Geplante Änderung des europäischen Energieeffizienz-Labels ist kontraproduktiv.
Forschungsergebnisse der Universität St.Gallen (HSG) zeigen, dass ein politischer Kompromiss der EU bezüglich des Labelling-Systems für Energieeffizienz von Haushaltsgeräten keine wirkungsvolle Orientierungshilfe für die Entscheidungen der Konsumenten bietet.
Stattdessen würde dem Energiesparen mit dem revidierten Label nicht mehr, sondern weniger Beachtung bei der Kaufentscheidung geschenkt. Das ursprüngliche Energie-Label hat sich auch in der Schweiz bewährt.
Die unabhängige Studie mit dem Titel «Disimproving the European Energy Label's value for consumers? Results of a consumer survey» wurde von Stefanie Heinzle und Prof. Dr. Rolf Wüstenhagen vom Institut für Wirtschaft und Ökologie (IWÖ-HSG) der Universität St.Gallen verfasst. Sie ist eine Weiterentwicklung der von den Forschern im Sommer 2009 durchgeführten Studie, die durch das deutsche Ministerium für Bildung und Forschung finanziert worden war. Hintergrund Das Energielabel der EU klassiert die Energieeffizienz einer Vielzahl von Haushaltsgeräten auf einer von A bis G reichenden Skala. Dank technologischem Fortschritt haben in den letzten Jahren mehr und mehr Produkte das obere Ende der Skala erreicht; in einigen Ländern haben heute 80% oder mehr der Waschmaschinen, Kühlschränke usw. ein A-Label. Diese ungleichmässige Verteilung hat zwischen der Europäischen Kommission, dem Parlament, der Branche und Verbraucherverbänden zu Diskussionen darüber geführt, wie die Differenzierungskraft des Klassierungssystems wiederhergestellt werden könnte, indem die effizientesten Produkte eine deutlich hervorgehobene Stellung einnehmen. Ein im Sommer 2009 diskutierter Gesetzesvorschlag sah die Einführung neuer Kategorien im oberen Skalenteil vor, nämlich A-20%, A-40% und A-60%, wobei Geräte in der letztgenannten Kategorie 60% energieeffizienter als ein herkömmliches A-gelabeltes Produkt wären. Wie mehrere Studien einschliesslich der früheren Forschungsarbeit von Heinzle und Wüstenhagen (2009) aufgezeigt haben, verwässert die Einführung neuer Kategorien bei den Konsumenten die Effektivität des Labels. Die Kommission entschloss sich schliesslich dazu, den umstrittenen Vorschlag zurückzuziehen und brachte einen neuen Vorschlag ins Spiel (A+, A++ und A+++), über den das Parlament im März 2010 abstimmen soll. Der neue Vorschlag bleibt bei der Idee der Einführung neuer Kategorien «jenseits von A» – eine Idee, die u.a. von der Branchenvereinigung CECED unterstützt, jedoch von Konsumenten- und Umweltorganisationen als das gängige Klassierungssystem potenziell schwächend kritisiert wird. Der Unterschied zum vorherigen Vorschlag besteht darin, dass der politische Kompromiss nun empfiehlt, diese Zusatzkategorien anstelle von A-20%, A-40% und A-60% mit A+, A++ und A+++ zu bezeichnen. Die Kategorien A+ und A++ werden de facto in einigen Gerätebereichen heute bereits verwendet, neu ist jedoch die Ausweitung auf alle Produktgruppen und die Einführung der Kategorie A+++. Das Forschungsteam der HSG verwendete dieselbe Methodik zur Untersuchung der Wirksamkeit dieser neuen Kategorien, und die Ergebnisse zeigen auf, dass zwischen den beiden Skalen zur Klassierung der Energieeffizienz nur ein sehr kleiner Unterschied besteht, was die Verwendung der Informationen durch die Verbraucher betrifft. Beide Revisionsvorschläge laufen damit dem Ziel des Labels zuwider, nämlich den Stellenwert der Energieeffizienz bei der Kaufentscheidung zu erhöhen. Laut dem Koordinator des Forschungsprojekts, Dr. Klaus Rennings vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, sollte das EU-Label den im Lauf der Zeit erreichten Innovationen Rechnung tragen, und zwar nicht indem neue Kategorien erfunden werden, sondern indem die Kriterien für die Auszeichnung mit den besten Energieeffizienz-Labels den Entwicklungen dynamisch angepasst werden. Die Forschungsergebnisse fliessen in eine gegenwärtig in Brüssel geführte Debatte über die Zukunft von Energieeffizienz-Labels für Haushaltsgeräte (siehe Kasten «Hintergrund») ein. Dabei geht es darum, wie die heutige Klassifizierung der Energieeffizienz auf einer Skala von A bis G weiterentwickelt werden soll. Das Energielabel ist eines der Instrumente, die von der Europäischen Kommission verwendet werden, um Energieeffizienz zu fördern und Kohlendioxid-Emissionsziele zu erreichen. Dies umso mehr, als an der UNO-Konferenz in Kopenhagen vergangenen Dezember kein verbindliches internationales Abkommen zur Bekämpfung des Klimawandels vereinbart wurde. Preis höher bewertet als Energieeffizienz
Die neue Studie vergleicht am Beispiel entsprechend gekennzeichneter TV-Geräte die Wirkung der bewährten Skala (A-G) mit der von der Europäischen Kommission vorgeschlagenen Erweiterung, über die das Europa-Parlament voraussichtlich im März abstimmen wird. Die Revision würde die neuen Kategorien A+, A++, A+++ am oberen Ende der Skala einführen. Die Studie der Universität St.Gallen belegt, dass diese neuen Kategorien bei den Verbrauchern das klare Signal des bisherigen Labels verwässern und sie im Ergebnis dazu bewegen, den Preis höher zu bewerten als die Energieeffizienz. Laut dem Leiter der Studie, Prof. Dr. Rolf Wüstenhagen, unterstreichen die Resultate die unter anderem von Verbraucherorganisationen geäusserte Sorge, dass das neue Labelling-System weniger wirkungsvoll wäre als die heutige Version. Dies könnte dazu führen, dass die Konsumenten billigere und weniger effiziente Geräte kaufen. So nahmen die Verbraucher beispielsweise den Unterschied zwischen A+++ und A++ in der neu vorgeschlagenen Skala als bedeutend geringer wahr als den Unterschied zwischen A und B im bestehenden System, obwohl beide Kategorien einen ähnlichen Unterschied im Energieverbrauch repräsentieren. Kurzschluss beim Gerätekauf
Die Erkenntnisse der Studie legten klar dar, dass ein politischer Kompromiss nicht unbedingt zu besseren Ergebnissen führe, sagt Prof. Dr. Wüstenhagen. «Die Konsumenten verstehen das einleuchtende Format des heutigen A- bis G-Labels, während die Einführung neuer Unterkategorien wie A++ usw. signalisiert, dass es auf die Unterschiede in der Energieeffizienz nicht so ankommt. Infolge dessen neigen sie dazu, die vom Label vermittelten Informationen als weniger relevant einzustufen und nach den billigsten Geräten Ausschau zu halten. Der Fokus auf den Preis ist der Alptraum eines guten Verkäufers. Für den Konsumenten ist es aber eine bequeme Abkürzung bei der Kaufentscheidung, wie sie immer dann zum Einsatz kommt, wenn es keine anderen Differenzierungsmerkmale gibt.» In ihrer im September 2009 veröffentlichten ursprünglichen Studie hatten die Forscher der Universität St.Gallen den ersten Vorschlag der Europäischen Kommission zur Revision des Labels untersucht. Dieser sah ebenfalls die Einführung neuer, zusätzlicher Kategorien vor, die seinerzeit mit A-20%, A-40% und A-60% bezeichnet werden sollten. Schon diese erste Befragung zeigte, dass die neuen Kategorien die Wirkung des Labels verwässert und die Konsumenten klar dem bestehenden A- bis G-System den Vorzug geben. Der Vorschlag wurde daraufhin von der Europäischen Kommission zugunsten der A+-Skala zurückgezogen. Sinkende Zahlungsbereitschaft
Die Ergebnisse der neuen Studie zeigen, dass der jetzt vorgeschlagene Kompromiss kaum besser ist als die erste Vorlage. Auch in der neuen Studie liess die Wichtigkeit des Energie-Labels als Auswahlkriterium zwischen verschiedenen Produkten bei Einführung der neuen Kategorien stark nach. Bei Verwendung der A- bis G-Skala lag die Bedeutung der Energieeffizienz für die Kaufentscheidung bei 34%, bei der A+-Skala hingegen nur noch bei 23% , was wiederum sehr nahe bei den 24% für den Erstvorschlag der Kommission, der A-x%-Skala, liegt. Zugleich nahm die Bedeutung des Preises stark zu – von 35% in der bisherigen A-G-Skala auf 43% in der neuen A+-Skala (44%
bei A-x%). Die beim neuen System beobachtete Verschiebung der Aufmerksamkeit von der Energieeffizienz auf den Preis schlägt sich auch in der bedeutend niedrigeren Zahlungsbereitschaft der Konsumenten für energieeffiziente Geräte nieder. Beim alten Klassierungssystem waren die Befragten bereit, für ein energieeffizientes Produkt (Kategorie A im Vergleich zu B) 18% mehr zu bezahlen, was einem Mehrpreis von 133 Euro entspricht. Im Gegensatz dazu zeigten sich die Befragten der Gruppe, bei der das neue System zur Anwendung gebracht wurde, lediglich bereit, für ein energieeffizientes Produkt (Kategorie A+++ im Vergleich zu A++) 7% mehr respektive einen Aufpreis von 49 Euro zu bezahlen. Branche befürchtet Absatzeinbruch
«Es ist uns ein Rätsel, weshalb die Elektronikindustrie einen Vorschlag unterstützt, der ihren ureigensten Interessen widerspricht», sagt Prof. Dr. Rolf Wüstenhagen. Das bestehende, unmissverständliche Label löse bei den Konsumenten eine erhebliche Zahlungsbereitschaft für energieeffiziente Produkte aus. «Mit der vorgeschlagenen Revision würde das Label erheblich an Einfluss verlieren. Das erschwert es den innovativen Herstellern, sich mit energieeffizienten Produkten am Markt zu profilieren.» Dies sei auch energiepolitisch bedauerlich, weil das europäische Energie-Label eine langjährige Tradition als wirksames Instrument zur Förderung energieeffizienten Kaufverhaltens besitze und in anderen Teilen der Welt als Vorbild diene, sagt Wüstenhagen. Industrieverbände neigen dazu, die vorgeschlagene Einführung zusätzlicher Kategorien (A++ usw.) zu bevorzugen, weil sie Umsatzeinbussen befürchten, falls bestehende Geräte im Lauf der Zeit strengere Kriterien erfüllen müssen. Gemäss der Studie der Universität St.Gallen haben die Hersteller und der Handel aber möglicherweise die Zahlungsbereitschaft für klar erkennbare energieeffiziente Produkte und die verwässernde Wirkung der neuen Kategorien unterschätzt. Mehr als 2000 Wahlentscheidungen analysiert
Die Erkenntnisse ergaben sich aus der Analyse von 2244 Auswahlentscheidungen von Konsumenten, wobei rund der Hälfte der Befragten das bestehenden Labelling-System (A bis G) vorgelegt wurde, während die andere Hälfte einen ansonsten identischen Fragebogen, jedoch unter Einbezug der vorgeschlagenen neuen Kategorien (A+, A++ etc.) erhielten.
Weitere Informationen: Universität St. Gallen Institut Wirtschaft und Ökologie (IWÖ-HSG) Prof. Dr. Rolf Wüstenhagen
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