Den mittelgrossen Städten gehört die Zukunft, sagt Thomas Sevcik. Voraussetzung ist, dass diese Städte gut vernetzt seien und die für sie passende Nische besetzten. Die Schweiz sieht er als eine Art Riesen-Manhattan, die der Natur grosse Central Parks zuweist. Das sei ehrlicher, als an der heutigen Trennung von Stadt und Land festzuhalten, die sich am Ende ohnehin nicht durchhalten lasse.
Steffen Klatt: Leben Sie gerne in Zürich?
Thomas Sevcik: Ja. Es gibt wenige Städte, die diese eigentümliche Kombination von wirtschaftlicher Bedeutung und Dynamik und hoher Lebensqualität haben.
Steffen Klatt: Woher kommt das?
Thomas Sevcik: Die Schweiz ist sehr clever. Ich glaube, dass das Land genuin nachhaltig ist, und das nicht nur aus ökologischer Sicht. Sie versucht aus den begrenzten Ressourcen, die sie haben, viel raus zu holen. Und das ist sicherlich eine Schweizer Eigenart. Denn mit Zürich und Genf hat die klitzekleine Schweiz gleich zwei global relativ bedeutende Städte hervorgebracht, das ist beachtlich.
Steffen Klatt: Jede Zeit hat ihre eigene Stadt. Was für eine Stadt wird in den nächsten Jahrzehnten gebraucht werden?
Thomas Sevcik: Ich glaube, dass die Impulse in der Zukunft nicht mehr nur von den Mega-Städten kommen werden. Sie werden zwar nach wie vor sehr bedeutend sein, aber es werden zunehmend mittelgrosse und gut vernetzte Städte an Bedeutung gewinnen, die intelligent handeln, ihre Nische kennen und diese ideologiefrei und gut kapitalisieren.
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Steffen Klatt: Die meisten grösseren Städte in Europa sind in ihrer Infrastruktur, Architektur und ihrer Lage zum grossen Teil geprägt vom Industriezeitalter. Wie kann man diese Städte zukunftsfähig machen?
Thomas Sevcik: Einer der Kernfaktoren einer zukunftsfähigen Stadt ist die Mobilität. Ich glaube, dass man über Mobilität, Mobilitätsangebote und Mobilitätskosten unendlich viel steuern kann. Wir haben in Zürich und Los Angeles ein Büro. Und beide Städte betreiben auf unterschiedliche Weise einen Mobilitätsexzess. Um Zürich gibt es kein Dorf, dass nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden kann. Zürich ist es auch gelungen, dass nicht mehr die S-Bahn den Siedlungen folgt, sondern die Siedlungen der S-Bahnen folgen. In Los Angelas ist es genau anders herum gegangen. Da gibt es endlose Auto-Mobilität.
Ich glaube - entgegen der Meinungen von vielen Stadtplanern -, dass Mobilität bei weitem der wichtigste Grund für die Veränderungen von Städten ist.
Steffen Klatt: Ist Mobilität gleichzusetzen mit Verkehr?
Thomas Sevcik: Nein. Mobilität hat mehr Aspekte. Mobilität hat vor allem den Aspekt des Preises. In der Schweiz ist es zum Bespiel politisch gewollt ist, dass Mobilität umverteilt wird. So ist in der Schweiz die Migros-Kassiererin mehr oder weniger gleich mobil wie ein Bankdirektor.
Steffen Klatt: Verkehr ist eine Folge mangelnder Dichte. Zürich ist eine kleine Stadt, die wie andere Städte hinaus wuchert. Ist ein solches Wuchern nicht das Ende einer erfolgreichen Stadt?
Thomas Sevcik: Nein, das ist nicht so. Da bin ich mit meiner Meinung auch im Clinch mit den Leuten von Avenir Suisse. Die sagen, dass die Schweizer Städte nicht ausreichend dicht wären. Ich bin da anderer Meinung. Es ist nicht so wichtig, wie dicht die Innenstadt von Zürich ist. Sie hat sicherlich nicht die Dichte von europäischen Millionenstädten. Wichtiger ist es aber, dass der erste Ring der Agglomeration dichter wird. Da muss die Dichte geschaffen werden. Das ist viel wichtiger, als wenn man in der Innenstadt von Zürich noch ein weiteres Geschoss baut, damit man auf eine höhere Dichte kommt.
Steffen Klatt: Eine Stadt franst also am Rand aus und nicht in der Mitte.
Thomas Sevcik: Genau.
Steffen Klatt: Wie viel Platz sollte eine mittelgrosse Stadt in Anspruch nehmen dürfen?
Thomas Sevcik: Eine effiziente Bodennutzung ist wichtig. Dennoch sollten wir nicht den Fehler machen, beispielsweise Einfamilienhäuser zu verbieten, weil sie nicht in die Stadtplanung passen. Viel wichtiger ist, wie und wo man sie baut. Denn in der Schweiz gibt es zum Beispiel industrielle Brachen, die zusammengezählt fast so gross sind wie der Kanton Genf!
Steffen Klatt: Wenn alle Schweizer diesen Traum realisierten, würde es beim jetzigen Bevölkerungswachstum bald eine Einfamilienhaussiedlung von St. Margreten bis Genf geben.
Thomas Sevcik: Ja. Das fände ich gut. Denn die Schweiz ist nicht – wie die oft verbreitete Meinung – zu dicht besiedelt oder bebaut. Man kann in der Schweiz noch ordentlich bauen und ordentlich verdichten.
Steffen Klatt: Indem man mehr Grünfläche verbaut oder indem man Brachen nutzt, um Urbanes oder Halburbanes zu verdichten?
Thomas Sevcik: Die kapitalistischste Stadt, New York, hat im Herzen von Manhattan eine der grössten und perfektesten Grünflächen. Hier würde niemand auf den Gedanken kommen, diese Grünfläche zu bebauen, weil sie den Wert dieser Grünfläche sehen. Deswegen ist es viel ehrlicher und schlussendlich viel nachhaltiger, wenn solche grossen Central Parks jetzt schon ausgewiesen werden, wo nicht gebaut wird, aber wissend, dass drum herum Urbanität stattfindet. Ein Riesen-Manhattan zwischen St. Margareten und Genf, das bewusst Central Parks hat, ist wohl auch realistischer, als Pseudo-Grünflächen zu schützen, um dann resigniert festzustellen, dass sie eigentlich völlig unnötig sind.
Steffen Klatt: Hätte in einer solchen Grossstadt Schweiz auch die Landwirtschaft noch Platz?
Thomas Sevcik: Ja sicher. Aber in einer anderen Form als bisher. Zum einen könnten die ausgewiesenen Central Parks viel intensiver für die Landwirtschaft genutzt werden. Interessant ist aber auch die so genannte «vertikale Landwirtschaft», wo Reis und Weizen in Hochhäusern in der Stadt wachsen. So könnte zum Beispiel eine Zukunft der Landwirtschaft aussehen.
Steffen Klatt: Welche Funktionen muss eine Stadt anbieten, damit sie eine gesunde Stadt sein kann?
Thomas Sevcik: Eine erfolgreiche Stadt muss allen Einkommensgruppen ermöglichen, dass sie relativ nah beieinander leben können. Das ist vermutlich eine der Stärken der mitteleuropäischen Städte. In diesen Städten hat eine „Monacoisierung“ nicht stattgefunden.
Dann wird ja noch häufig die Mischung von Arbeiten und Wohnen – am bestem im gleichen Haus – postuliert. Mag sein, dass das gut ist, aber es ist unrealistisch. Denn nicht alle Gewerbeformen können mit Wohnflächen gemischt werden.
Steffen Klatt: Die Raum- und Stadtplanung findet in der Schweiz in den Gemeinden statt. Gibt es eine Gesamtschau oder herrscht der föderale Wildwuchs?
Thomas Sevcik: So sehr die Laissez-Faire-Haltung für die Schweizer Wirtschaft positiv ist, so nachteilig ist diese Haltung in der Regionalplanung. Ob man da wieder alles in Ordnung bringen kann, weiss ich nicht.
Steffen Klatt: Vielleicht sind es ja auch Architekten, die lieber einzelne schöne Häuser bauen, statt die gesamte Stadt im Blick zu haben...
Thomas Sevcik: Sie sind mitschuldig. Es wahrscheinlich aber auch ein Ergebnis der abendländischen Demokratie und des Kapitalismusprinzips, dass gewisse Sachen wie der Wachstum einer Stadt nicht gesteuert werden können.
Steffen Klatt: Die Städte müssen einfach wachsen?
Thomas Sevcik: Ja. Die Städte wachsen, aber meistens nicht, wie wir es wollen. Auch Wohnformen wachsen so, wie wir es nicht wollen. Ich komme noch mal zurück auf das Einfamilienhaus. Es ist illusorisch und eine Art von Übersteuerung, wenn man versucht, etwas zu verbieten, dass anscheinend ein Wunsch der Bevölkerung ist.
Zur Person:
Thomas Sevcik, geboren 1969 in Wettingen AG, hat an der Technischen Universität Berlin Architektur studiert. 1995 gründete er mit seiner heutigen Frau Annette Schömmel die Kreativfirma arthesia. Das Unternehmen, das heute in Zürich und Los Angeles sitzt, berät grosse Unternehmen wie Deutsche Bank, Swiss Re, Siemens, PricewaterhouseCoopers oder Volkswagen bei der Stärkung ihrer Marke. So gehört Sevcik zu den Planern hinter der „Autostadt“ von Volkswagen in Wolfsburg. Derzeit arbeitet er unter anderem an einer Neupositionierung der russischen Grossstadt Perm am Fuss des Urals.
Bild: Steffen Klatt
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