Die Biotreibstoffe kehren zurück

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Geschrieben von: Steffen Klatt, Abu Dhabi 12.02.10
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Die Kritik an den Biotreibstoffen war übertrieben, sagt Martin Keller. Ethanol lässt sich auch aus Pflanzen herstellen, die weder in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen noch die Artenvielfalt zerstören, so der Forscher am National Laboratory in Oak Ridge. Genug Anbaufläche stünde auch in Europa zur Verfügung. Biotreibstoffe würden vor allem für den Flug- und den Lastverkehr benötigt.

Steffen Klatt: Biotreibstoffe wie Mais, Raps und Zuckerrohr gefährden Welternährung und Regenwald. Warum forschen Sie auf diesem Gebiet trotzdem weiter?

Martin Keller: Auch ich habe ein Problem damit, wenn Nahrungsmittel im Tank landen. Aber im Fall von Maisethanol war es in den USA so, dass der grösste Teil des Anbaus für die Tiernahrung bestimmt war.
Ferner stimmt auch der Vorwurf nicht, dass durch die Herstellung von Biotreibstoffen die Preise für diese landwirtschaftlichen Produkte teurer geworden sind. Studien haben gezeigt, dass vor allem die gestiegenen Energiepreise für den enormen Preisanstieg verantwortlich waren.
Ausserdem haben wir an Maisethanol nur geforscht. Unser Augenmerk war und ist darauf gerichtet, Ausgangsprodukte heraus zu finden, die mit Nahrungsmitteln nicht konkurrieren.

Steffen Klatt:Welche können das sein?

Martin Keller:Rutenhirse, in Amerika als Switchgrass bekannt, und Pappeln. Bei den Pappeln ist es so, dass wir sie gentechnisch so modifizieren können, dass der Ertrag an Biotreibstoff sehr hoch ist. Und Rutenhirse wächst an Orten, wo kein Mais wachsen würde. Somit konkurrieren diese Pflanzen zum einen nicht mit Nahrungsmitteln und zum anderen beanspruchen sie keine Flächen, auf denen Mais, Weizen oder Soja angebaut werden kann.

Steffen Klatt:Braucht die Natur nicht auch den Raum, der landwirtschaftlich ungenutzt bleibt?

Martin Keller:Studien belegen, dass auf den Rutenhirse-Anbauflächen die Vielfalt zunimmt. Zudem stellt sich auch die Frage, wie wir unser Land nutzen wollen. Wenn wir beispielsweise das Land nach der Maisernte – welches dann häufig nicht mehr bebaut wird – mit diesen Pflanzen anbauen würden, bräuchten wir nicht mehr Anbaufläche. 

Steffen Klatt:Wenn das Land mehrfach angebaut wird, müsste man da nicht mit Düngemitteln nachhelfen?

Martin Keller:Rutenhirse ist so ähnlich wie das einheimische Gras. Einmal gesät, kann es über 20 Jahre geerntet werden. Rutenhirse ist eine attraktive Energiepflanze, weil sich hohe Biomasse-Erträge durch minimalen Aufwand erreichen lassen. Auch der Einsatz von Düngemitteln ist im Gegensatz zum Anbau von Mais gering.

Steffen Klatt:Wann wird Biosprit aus Rutenhirse konkurrenzfähig sein?

Martin Keller:Ich denke, dass sich schon in drei bis fünf Jahren pflanzlicher Treibstoffe aus Rutenhirse als Alternative zu Benzin etablieren wird.

Steffen Klatt:Ist das nur einen Variante für die USA oder kann man das auch nach Europa exportieren?

Martin Keller:Es gibt eine Studie aus England, die besagt, dass das Land weder in England noch in Deutschland für den Anbau von Rutenhirse oder Pappeln ausreicht, da beide Länder sehr dicht besiedelt sind. Dieses Ergebnis ist aber nur auf England und Deutschland beschränkt. Interessanterweise gibt es eine Studie vom Imperial College, mit denen wir zusammenarbeiten, die sich Europa flächendeckend anschaut. Dabei wurde festgestellt, dass der Anbau dieser Pflanzen sehr wohl interessant für Europa sein könnte. Beispielsweise ist der Stand der Produktivität pro Hektar Land in Osteuropa bei weitem nicht so hoch wie in Deutschland. Würden diese Länder ihr Produktivitätsniveau anpassen, so könnte auch in Europa relativ viel Land für den Anbau von diesen Pflanzen zu Verfügung stehen.

Steffen Klatt:Wird es in Zukunft eine Konkurrenz um die Biomasse geben? Auch andere Wirtschaftzweige wollen sie vermehrt in Anspruch nehmen.

Martin Keller:Sie haben recht, dass aus diesen Pflanzen nicht nur Treibstoff hergestellt werden kann. Dieser Bereich wird sich in den kommen Jahren so weit entwickeln, dass die Pflanzen genauso wie Öl auch in vielen anderen Bereichen eingesetzt werden können.

Steffen Klatt:Wird dann jeder Grossbauer ein Ölscheich?

Martin Keller:Es kommt ganz auf die Anbaufläche an. Im Gegensatz zu den USA ist in Deutschland die Anbaufläche sehr limitiert. Auf der anderen Seite wird meiner Meinung nach dieser Bereich für Landwirte auf lange Sicht sicherlich interessant werden. Denken sie nur den Lastkraft- oder Flugverkehr. Welche Alternativen haben wir denn zu Treibstoff in diesem Bereich?

Steffen Klatt:Was ist mit Wasserstoff?

Martin Keller:Wasserstoff spielt sicher auch eine wichtige Rolle, aber nur bei kurzen Distanzen. Es wird keinen Wasserstoffflugzeug oder Wasserstofflastwagen geben.

Steffen Klatt:Das deutet ja darauf hin, dass es in der Zukunft keine uniforme Mobilität mehr geben wird, wo man allenfalls zwischen Benzin und Diesel wählt. Welchen Anteil hätten dann Biotreibstoffe?

Martin Keller:Wenn man sich die Entwicklung anschaut, so vermuten wir, dass in den USA für 50 Prozent des Transportverkehrs Biotreibstoffe eine grosse Rolle spielen  werden.

Steffen Klatt:Welche Auswirkungen hat die fast vernichtende Kritik an Biotreibstoffen?

Martin Keller:Auf unsere Forschung hat die Kritik keinerlei Auswirkungen gehabt. Noch vor der Kritik war für uns klar, dass wir Alternativen brauchen, die nicht mit Nahrungsmitteln konkurrieren wie Kornethanol. Sicherlich ist es wichtig, dass durch die Kritik viele Bereiche durchleuchtet werden. Doch darf die Kritik der Medien nicht nur darauf zielen, mehr Leser zu bekommen. Bei dieser Diskussion habe ich stets die Fragen nach den Alternativen zu Biotreibstoffen vermisst.



Zur Person:

Martin Keller ist seit Juli 2009 stellvertretender Direktor der Abteilung biologische und Umweltwissenschaften des Oak Ridge National Laboratory, Tennessee. Er ist ausserdem Chef des Bio-Energie-Zentrums des Laboratoriums. Vor seinem Eintritt in das National Laboratory 2006 war er Direktor für die Entwicklung neuer Technologien der Diversa Corporation im kalifornischen San Diego. Keller hat Mikrobiologie an der Universität Regensburg studiert und dort auch doktoriert.

 

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