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Nachbar Giuseppe staunte nicht schlecht, als er am Morgen aus der Tür seines Hauses trat: Über die Hälfte der Solarmodule seiner 250-KWh-Photovoltaikanlage waren fein säuberlich abmontiert und - wie die spätere Spurensicherung zeigte - per Lastwagen transportiert worden. „Die Täter müssen ihr Fach verstanden haben”, sagte der Kommandant der Carabiniere-Station von Volterra, Maresciallo Fabio Jozzi, „Es sind keinerlei Beschädigungen erkennbar, und sie sind in kurzer Zeit völlig geräuschlos vorgegangen.” Giuseppe C., sardischer Schäfer in der Toskana, hatte sich vom Einspeisen des Stroms ins staatliche Netz der ENEL einen Zusatzverdienst erhofft. Kommende Woche sollte die Anlage angeschlossen werden. Und erst dann hätte auch eine Versicherung der ENEL gegriffen. So hat der Schäfer einen Schaden von 150.000 Euro (230.000 Franken) zu beklagen. Ökodiebe schlagen zuDer Raub von Solarmodulen hat in Italien Konjunktur. In Peccioli, einer Kleinstadt in der Provinz Pisa, hatte die Gemeinde ein Solarfeld von einem Hektar Grösse errichten lassen. Die Diebe entfernten die Module von 220 Quadratmetern. Bereits wenige Wochen zuvor hatten die Öko-Diebe - wie sie inzwischen in Italien genannt werden - vom Dach eines Wohnhauses in Signa (Florenz) 120 Module demontiert. Den Besitzer erreichte die Nachricht an seinem Urlaubsort, Schaden: 100.000 Euro. Kurz vor Schulbeginn wurde Ende August die Elementarschule der kleinen Gemeinde Bene Vagienna (Cuneo) heimgesucht. Vom Dach der Schule entfernten die Diebe 87 Module, jedes 1,80 Meter hoch. Wie auch in den anderen Fällen unbemerkt. Wachen für SolaranlagenDoch nicht nur die kleineren Anlagen privater Investoren oder von Gmeinden werden heimgesucht. Auch Italiens größter Energieversorger ENEL sowie die staatliche ENEA (Unternehmen für Neue Technologien, Energie und Umwelt) werden von den Raubzügen nicht verschont. Die Taktik hat sich allerdings geändert: Während noch 2007 ein Überfall auf die ENEL-Anlage von Serre nahe Salerno stattfand, bei dem 7000 Module abgebaut wurden, haben sich die Banden jetzt in kleinen Gruppen organisiert. Bei jedem Zug werden nur zwischen 50 und 150 Solarmodule demontiert. Das erleichtert schnelles Zuschlagen und schnelle Flucht. Die grossen Unternehmen leisten sich inzwischen Wachschutz, der um die Anlagen patrouilliert. Private Haushalte und auch kleinere Gemeinden können diese Mittel nicht aufbringen. Die ENEL wollte über den ihr entstandenen Schaden keine genaue Auskunft geben. Er soll sich aber im Bereich von einigen hundert Millionen Euro bewegt haben. „Wir wissen noch nicht, wie wir den entstandenen Schaden ersetzen können”, meint der Bürgermeister von Bene Vagienna. „Wer denkt schon daran, die auf dem Dach montierten Solaranlagen gegen Diebstahl zu versichern.” Kunden bestellen DiebstahlFür die Ermittler der Umweltpolizei der Carabinieri sind die kleinen Diebsgruppen schwer zu fassen. Oft handelt es sich um regelrechte Auftragsdiebstähle: Die „Kunden” der Banden bestellen eine bestimmte Anzahl von Module. Die werden erkundet, abgebaut und unmittelbar am neuen Ort wieder installiert. Den Carabinieri von Matera (Apulien) gelang im Februar in der „Operation Kyoto” ein spektakulärer Schlag gegen die Banden: Sie beschlagnahmten demontiere Solarmodule im Wert von sechs Millionen Euro. Die Banden hatten sie bereits zum Transport nach Nordafrika vorbereitet. 19 Diebe wurden bei der Aktion verhaftet. Aus den Untersuchungen erfuhren die Ermittler, dass die Module für den Schwarzmarkt in den maghrebinischen Ländern bestimmt waren. Ein 100-Watt-Solarmodul, das in Italien 700 Euro kostet, ist auf dem dortigen Schwarzmarkt für etwa 200 Euro erhältlich. Inzwischen sind moderne Anlagen mit GPS-Sendern ausgerüstet. So können die italienischen Ermittler via Satellitensondierung feststellen, wo die Anlagen neu installiert sind. In den meisten bekanntgegebenen Fällen handelt es sich um Länder Nordafrikas, einige Anlagen sind auch in Südosteuropa aufgetaucht. Für den Wiedereinsatz in Italien sind die geraubten Module unbrauchbar: Sie alle sind mit einem Code versehen, der bei einem Wiederanschluss an das öffentlich Netz versandt wird. So wären inländische Standorte sofort identifizierbar. Dennoch vermutet der Carabinieri-Kommandant von Volterra einen Zusammenhang zwischen Installationsbetrieben und den Diebsbanden. „Wer montiert, demontiert auch”, kommentierte er die Professionalität der Diebe lakonisch. Die weiteren Ermittlungen werden zeigen, ob er recht behält.
Bild: Bei dieser Photovoltaikanlage bei Volterra in der Toskana wurde die Hälfte der Solarmodule gestohlen (Wolf H. Wagner).
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