Noch zu wenig sexy

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Geschrieben von: Nathalie Schoch, St. Gallen 22.02.10
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Minergie, BalsbergMinergie ist der national erfolgreichste nachhaltige Baustandard weltweit. Er ist ein fester Bestandteil des Schweizer Energieprogramms. Doch er stösst selbst in der Schweiz auf Hindernisse, erst recht im Ausland. So sind die anspruchsvolle Planung und die Komplexität vielen Baufachleuten noch ein Gräuel. Vor allem in der Haustechnik fehlt es an Fachleuten.

In der Schweiz setzt sich energieeffizientes Bauen immer mehr durch. Mit dem heutigen Wissen und den technologischen Standards lassen sich Häuser bauen, die den Energieverbrauch auf ein Minimum senken. So auch bei den Gebäudestandards von Minergie. Über 15.000 Gebäude wurden bis heute nach den Standards von Minergie zertifiziert. Das ist die höchste nationale Marktanteil eines nachhaltigen Baustandards weltweit. Es könnten aber weit mehr sein, wären da nicht ein paar Kritikpunkte.

Mangelhaftes Wissen

„Manche Baufachleute haben schlicht kein Interesse, sich weiterzubilden. Sie scheuen den Aufwand“, sagt Franz Beyeler, Geschäftsführer von Minergie. Entsprechend fehle das nötige Wissen. Laut Silvia Gemperle vom Amt für Umwelt und Energie des Kantons St.Gallen bestünde vor allem im Haustechnik-Bereich ein Mangel an Fachkräften. „So fehlt oft der richtige Partner, der die Bauherren ausreichend berät“. Anders der Verband Gebäudehülle Schweiz. Dieser habe erkannt, dass sie damit ein Geschäft machen könnten, sagt Gemperle. Sie würden bereits einen entsprechenden Ausbildungslehrgang für Energieberater anbieten.

Mehr investieren - mehr bekommen

Wie so oft ist auch Geld ein Stolperstein. Zu hohe Investitionskosten verhindern, dass sich Bauherren daran wagen. Investitionen werden immer wieder hinausgeschoben. „Energie zu sparen ist zwar verantwortungsvoll, aber nicht sexy. Und ohne staatliche Anreize fehlt die Kapitalrendite in nützlicher Frist“, erklärt Holger Wallbaum, Professor für nachhaltiges Bauen an der ETH Zürich. Die Energiepreise seien zu tief, vor allem in der Schweiz im Verhältnis zum Mietzins, so dass es vom Markt eher belohnt werde, das Geld anders zu investieren. Dabei wäre es ganz einfach: „Statt weiterhin hohe Unterhalts- und Betriebskosten zu bezahlen, investiert der kluge Hausbesitzer etwas mehr in die Bausubstanz“, so Sales Affentranger vom Schweizerischen Baumeisterverband SBV. So profitiere er von tieferen Heizkosten und einem höheren Marktwert der ganzen Liegenschaft. Entscheidend seien nämlich die Lebenszykluskosten und nicht der kurzfristig auszugebende Betrag.

Energieeffizienz deutlich sichtbar

Einige Exponenten aus Fachkreisen zweifeln auch am effizienten Energieverbrauch. Er sei noch zu wenig transparent. Doch Gemperle hält dem entgegen. 2004 war sie Projektleiterin einer umfangreichen Studie, die im Auftrag der Konferenz kantonaler Energiefachstellen zusammen mit dem Verein Minergie von der Fachhochschule für Technik, Wirtschaft und Soziale Arbeit St.Gallen durchgeführt wurde. Sie gingen der Frage nach, wie sich Minergie in Planungs-, Ausführungs- und der Nutzungsphase bewährte. Die Ergebnisse von 500 Ein- und Mehrfamilienhäuser hätten gezeigt, dass sie im Schnitt wesentlich weniger Energie verbrauchen. „Das 4-Liter-Haus hält, was es verspricht“, so Gemperle.

Komfortlüftung erhöht Wert

Da ist noch ein Kritikpunkt. Einer, der in Fachkreisen viel zu diskutieren gibt: die Komfortlüftung. „Manche glauben immer noch, dass sich beim Minergie-Haus die Fenster nicht öffnen lassen und diese Lüftung purer Luxus sei. Und diese Ansicht gelangt dann so an den Bauherren, was logischerweise zu einem Rückzieher führt“, ärgert sich Beyeler. Dabei würde die Komfortlüftung nicht nur für frische Luft rund um die Uhr sorgen, sondern auch die Feuchtigkeit kontinuierlich abtransportieren. Dies trage wesentlich zur Werterhaltung eines Gebäudes bei. Ganz geschweige vom gesundheitlichen Aspekt. Auch Wallbaum sieht in der Komfortlüftung klare Vorzüge: die Immobilie gewinnt an Wert, die Nutzenden profitieren von mehr Komfort, besserer Luftqualität und geringerem Energieverbrauch. „Man kann viel falsch machen, die Kosten sind nicht unerheblich und der Nutzen ist nicht unmittelbar sichtbar, aber dennoch vorhanden“.

Grundeinstellung ändern

Minergie muss einige Kritikpunkte einstecken, teilt aber auch aus. Laut Beyeler fehlt es nicht zuletzt an der Grundeinstellung des Bauherrn. „Ein Auto bringt man regelmässig in den Service, lässt alles reparieren. Man achtet auf weniger Benzinverbrauch, auf den CO2-Ausstoss und die Umweltbelastung. Warum nicht auch beim Haus? Das ist doch ein Widerspruch“. Zum anderen liege es auch an den Bedingungen. Denn 70 Prozent wohnen in Miete. So liege es an den Eigentümern, die oftmals den Aufwand noch scheuten und die Energiekosten ja nicht selber berappen müssten.

Schweden bekundet Interesse

Auch auf internationalem Parkett hat es Minergie nicht leicht. Laut Wallbaum existierten in anderen europäischen Ländern teilweise strengere gesetzliche Standards, dadurch hätte Minergie keine Innovation dargestellt. Doch die Geschäftsstelle setzt auf eine klare Offensiv-Strategie. Ende 2006 konnte ein erster Lizenzvertrag mit der französischen Organisation Prioriterre für das Rhône-Alpes-Gebiet abgeschlossen werden. Und Anfragen würden wöchentlich reinkommen. Vor kurzem hätten sich Interessenten aus Kolumbien und Spanien gemeldet. Konkreter töne es aus Schweden.

Mehr Weiterbildung, mehr Aufklärung

Damit die Skepsis verschwindet und die Vorzüge sichtbarer werden, braucht es Anreize und Weiterbildung. „Wir müssen noch sehr viel Aufklärungsarbeit leisten. Dazu gehört auch, weitere Investoren zu überzeugen“, so Beyeler. Affentranger sieht vor allem im Massivbau ein riesiges Potenzial, das es stärker zu nutzen gelte. Denn entgegen der weit verbreiteten Meinung, man könne Minergie-Ziele nur in Leichtbauweise erreichen, sei die Massivbauweise dank ihrer guten Speicherwirkung ebenso gut dafür geeignet. Und Wallbaum sieht hier die Arbeit: „Die Anforderungen bezüglich des Elektrizitätsbedarfes müssen dringend ausgedehnt oder verschärft werden“. Denn dieses laufe mehr und mehr aus dem Ruder.

 

Bild: Vor allem grosse Gebäude sind bisher minergiezertifiziert. Im Bild eine Etage des ehemaliges Swissair-Gebäudes Balsberg (Yvonne von Hunnius).

 

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