kosten der Anlage trägt, während die Mieter den Verbrauch zahlen.

Steffen Klatt: Sie haben die Technologie als Hindernis genannt. Ist sie eines? Unternehmen wie ABB, Siemens und GE scheinen ein Produkt zur Effizienzsteigerung nach dem anderen auf den Markt zu bringen.

Bernd Siebenhüner: Auch da gibt es eine wechselseitige Abhängigkeit. Die Produzenten müssen immer auf den Markt schauen und sehen, welche Produkte abgenommen werden. Umgekehrt können die Konsumenten nur kaufen, was auf dem Markt ist.

Steffen Klatt: Wo kann man mit dem geringsten ökonomischen Aufwand ansetzen? Wie können die Hindernisse in Struktur und Verhalten überwunden werden?

Bernd Siebenhüner: Energieeffizienz reicht allein nicht aus, die Probleme zu lösen. Denn Sie haben das Problem, dass Effizienzgewinne an einer Stelle häufig an einer anderen Stelle überkompensiert werden. Zwar fährt das eine Auto sparsamer, aber es wird dann eben das zweite oder dritte Auto gekauft. Der Bedarf und häufig der Verbrauch steigen weiter. Das lässt sich auch ökonomisch erklären: Die Bedürfnisse wachsen immer weiter.
Dazu kommt aber, dass es für viele Menschen schwierig ist, ihr Verhalten zu ändern – oder auch die neuen Angebote zu überschauen, die auf dem Markt sind. Das erklärt teilweise auch, warum der Wandel von Verhaltensweisen und Routinen so lange dauert.

Steffen Klatt: Sie haben die vergangenen Investitionen als Hindernisse zu zukünftiger Effizienz genannt. Das spiegelt sich in der aktuellen Diskussion über die Laufzeiten von Atomkraftwerken in Deutschland: Die Betreiber wollen auch abgeschriebene Kraftwerke möglichst lange laufen lassen. Wie kann man dieses Hindernis überwinden?

Bernd Siebenhüner: Dazu braucht es Anreize. Diese Anreize sind noch heute falsch, auch bei der Nutzung der Atomkraft. Die Preise sagen heute nicht die Wahrheit über die Kosten. Das mit der Atomkraft verbundene Risiko ist nicht im Preis enthalten. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz in Deutschland hat versucht, neue Anreize über Preise zu schaffen. Ein anderes Instrument sind die Effizienzstandards. Gerade die Ökonomen sehen es aber sehr kritisch, wenn ein Staat vorschreibt, wie Technologien in Unternehmen umgesetzt werden sollen. Es gibt aber auch Studien, die zeigen, dass solche Standards durchaus Anreize für Unternehmen schaffen. Sie öffnen Denkhorizonte. Es müssen in Unternehmen letztlich Planungs- und Innovationsprozesse in Gang gesetzt werden, die zu Effizienzgewinnen führen – auch dann, wenn die Lösung nicht staatlich vorgeschrieben wird. Die technische Kompetenz für die Lösungen wird weiter aus den Unternehmen kommen müssen.

Steffen Klatt: Heisst das, dass der Staat eine zentrale Rolle bei der Steigerung der Energieeffizienz spielen muss? Denn die Standards kommen direkt vom Staat, die Preiswahrheit mindestens indirekt.

Bernd Siebenhüner: Der Staat kann Anstösse geben, aber er kann es nicht allein machen. Bei der Energieeffizienz gibt es klare ökonomische Anreize für Einzelpersonen ebenso wie für Unternehmen. Das macht das Thema attraktiv.


Zur Person:
Bernd Siebenhüner (1969) ist Professor für ökologische Ökonomie an der Universität Oldenburg. Er koordiniert das Forschungsprojekt ALICE  zu langfristigen Investitionen in Klima und Energie und ist Leiter des Departments für Wirtschafts- und Rechtswissenschaften. Siebenhüner hat Volkswirtschaftslehre und Politologie an der Freien Universität Berlin studiert, war von wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Betriebliches Umweltmanagement der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und absolvierte einen Postdoc-Forschungsaufenthalt an der Kennedy School of Government der Harvard University.

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