|
Zu dieser Anfälligkeit der Monokultur kommen verschiedene Probleme, die gewöhnlich mit dem intensiven Anbau verbunden sind: Verlust der Biodiversität durch den Anbau eines einzigen Produkts, Beanspruchung des Bodens durch extrem rationalisierte Bewirtschaftung, die immer mehr Land erfordert, Verlust des Know-hows in Bezug auf traditionelle Kulturen, Verlust der Ernährungssouveränität, d.h. der Fähigkeit, eine diversifizierte regionale Landwirtschaft zu erhalten, die den Ernährungsbedürfnissen der lokalen Bevölkerung entspricht. Gegenwärtig beabsichtigt Kolumbien den starken Ausbau der Palmölkulturen und sucht nach neuen Absatzmöglichkeiten. Von 150‘000 Hektaren im Jahr 2000 ist die Anbaufläche bis 2010 bereits auf 300‘000 Hektaren angewachsen. Vor diesem Hintergrund stehen die erwähnten Probleme. Und damit stellt sich insbesondere auch die Frage nach der Verantwortung unseres Landes. Soll die Verwendung von Palmöl aus Kolumbien als Agrotreibstoff gefördert werden, das gegenwärtig hauptsächlich von der Nahrungsmittel- und Kosmetikindustrie genutzt wird? Eine Reise durch das Land, die es ermöglicht hat, mit den direkt betroffenen Bauern zu sprechen, zeigt, dass grösste Vorsicht angebracht ist. Die Einfuhr dieser Biomasse für die Verarbeitung zu Agrotreibstoff in unserem Land würde heute einen echten Mangel an Solidarität mit den Kleinbauern darstellen, die sich um den diversifizierten, natur- und landschaftsschonenden Nahrungsmittelanbau bemühen – d.h. um eine Produktionsweise, die den Grundsätzen der Schweizer Landwirtschaft entspricht. Zudem werden die Schwierigkeiten dieser oft extrem armen Bauern durch die politische Situation des Landes noch verschärft. Wenn man von Aneignung und Beanspruchung von Agrarland spricht, so denkt man in Kolumbien auch an das Schicksal der Menschen, die durch die Gewalt der bewaffneten Gruppierungen – seien es Guerillakämpfer, Paramilitärs oder Banden von Drogenhändlern – vertrieben werden. Schätzungen zufolge handelt es sich dabei heute um 2 bis 3 Millionen Personen. Verschiedene Berichte zeigen, dass einige dieser bewaffneten Gruppen von Grossgrundbesitzern angeheuert worden sind. Diese profitieren von den unsicheren Besitzverhältnissen, um sich durch Drohungen und Gewalt bis hin zu Erpressung und Mord Kulturland anzueignen. Ganze Dörfer sind in ihrer Existenz bedroht, und die Bauern laufen Gefahr, in die Slums der Grossstädte gezwungen zu werden. Wenn man vom Verschwinden der Nahrungsmittelkulturen spricht, so bedeutet dies – in einem äusserst fruchtbaren Land - auch das Risiko, dass eine ganze Bevölkerung mangelernährt wird, weil sie wegen des fehlenden Zugangs zum Boden nicht mehr in der Lage wäre, sich ausreichend zu ernähren. Die Beeinträchtigung der Biodiversität ist in einem Land, in dem sich Urwälder mit unzähligen, noch nicht einmal inventarisierten Pflanzen – und Tierarten befinden, besonders gravierend. Da die Entwicklung praktisch nicht mehr umkehrbar ist, wiegen die Probleme, die durch die Palmöl-Monokultur entstehen, noch schwerer. Ölpalmen erbringen während der ersten drei bis vier Jahre nach der Anpflanzung keine Erträge und müssen nach 25 bis 30 Jahren durch neue Bäume ersetzt werden. Die grossen Verbände der Produzenten und der Verarbeitungsindustrie sind sich dieser Probleme bewusst und bemühen sich, diese Rechnung zu tragen. Durch die andauernde Gewalt im Land und die unsicheren Eigentumsverhältnisse sind sie aber nicht in der Lage, die Lage vor Ort zu kontrollieren. Wir sind gegenwärtig also weit entfernt von einer Situation, in der die Einfuhr von Palmöl in die Schweiz zur Erzeugung von Agrotreibstoffen ins Auge gefasst werden könnte.
Ständerat Robert Cramer (GP, Genf) hat Anfang Februar mit einer Delegation von Swissaid Kolumbien besucht, um die Situation der Palmölbranche im Land zu untersuchen.
|