Soeben aus Kolumbien zurück, sind wir noch voller Eindrücke über die Situation derKleinbauernfamilien und über die Lösungsansätze der SWISSAID-Partnerorganisationen. SWISSAID hat Schweizer Parlamentarierinnen und Parlamentarier eingeladen, sich über die Bedeutung der Biodiversität und die Problematik der Produktion von Agrotreibstoffen vor Ort ein Bild zu machen. Nationalrat und SWISSAID-Präsident Rudolf Rechsteiner, Nationalrat Carlo Sommaruga sowie Ständerat Robert Cramer nahmen an der Reise teil.
Wir besuchten Bauern und Bäuerinnen in abgelegenen Gebieten in der Provinz Sur de Bolivar. Einfache Hütten zeugen von der Armut. Reich allerdings ist die Natur: Mais, Bohnen, Bananen und das Wurzelgemüse Yuca dienen als Grundnahrungsmittel, während Kaffee, Kakao, Zuckerrohr oder Früchte vermarktet werden. Die unterschiedlichen Produkte sorgen für eine ausgewogene Ernährung, und die Diversifizierung der Anbauprodukte verkleinert das Ausfall-Risiko: Falls eine Pflanze geringe Erträge ergibt oder die Preise fallen, kann ein anderes Produkt die Verluste kompensieren. Nicht nur verschiedene Pflanzenarten, sondern auch der Anbau verschiedener Sorten ist für die nachhaltige Nahrungsmittelproduktion von unschätzbarem Wert. Denn Vielfalt bedeutet Sicherheit, wenn etwa die Ernte von einem Schädling befallen wird oder ausbleibender Regen den Pflanzen zu schaffen macht. Die gegen Schädlinge resistenten Sorten oder die besser für trockene Böden geeigneten Pflanzen werden in diesem Fall das Überleben sichern. So ist die biologische Vielfalt eines der wirkungsvollsten Rezepte gegen Hunger und Armut. Vielfalt bedeutet aber auch Reichtum.Sowohl auf dem Teller wie auf dem Sparkonto. Denn verschiedene Maissorten bereichern den Speisezettel und erleichtern die Vermarktung: Während sich etwa eine Maissorte gut auf dem Markt verkauft, eignet sich die andere zur Herstellung von Tortillas oder sie wird von der Familie wegen ihres süssen Geschmacks bevorzugt. Aus Mais wird z.B. auch Schokolade hergestellt. Im Rahmen von Saatgutbanken und Austauschmessen haben SWISSAID-Partner 23 verschiedene Maissorten zusammengetragen. Sie erhalten das Saatgut und entwickeln es weiter. So haben unsere Erfahrungen in Kolumbien eines ganz klar gemacht: Die Vielfalt von Anbauprodukten und Sorten ist für das Leben armer Kleinbauernfamilien und für die nachhaltige Entwicklung von unschätzbarem Wert. Diese Biodiversität müssen wir schützen. Die UNO hat das Jahr 2010 zum Jahr der biologischen Vielfalt erklärt. Dies war auch dringend nötig, denn der Verlust der Vielfalt an Nutzpflanzen und -tieren hat ein bedrohliches Ausmass erreicht. Nur noch 15 Pflanzen- und acht Tierarten liefern weltweit 90 Prozent der Nahrung. Allein Reis, Mais und Weizen machen die Hälfte des Nahrungsmittelbedarfs aus. Auch die Sortenvielfalt, ist bedroht. Ungefähr zehn Agrokonzerne, die zwei Drittel der weltweiten Saatgutproduktion kontrollieren, verbreiten einige wenige Sorten, die für die industrielle Landwirtschaft gezüchtet wurden. Dieses Saatgut ist produktiv, doch es ist teuer und braucht Bewässerung, chemischen Dünger und Pestizide. Und es verdrängt die traditionellen und lokalen Sorten. Mit dem gentechnologisch veränderten Saatgut der Agrokonzerne wird sich die Lage weiter zuspitzen. Darum lanciert SWISSAID die Kampagne „Vielfalt gegen Hunger“. Wir werden uns dabei auf das Saatgut konzentrieren, eine der wichtigsten Ressourcen der Bauern und Bäuerinnen. Eine ecuadorianische Bäuerin sagt es so: „Land ist Leben. Wasser ist Leben. Saatgut ist Leben.“ SWISSAID-Partnerorganisationen kämpfen dafür, ihr Saatgut selber verwalten, weiterentwickeln und nutzen zu können. Angesichts des Klimawandels, d.h. konfrontiert mit zunehmenden Dürren oder Überschwemmungen, wird das lokal angepasste und weiterentwickelte Saatgut noch viel wichtiger werden: Denn Vielfalt bedeutet Leben. Um die Sortenvielfalt nicht den Agrokonzernen und Labors zu überlassen, hat SWISSAID in Lateinamerika, Asien und Afrika mit lokalen Partnern die Kampagne „Unser Saatgut – unser Leben“ lanciert. In den letzten zehn Tagen besuchten wir SWISSAID-Partner in Kolumbien. Davon werden Ihnen anschliessend Ruedi Rechsteiner und Robert Cramer berichten. Zum Schutz der Biodiversität – und mit Unterstützung von SWISSAID - haben sich in Kolumbien mittlerweile zwei Regionen für Gentechfrei erklärt, und eine dritte steht kurz vor diesem Schritt. Insgesamt sind in Kolumbien jetzt etwas mehr als 90'000 Hektaren Land als gentechfrei gesichert. Auch aus Indien erhielten wir vor ein paar Tagen gute Nachrichten: Die Zulassung von Gentech-Auberginen, welche die grosse Vielfalt lokaler Sorten verdrängte oder kontaminierte, ist vorläufig zurückgestellt worden. Der Umweltminister beschloss einen Zulassungsstopp, bis unabhängige Studien die Aubergine als unbedenklich für Mensch und Umwelt einstufen. In der Schweiz werden wir dieses Jahr mit verschiedenen Aktivitäten auf die Bedeutung der biologischen Vielfalt im Kampf gegen den Hunger aufmerksam machen. Sie dürfen sich schon jetzt auf die Saatgutkarawane freuen, die vom 27. Mai bis 4. Juni durch die Schweiz ziehen wird. Sechs Bauern und Bäuerinnen aus Indien, Niger und Nicaragua werden auf verschiedenen Bauernhöfen zu Besuch sein und mit ihren Schweizer Kollegen über die Bedeutung der Saatgutvielfalt diskutieren. Zwei Dinge kann ich Ihnen jetzt schon verraten: Die Bauern und Bäuerinnen sind sich einig, dass das Saatgut in ihre Hände gehört. Und dass die Gentechnologie die Biodiversität massiv bedroht. Weitere Informationen:
SWISSAID Caroline Morel, Geschäftsleiterin Email:
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Bild: Palmölraffinerie PPW: Lastwagen liefert Palmfrüchte zur Verarbeitung an (Swissaid).
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