Nach einigem Zögern ist in der Automobilindustrie ein Run auf die Elektromobilität zu beobachten. Auch die Stuttgarter Daimler AG wird jetzt mit Modellen, die ganz oder teilweise strombetrieben sind, in die Offensive gehen. Die Zeit der Showcars und Studien für Automobilausstellungen sei jedenfalls vorbei, sagt Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber.
Ulrich Glauber: Sie haben das Postulat „Nachhaltige Mobilität ohne Verzicht“ aufgestellt. Was ist darunter zu verstehen? Thomas Weber: Das Auto hat nichts von seiner Faszination verloren. Wir kommen jedoch nicht um die Erkenntnis herum, dass Mineralöl als wichtigster Treibstoff der individuellen Mobilität knapper und immer teurer wird. Zudem müssen wir den CO2-Ausstoss verringern. Daimler hat sich das Ziel gesetzt, Autos zu entwickeln, die ganz ohne Emissionen fahren. Wir werden die Kunden aber nur für klimaschonende Fahrzeuge gewinnen, wenn Autofahren weiterhin Spass macht und bezahlbar bleibt. Einen unschätzbaren Vorteil im Markt verschafft sich, wer zudem neue Sicherheitssysteme anbieten kann. Das alles unter einen Hut zu bringen, ist eine Herausforderung. Aber ich bin da sehr optimistisch, denn wir können den Kunden ganz neue Features anbieten, die das Autofahren noch attraktiver machen. Ein Beispiel dafür ist die neue E-Klasse: sie startet ab einem Verbrauch von lediglich 5,3 Litern und setzt gleichzeitig neue Massstäbe im Bereich der Fahrzeugsicherheit. Verwandte Themen| { Öko-Auto im Alltagstest, 16.02.10 } | | { Ecocars erobern Automarkt, 12.02.10 } | | { Autohersteller sind elektrisiert, 05.02.10 } | | { E-Autos schaden, 03.02.10 } | | { Stromkonkurrenz für Zweitakter, 03.02.10 } | | { Die Steckdose lernt fahren, 21.01.10 } | | { MAN bewegt umweltfreundlich, 12.11.09 } | | { Aufbruch zur Autorevolution, 08.11.09 } | | { Autobauer haben Nachholbedarf, 30.10.09 } | | { Autos unter Strom, 13.10.09 } | | { Autos sterben nicht, 13.08.09 } | | { Mit Strom aus der Krise , 12.08.09 } | | { Aufschwung bleibt im Stau stecken, 22.07.09 } | | { Öko-Nutzen umstritten, 12.05.09 } | | { Autozulieferer werden nachhaltig, 12.05.09 } | | { Das Stromauto zum Mitnehmen, 03.03.09 } |
Ulrich Glauber:Der deutschen Automobilindustrie ist allerdings der Vorwurf gemacht worden, Elektromobilität zu lange stiefmütterlich behandelt zu haben. Daimler will nun eine „Offensive der nachhaltigen Mobilität“ starten. Was ist darunter zu verstehen? Thomas Weber: Lassen sich mich eins richtig stellen: Wir haben bestimmt nicht geschlafen. Der Flottenverbrauch unserer Personenwagen liegt inzwischen auch nur noch bei 6,4 Litern auf hundert Kilometer. Bei der neuen E-Klasse kommen wir auf 5,3 Liter. Daimler hat ein Entwicklungsbudget von mehr als vier Milliarden Euro und die Hälfte davon fliesst inzwischen in „grüne“ Technologien und Produkte. Zugegeben - beim Hybridantrieb haben wir vielleicht zu lange zu technisch, zu ingenieursgetrieben argumentiert. Dafür waren wir aber der erste europäische Hersteller, der Hybrid-Pkw auf den Markt gebracht hat. Die Zeit der reinen Showcars für Automobilausstellungen ist zumindest bei uns definitiv vorbei. Gleiches gilt für Elektrofahrzeuge: Die ersten von insgesamt 1000 Elektro-Smarts sind in Berlin unterwegs, für das Jahr ab 2012 planen wir die Produktion in fünfstelliger Stückzahl. Ab 10.000 Exemplaren kann man sicherlich von einer Serie sprechen, was dann auch die kostengünstige Zulieferung vor allem der Batterien und die Auslieferung des Elektro-Smart zu bezahlbaren Preisen erlaubt. Ulrich Glauber:Der Smart ist allerdings nicht gerade ein Auto, für das die Marke Mercedes traditionell steht. In welche Richtung geht denn da die Entwicklung? Thomas Weber: Smart ist wichtiger Bestandteil unseres Markenportfolios und ausserdem geradezu prädestiniert für Elektromobilität. Bei Mercedes-Benz werden wir die Forschung und Entwicklung in verschiedenen Stossrichtungen vorantreiben. Ein wichtiger Punkt ist die weitere Optimierung unserer Hightech-Verbrennungsmotoren, denn sie werden in den nächsten Jahren noch massgeblich beeinflussen, wie viel Emissionen eingespart werden. Der reine Elektromotor bietet sich für Kurzstrecken an. Für die Mittel- und Langstrecke eignen sich der Hybrid-Antrieb und Elektrofahrzeuge mit Brennstoffzelle. Die ersten Modelle der B-Klasse, die mit dieser Antriebstechnologie ausgerüstet sind, werden noch in diesem Jahr an Kunden ausgeliefert. Wir haben eine förmliche Elektrifizierungsoffensive gestartet. Ich kann mir vorstellen, dass in absehbarer Zeit selbst in der S-Klasse ein zertifizierter Verbrauch von 3,2 Litern auf hundert Kilometer möglich ist. Ulrich Glauber:Das hört sich an, als würde das reine Elektrofahrzeug in der überschaubaren Zukunft ein, noch dazu teures, Nischenfahrzeug als Zweitwagen für Pendler und Einkäufer in Grossstädten bleiben. Thomas Weber: Dass die Batterien noch zu schwer, zu platzraubend und zu teuer sind, ist hinlänglich bekannt. Aber auch hier befinden wir uns erst am Anfang einer Entwicklung. Zudem werden die Batterien allein schon dadurch billiger werden, dass sie serienmässig verwendet und so in immer grösseren Stückzahlen gebaut werden. Wir halten nicht ohne Grund knapp 50 Prozent der Firma LiTec. Das Unternehmen im sächsischen Kamenz ist der erste Hersteller serienfähiger Lithium-Ionen-Batteriezellen mit keramischer Speichertechnologie für automobile Anwendungen in Europa. Im vergangenen Jahr hat die Fabrik mit 220 Mitarbeitern 300.000 Zellen gefertigt, im kommenden Jahr sollen es schon mehrere Millionen sein. So rückt die Kommerzialisierung von sicheren und umweltverträglichen Elektrofahrzeugen immer näher. Ulrich Glauber:Das Beispiel zeigt, dass sich die Automobilbranche auf ganz neue Allianzen einstellen muss, was auch Ihr Berliner Grossversuch zur Elektromobilität mit dem Energieversorger RWE zeigt. Teilen sie die Auffassung, dass für viele Zulieferer mit herkömmlicher Produktpalette schwere Zeiten anbrechen, weil sie Neuentwicklungen und die Umstellung ihrer Produkt-Palette schon rein finanziell nicht mehr stemmen können? Thomas Weber: Sicher werden die nächsten Jahre für die gesamte Automobilindustrie eine Zeit des Umbruchs. Aber wenn Zuliefererunternehmen hellwach sind, liegt in diesem Aufbruch auch eine grosse Chance. Sicher ist, dass die Automobilhersteller auch in Zukunft nicht alles selber machen werden. Immerhin liegt bei uns die Quote der Zulieferung gegenwärtig bei durchschnittlich 70 Prozent. Ulrich Glauber:Deutschland gilt in der Automobilbranche als Nation der Premium-Hersteller. Manche Experten haben diesem Segment der Kraftfahrzeugproduktion in Zeiten des Klimaschutzes und der Energieverteuerung ein schleichendes Ende vorausgesagt. Muss Daimler dem Trend nicht doch Tribut zollen? Thomas Weber: Die These, dass große Autos keine Perspektive haben, ist falsch. Richtig ist, dass große Autos mit der falschen Technologie ohne Zukunft sind. Entwicklungsziel darf jedoch nicht nur Emissionsfreiheit sein. Wir dürfen auch die Sicherheit, beispielsweise durch die Entwicklung neuer Fahrerassistenzsysteme, und die Gewichtsverringerung durch Leichtbau nicht aus den Augen verlieren. Gerade das Premiumsegment ist hier Innovationstreiber. Vergessen wird übrigens oft, dass die Daimler AG nicht nur für Personenwagen des Premiumsegments steht, sondern auch Transporter, Busse und Lastwagen produziert. Zur Person: Dr. Thomas Weber (55), ist im Vorstand der Daimler AG seit Mai 2004 verantwortlich für „Konzernforschung & Mercedes-Benz Cars Entwicklung“. Der Diplom-Ingenieur, der seine berufliche Laufbahn mit einer technischen Ausbildung bei dem Stuttgarter Automobilkonzern begonnen hatte, war nach Abschluss eines Maschinenbaustudiums in Stuttgart seit 1980 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Stuttgart und dem Fraunhofer-Institut tätig. Nach seiner Promotion im Jahr 1987 kehrte der Hobby-Radrennfahrer zu Daimler zurück und wurde nach der Übernahme verschiedener Leitungsfunktionen Anfang 2003 in den Vorstand des Autokonzerns berufen.
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