Schweiz braucht Grosskraftwerke

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Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, Bern 22.02.10
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Die Schweiz muss laut swisselectric-Präsident Hans E. Schweickardt von der EU in Punkto Strom unabhängig sein. Doch Stromversorgungssicherheit sieht er durch Erneuerbare noch lange nicht gewährleistet. Mittelfristig seien Atom- und Gaskraftwerke unverzichtbar.

Yvonne von Hunnius: Wie finden im Energiesektor Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit zusammen?

Hans E. Schweickardt:  Der Zusammenhang ist klar. Alles, was nicht der Versorgungssicherheit dient, ist nicht nachhaltig. Somit sind die Elemente, die nicht wirtschaftlich Versorgungssicherheit garantieren, und auch diejenigen, die die Umwelt belasten, nicht nachhaltig. Doch die Versorgungssicherheit, aber auch die Wirtschaftlichkeit und der Landschaftsschutz werden gerade im Zusammenhang mit erneuerbaren Energien mit blauen Augen betrachtet.

Yvonne von Hunnius: Ist deshalb kein Platz für Erneuerbare Energien?

Hans E. Schweickardt:  Doch, aber kurzfristig ist Versorgungssicherheit nicht mit erneuerbaren Energien zu gewährleisten. Auch der Bundesrat sagt,  dass das Potential der erneuerbaren Energien „auf absehbare Zeit nicht ausreicht“. Und er weiss auch, dass Erneuerbare oft mit dem Landschaftsschutz, dem Heimatschutz, Naturschutz, Vogelschutz und sogar Klimaschutz kollidieren. Das bedeutet für uns nur: Man muss die Erneuerbaren weiterentwickeln, mit Vernunft ausbauen. Prinzipiell betont der Visionär zunächst nur das Potential der Erneuerbaren, der Techniker setzt dann den Schwerpunkt auf die technischen Möglichkeiten. Aber wir sind erst dann bei der Realität angelangt, wenn der Unternehmer den Rahmen dessen abgesteckt hat, was für ihn finanzierbar und politisch machbar ist. Die erneuerbaren Energien brauchen noch Zeit, es sei denn, man verletzt Regeln der Nachhaltigkeit. Wie zum Beispiel,  dass die Versorgungssicherheit jederzeit erhalten, die Wirtschaftlichkeit gegeben und die Landschaft geschont sein müssen.

Yvonne von Hunnius: Durch die Krise wurde der Investitionshype im Feld der Erneuerbaren gestoppt. Ist nun der Weg für vernünftige Projekte frei?

Hans E. Schweickardt:  Noch ist die Politik nicht mit beiden Beinen auf dem Boden angekommen. Sie  investiert nicht nur dort, wo Vernunft regiert. Es ist beispielsweise widersinnig, in Photovoltaik zu investieren, wenn man dort investieren will, wo die meisten Kilowattstunden pro Fördergeld erreicht werden. Die Schieflage zeigt Deutschland: 0,5 Prozent des Stromkonsums ist mit Photovoltaik möglich und dort ist ein Schuldenberg von 27 Milliarden Euro vor der Bugwelle. Im Vergleich dazu kostet ein Kernkraftwerk, das etwa 2 Prozent der Versorgung stemmen kann, 5 Milliarden Euro.

Yvonne von Hunnius: Und wo gibt es Ihrer Meinung nach auf staatlicher Seite in der Schweiz den grössten Handlungsbedarf?

Hans E. Schweickardt:  Die Behörden müssen ihre Verfahren beschleunigen. Sie müssen Beschlüsse fällen, die dann auf dem normalen Rechtsweg behandelbar sind. Solang die Behörden keine Beschlüsse fällen, läuft eine Sanduhr. Beispielsweise ist eine Höchstspannungsleitung in der Schweiz seit den 70er Jahren in Bearbeitung, die Kosten steigen derweil.

Yvonne von Hunnius: Die Europäische Union hat intelligente Stromzähler mit Jahresbeginn bei Neubauten und umfangreichen Renovierungen zur Pflicht gemacht – wie schätzen Sie die Entwicklung ein?

Hans E. Schweickardt:  Da schliesse ich mich der Sicht des Präsidenten der Elektrizitätskommission Carlo Schmid-Sutter an: Es ist zu früh, sich hierüber eine abschliessende Meinung zu bilden und Regelungen auch in der Schweiz zu erlassen. Smart metering wird ja schon teilweise umgesetzt, diese Erfahrungen müssen wir beobachten.

Yvonne von Hunnius: Sie betonen die Wichtigkeit, sich nicht von der EU abhängig zu machen – wie kann die Schweiz das schaffen?

Hans E. Schweickardt:  Ganz einfach: Möglichst viel Stromproduktion im eigenen Land. An Grosskraftwerken führt deshalb kein Weg vorbei. Das haben wir immer gesagt und das sieht der Bundesrat gleich. Zunächst müssen wir natürlich Energie sparen und die Effizienz erhöhen. Dann wird natürlich auf erneuerbare Energien gesetzt, doch der Bund spricht in weiser Voraussicht auch von Grosskraftwerken. Gemeint sind damit neue Kernkraftwerke und Gaskraftwerke als Übergangslösung.

Bei dieser Frage muss man der Realität ins Auge schauen und sich entscheiden, ob man CO2-Emissionen auf alle Fälle sofort herunterfahren will oder nicht. Die Politik tut sich mit dieser Frage immer noch schwer.

Yvonne von Hunnius: Welche Wege sehen Sie, will man CO2-Ausstoss verhindern?

Hans E. Schweickardt:  Dann bleibt ohnehin nur Atomkraft. Denn mit erneuerbaren Energien kann man nicht schnell genug Versorgungslöcher decken. Und da die Atomkraftwerke nicht über Nacht gezaubert werden können, wird es eine Übergangslösung mit Gaskraftwerken brauchen.

Yvonne von Hunnius: Sie bemängeln, kein Tag vergehe, ohne dass neue Klimaziele aufgestellt würden. Welche Alternative gibt es?

Hans E. Schweickardt:  Diese Diskussion ist so nicht zielführend. Aber da bin ich ein Rufer in der Wüste. Das Thema ist hier eigentlich die Schonung der Ressourcen. Wenn wir am Ende kein Benzin mehr haben, merkt das jeder direkt an der Tankstelle. CO2 merkt man eben noch nicht, das ist eine Philosophie. Deshalb gilt es konkret, Ressourcen zu sparen – im Transport- und im Gebäudebereich ist viel zu tun. Und mit diesen Massnahmen wird automatisch auch der CO2-Ausstoss verringert und das Problem sich erledigen.

Die Ressourcenfrage wird spätestens bei der Konjunkturerholung und beim nächsten Ölpreisschock wieder auf dem Tisch sein. Das ist eine Frage der Zeit.

Yvonne von Hunnius: Wo sehen sie die Rolle der Schweiz angesichts der immer komplexer werdenden Energiearchitektur in Europa?

Hans E. Schweickardt:  Die Schweiz muss sich reetablieren als die Stromlunge Europas. Und dies vor allem für Süd- und Westeuropa. Die Schweiz kann Engergieungleichgewichte durch die Pumpspeicherung ausbalancieren. Das ist eine wesentliche Rolle auch weiterhin, die man spielen muss. Aber diese Rolle kann man nur ausfüllen, wenn man in der Grundversorgung nicht der arme Mann ist. Und deshalb ist es wichtig, dass man sich in erster Linie um die Eigenversorgung kümmert.

Yvonne von Hunnius: Bedauern sie, dass Schweizer neben der Beteiligung von ABB nicht bei Desertec dabei ist?

Hans E. Schweickardt: Betrachtet man sich die Bilanzsumme von Desertec, kann man Schweizer Stromgesellschaften nicht auf die gleiche Ebene stellen. Und wenn ich sehe, was im eigenen Land noch alles zu tun ist, kann ich nicht im grossen Rahmen in dergleichen investieren. Zu bedenken ist auch: Desertec ist zunächst ein Studienobjekt, dessen Machbarkeit gerade überprüft wird. Und da gibt es meiner Meinung nach mannigfaltige Probleme – gerade auf der politischen Ebene. Auch die technischen Aspekte bezüglich des Stromtransports sind ernstzunehmen.

Wenn Desertec letztlich läuft, dann ist es etwas für den lokalen Bereich im weiteren Sinne, aber nichts für ganz West- und Mitteleuropa. Und es ist sicher nichts für uns.

 

Zur Person:
Hans E. Schweickardt ist Präsident von swisselectric, der Organisation der schweizerischen Stromverbundunternehmen ATEL, BKW, CKW, EGL, EOS und NOK und Verwaltungsratspräsident des Schweizer Energiekonzerns Alpiq.

 

Bild: zvg