Die Krise und der Klimawandel machen es möglich: Geschäftsreisen werden zunehmen durch virtuellen Konferenzen ersetzt. Damit sparen Unternehmen Reisekosten und Treibhausgas-Emissionen. Second Life verspricht besonders grosses Sparpotential.
Bei Geschäftsreisen sind massive Einsparungen möglich, diese Erkenntnis setzt sich bei immer mehr Unternehmen durch. Der Spardruck der Wirtschaftskrise fördern zusammen mit dem Klimawandel die Bestrebungen von international tätigen Unternehmen, die Geschäftsreisen auf ein Minimum zu reduzieren. Ein gewaltiges Sparpotential liegt bei der Verwendung von Systemen, die Leute aus aller Welt virtuell an einen Tisch bringen. In Zukunft könne aber weit mehr als nur Konferenzen digitalisiert werden, glauben namhafte Schweizer Unternehmen. Videokonferenz statt ReiseDoch die Unternehmen wollen nicht viel preisgegeben vom Braten, der da riecht: In Zeiten der Wirtschaftskrise werden Sparmöglichkeiten wie geheime Rezepte gehütet. Auf Nachfrage erzählen grosse Unternehmen in der Schweiz nur wenig über die Mittel, mit denen sie die teuren Geschäftsreisen reduzieren wollen. Immerhin wird sichtbar, dass es hier ein Sparpotenzial gibt: Die UBS zum Beispiel hat 2008 die Reisekosten gegenüber 2007 um einen Drittel reduziert, und auch für 2009 spricht die Grossbank noch einmal von erheblichen Einsparungen. In den verschärften Reiserichtlinien vom Herbst 2007 wurde unter anderem festgehalten, dass nicht zwingend notwendige Reisen vermieden und stattdessen Video- oder Telefonkonferenzen durchgeführt werden sollen. Auch Siemens folgt diesem Grundsatz. In den letzten Monaten richtete das Unternehmen auf 200′000 Desktopcomputern in der ganzen Welt ein System für einfache Videokonferenzen ein. Durch die grosse Anzahl der Leute, die so für virtuelle Sitzungen miteinander verbunden wurden, würden in Zukunft unzählige Reisen eingespart werden können, erklärt Benno Estermann von Siemens Schweiz. Herkömmliche Video- und Telefonkonferenzen haben aber bei heiklen Verhandlungen ihre Grenzen, manche Reisen sind demnach nicht zu verhindern. Gibt es Möglichkeiten diese Grenzen zu verschieben und damit noch mehr Geschäftsreisen einzusparen? Die Umweltschutzorganisation WWF ist überzeugt, dass es solche Möglichkeiten geben muss, denn die vielen Geschäftsreisen per Flugzeug verursachen einen massiven Ausstoss von Treibhausgasen. Es ist also auch im Sinne des WWF, dass Cisco Systems für den Klimagipfel in Kopenhagen ein weltweites, hochauflösendes Videokommunikationssystem (siehe Kasten) errichtet hat, bei welchem die Teilnehmer einer Konferenz nur virtuell am selben Tisch sitzen und deshalb in kein Flugzeug steigen müssen. Das System soll möglichst vielen Menschen eine Teilnahme an den Konferenzen des Klimagipfels ermöglichen, ohne dass sie dafür nach Kopenhagen reisen müssen. Mit einem verbreiteten Einsatz solcher Systeme könnte rund ein Fünftel der Treibhausgase, die der Flugverkehr verursacht, eingespart werden, schätzt WWF Österreich. Ihr Videokommunikationssystem setzen Cisco Systems auch für das eigene Unternehmen verbreitet ein. Anlässlich des Klimagipfels in Kopenhagen präsentierten sie den Medien und Klimaexperten stolz die ökonomischen und ökologischen Nutzen des Systems: Für über 90′000 Meetings zwischen 2006 und 2009 brauchte es demnach keine Flugreisen, dabei wurden laut den Angaben von Cisco Systems über 195′000 Tonnen CO2-Emissionen und 361 Millionen US-Dollar eingespart. Virtuelle Treffen in Second LifeStatt sie per Video zu übertragen, können Konferenzen auch ganz in virtuelle Welten wie Second Life verlegt werden, eine Methode, die in der Schweiz Schule machen dürfte. Der Erfolg der Zürcher Startup-Firma vComm Solutions bei der Einführung von virtuellen Räumen in verschiedenen Unternehmungen zeugt davon. VComm macht virtuelle Räume bezugsbereit, in denen je nach Bedarf Konferenzen oder auch Schulungen stattfinden können. Solche virtuelle Treffen seien immer dann sinnvoll, wenn eine grosse Interaktion zwischen mehr als zwei Leuten stattfinde, sagt der Firmengründer und Geschäftsleiter Volker Gässler. Den Unterschied zu Telefonkonferenzen sei gross: „Wenn komplexe Themen besprochen werden müssen, sind Telefonkonferenzen oft mühsam, weil die Aufmerksamkeit mit der Zeit nachlässt, das passiert in virtuellen Räumen viel weniger.” Die Einarbeitungszeit für Leute, die Second Life nicht kennen, sei zudem kaum je länger gewesen als 30 Minuten. Ein Vorteil an solchen komplett virtuellen Treffen ist, dass daran sehr viele Leute teilnehmen können. Über 200 Technologie-Vordenker der IBM trafen sich im Herbst 2008 als virtuelle 3D-Figuren zu einer Konferenz in einem extra dafür gebauten virtuellen Kongresszentrum in Second Life. Die Konferenz war äusserst Ergiebig und soll nur einen Fünftel eines realen Treffens gekostet haben. Gespart werden konnte bei den Reise- und Unterkunftskosten und ausserdem bei der Arbeitszeit, da die Teilnehmer der Konferenz nach deren Ende bereits wieder an ihrem Computer sassen und die Arbeit sofort wieder aufnehmen konnten. E-Learning in virtuellen WeltenVirtualität braucht Illusionen Damit auch komplizierte Sitzungen virtuell durchführbar sind, muss bei den Teilnehmern die Illusion geweckt werden, dass sie den anderen Sitzungsteilnehmer wirklich gegenüber sitzen. Nur dann bleibt die Aufmerksamkeit hoch. Diese Illusion wird sowohl bei sog. „Telepresence” Videokommunikationssystemen erweckt, als auch in virtuellen Sitzungszimmern in Second Life. Bei Telepresence-Systemen, wie sie Cisco Systems anbietet, ruft die Lebensgrosse, hochauflösende Darstellung des Gegenübers und Raumklang diese Illusion hervor. Wenn sich Sitzungsteilnehmer in virtuellen Welten gemeinsam an einen Tisch setzen, dann geschieht ein Effekt wie in Videogames: Die Person am Computer glaubt sich nach einer bestimmten Zeit tatsächlich in dieser Welt. Unterstützt wird dieser Vorgang durch die exakte virtuelle Nachbildung von Geschäftsgebäuden und Sitzungszimmern aber auch durch die Personalisierung der Avatars. Solche Konferenzen unter tapsigen 3D-Figürchen, die Avatars genannt werden, sind aber bei weitem nicht die einzige Möglichkeit für Unternehmen, mit virtuellen Welten Geld zu sparen. VComm errichtete auch virtuelle Räume, die speziell auf die interne Schulung eines grossen multinationalen Unternehmens mit Sitz in der Schweiz zugeschnitten waren. Versuchsweise wurden darin unter anderem Kundenberatungen simuliert und geübt. Dabei eröffneten sich Möglichkeiten, die in herkömmlichen E-Learning-Anwendungen so nicht vorhanden waren, erzählt ein Ausbildungsspezialist dieses Unternehmens. Während dem Lernenden bei E-Learning ein Programm gegenüber steht, ist dies in einem virtuellen Raum via den Avatar ein Mensch. Virtuelle Räume machen den unmittelbaren Austausch zwischen Lehrer und Schüler also theoretisch über grosse Distanzen möglich. Solche Methoden könnten einerseits das Ausbildungsangebot von Unternehmen flexibler- und andererseits Reisen unnötig machen.Virtuelle ZukunftsmusikSolche Anwendungen klingen in den Ohren vieler Unternehmer bereits gut, die Zukunftsmusik der virtuellen Welten wird aber erst recht zum Symphoniekonzert. Die Kombination aus heutigen lokalen 3D-Anwendungen mit virtuellen Welten wie Second Life eröffnet anscheinend fast unbegrenzte Möglichkeiten: Siemens kennt bereits vollständig virtuell begehbare Modelle beispielsweise von Hochgeschwindigkeitszügen, mit welchen jeder Winkel und jede Armatur vom Kunden aus jedem Winkel betrachtet werden kann, bevor überhaupt etwas produziert worden ist. Es ist theoretisch vorstellbar, dass sich der Siemens-Vertreter und der Kunde in Zukunft sogar im Führerstand dieses virtuellen Zuges treffen werden, ohne dass einer von beiden eine Reise machen muss. Für solche Dinge ist Second Life zurzeit aber noch nicht bereit. Volker Gässler von vComm sagt, die Grafik habe noch ihre Grenzen, den Ansprüchen von Produktepräsentationen zum Beispiel genüge sie noch nicht. Zumindest für solche Kundenkontakte also bleiben Geschäftsleute vorläufig noch Reisende, so wie sie es seit langer Zeit schon waren. Bild: Cisco
|