Spiesser und Kreative im Zwist

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, St. Gallen 01.03.10
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Die Ökospiesser und die Ökokreativen führen einen erbitterten Kampf, sagt Zukunftsforscher Matthias Horx. Horx sucht als Kreativer in seinem „Future Evolution House“ experimentell nach zeitgemässer Lust am Wohnen, Leben, Arbeiten.

Yvonne von Hunnius: Werden wir einmal alle in einem evolutionären Haus leben, wie Sie es gerade in Wien konstruieren?

Matthias Horx: Das wird wahrscheinlich nie der Fall sein, weil es sehr individuell geplant und evulutionär angelegt ist, sich mit dem Bewohner verändert. Ich fände es furchtbar, wenn alle Menschen in den gleichen Häusern leben würden.
In Ihrer Frage spiegelt sich eine gewisse Sehnsucht nach Normierung gerade in Fragen der Nachhaltigkeit wider. Das ist problematisch. Es gibt einen Trend der ökologischen Normierung der Gesellschaft, den ich nicht teilen will. Wir wollen in unserem Haus auch gar keine Vermeidungstaktik propagieren. Wir experimentieren eher mit der Aktivität und Mobilität, wobei auch die Umweltfrage eine grosse Rolle spielt. Aber nicht ausschliesslich.

Yvonne von Hunnius: Ist eine gewisse Standardisierung als Antwort auf drängende Ressourcenfragen nicht notwendig?

Matthias Horx: Jede Gesellschaft schafft sich ihre Normen, die ihr Verhältnis zur Umwelt regeln. Doch meine Meinung ist, dass ökologische Entwicklung irgendwann keinen Spass mehr macht, wenn sie nur noch als Auflage und Normierung von oben existiert. Dann rebellieren die Menschen.

Yvonne von Hunnius: Wie sieht die Alternative aus?

Matthias Horx:Momentan herrscht eine Angstdebatte vor: Wenn Du nicht das oder das tust, dann kommt die Klimakatastrophe. Hier sieht man ein ein soziokulturelles Problem, mit dem wir uns in der Trend- und Zukunftsforschung auseinandersetzen. Wie verändern sich Gesellschaften unter sich verändernden Bedingungen? Ein Mittel ist Angst und Schrecken nach dem Beispiel der Religion. Aber ob das in einer pluralistischen, modernen Gesellschaft funktioniert, fragt sich. Man stelle sich vor, wir wohnten alle in Nullenergiehäusern und hielten die Luft an. Deshalb beschäftigen wir uns eher mit der anderen Herangehensweise: Wo macht Veränderung Spass, wo ist sie spielerisch interessant? Mit dem Haus haben wir uns auf die Suche begeben.

Yvonne von Hunnius: Wie kann man angesichts der zweifellos dringlichen Lage schnell Veränderung schaffen, ohne Angst und Schrecken zu vermitteln?

Matthias Horx: Das ist eine Frage der Massenpsychologie. Nur kurz erwähnt sei: Der Zugewinn ist immer wesentlich, kommt Verzicht ins Spiel. Spannend ist, dass manche Versprechungen wie zum Beispiel das Glück durch materielle Güter, nicht gehalten werden konnten. Diesen Wertewechsel wollen wir mit dem Haus begleiten. Es geht nicht nur um möglichst viele Knöpfe, wie sie das bisherige männlich dominierte technische Wertesystem vermittelte. Mit dem Haus wollen wir auch den aktuellen Wertewandel formen und sichtbar machen.

Yvonne von Hunnius: In welche Richtung geht dieser Wertewandel?

Matthias Horx: Veränderungen werden durch Knappheit ausgelöst, denn Systeme adaptieren sich hieran. Früher war man König, ist man in einem Flugzeug geflogen, oder wenn man ein grosses Auto besass. Heute ist das kaum mehr ein Statusgewinn. Das bisherige System hatte eine männliche Prägung, wurde durch Energieverschwendung gekennzeichnet. Jetzt ist es nicht mehr so sexy, einen schweren BMW zu kaufen.

Yvonne von Hunnius: Ist das nicht eine positive nachhaltige Entwicklung?

Matthias Horx: Der Nachhaltigkeitsbegriff kann sehr leicht der neue Terror werden. Wir werden uns richtigerweise an Knappheiten anpassen. Doch in den deutschsprachigen Ländern gibt es viele, die einen neuen religiösen Ökowahn leben.

Future Evolution House

Bei Wien wird momentan gerade das „Future Evolution House“ der Familie Horx gestaltet, das das Zusammenleben einer modernen Familie des 21. Jahrhunderts widerspiegeln und strukturieren soll. Vier Personen, Eltern mit zwei Söhnen, und ein Heimbüro unter einem Dach. Vier Module wurden anhand des Alltagslebens (Arbeiten, Liebe, Gäste, Mobilität) festgelegt und strukturieren das Gebäude.
Technisch wird das „jeweils Mögliche“ an moderner Haustechnik im Sinne der Ressourcenflüsse eingesetzt. Und gerade das Mögliche erscheint in der Praxis nicht immer praktikabel, wie Horx feststellt. Ein Experiment mit Wärmekraftkopplungssysteme, Netzwerkspeisung und Energiespeicherung in Autobatterien. Horx: „ Wir sind pionierhaft unterwegs, wobei natürlich Probleme auftauchen. Doch das macht nichts, denn es ist auch die Aufgabe eines Zukunftsforschers, die Schnittstellenproblematik aufzuzeigen.“ Laut Definition soll das Haus zwar bezugfertig (Sommer 2011), doch nie zur Gänze fertig sein – es verändert sich mit den Umständen.

Sie können ein ökologischer Spiesser sein oder ein ökologischer Kreativer. Der ökologische Spiesser hat mit Sicherheit die bessere Ökobilanz. Doch alles, was gesellschaftlich erstrebenswert erscheint – Mobilität, Offenheit – das wird mit einer negativen Ökobilanz belohnt.

Yvonne von Hunnius: Doch Sie sehen uns Menschen in 50 Jahren in hochtechnologisierten Ökostädten leben…

Matthias Horx: Europäische Städte haben viel mit der Entwicklung des kreativen Sektors und der Wissensökonomie zu tun. In der Wissensökonomie sind wir darauf angewiesen, Anregungen vielfältiger Art zu haben. Deshalb gewinnen Städte mit Multikulturen und ziehen alle Gebildeten, die mehr wollen, in Ballungsgebiete. Es kann auch Mikropolen wie die Bodenseeregion geben, das müssen keine Megastädte sein. Creative Towns sind das grosse Thema.

Yvonne von Hunnius: Sind diese Creative Towns dann das Gegengewicht zu den ökologischen Spiessern?

Matthias Horx: Kreative Ökologie und eine restriktive Ökologie kämpfen einen Kampf miteinander. Doch Geschichte entwickelt sich immer positiv, wenn sie neue Symbiosen schafft. Wenn wir in der Lage sind, aus Kreativität, Offenheit und ökologischem Gedankengut eine Kulturform zu bilden. Und die Geschichte hat gezeigt, dass das funktionieren kann.

Yvonne von Hunnius: Hat der Klimagipfel in Kopenhagen auch Angst und Schrecken verbreitet?

Matthias Horx: Bei solchen Konferenzen ist es immer Frustration und Fortschritt zugleich. Es gibt ganze Lobbies, die davon leben, frustriert zu sein und in Talkshows zu kommen. Aber natürlich ist jede weitere Verhandlung mit Fortschritt verbunden. Wir leben in einer neuen Weltordnung, der vierten Phase der Globalisierung. Hier müssen sich Staaten auf neue Art und Weise koordinieren und absprechen.

Yvonne von Hunnius: Und was ist mit dem Fortschritt in Klimafragen?

Matthias Horx: Wir haben bereits gigantische Fortschritte aufzuweisen, doch das alles wird nicht verhandelt. Die Skandalisierung wird sich immer an der Katastrophe messen. Der ganze Bereich wird so mystisch aufgeladen, dass es in einer Erregungsökonomie endet. Solche Konferenzen sind immer Erregungsökonomie.


Zur Person:
Matthias Horx, Jahrgang 1955, ist einer der bekannteste Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Seine Leidenschaft gilt seit über 25 Jahren den Transformationsprozessen in Wirtschaft und Gesellschaft.

Bild: zvg

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