Mikrokredite kennen viele nur aus Entwicklungsländern. Doch auch die Entwicklung von Schweizer Kleinstunternehmen kann durch Kredite über geringe Summen gefördert werden. Vorteil: Es werden keine Sicherheiten verlangt, niedrige Zinsen und Betreuung sind gratis.
Für die einen sind es Peanuts, für die anderen ist es eine Existenz. Der Grafikdesigner Beat Stoll und seine zwei Kollegen wollten weder Managergehälter noch einen Geschäftswagen in ihren Businessplan einkalkulieren. „Unsere Hausbank hielt unsere niedrige Kalkulation für unseriös, dabei wollten wir mit unseren Erwartungen nur auf dem Teppich bleiben und ohne grosse Schulden starten“, sagt Stoll. Ihre Kreditforderung war zu gering. Abgelehnt. In anderen Fällen waren schlicht nicht ausreichend Sicherheiten vorhanden. Dank eines Mikrokredits sichert Stoll heute den Lebensunterhalt von sieben Menschen. Eine Handvoll Schweizer Stiftungen und Vereine ziehen mit solchen Erfolgsgeschichten gerade in der Krise immer mehr Interessenten an. Mikrokredit Die Stiftung Mikrokredit Solidarität Schweiz ist offen für Anfragen nach Mikrokrediten bis 30.000 Franken aus allen Teilen der Schweiz. Für Basler sind die Mitglieder der Stiftung Arbeitslosenrappen ansprechbar. Die Initiative, die einen geringeren Kreditrahmen umfasst, fusst auf der kantonalen Abgabe des Arbeitsrappens, die zwischen den 30er und 80er Jahren Arbeitsbeschaffungsmassnahmen in Basel finanzierte. Der Verein GO! vergibt sogar Kredite bis 40.000 Franken für Bewohner des Kantons Zürich und seiner Nachbarkantone. Die ähnlich organisierte Initiative im Aargau mikrokredite.ag setzt auch stark auf Beratung. Die Raiffeisenbanken sind auch für kleinere Kredite jeweils in den Geschäftsstellen zu kontaktieren. Nobelpreisträger Yunus macht es vorSeit Mohammad Yunus für seine Mikrokredit-Idee in Bangladesch im Jahre 2006 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, eroberte sie die Welt. Die Idee ist simpel und genial: In den Ökonomien der Entwicklungsstaaten fehlt ein Bankennetz, das Existenzgründern mit guten Ideen Anschubhilfe geben könnte. Durch vermittelnde Organisationen wandern deshalb kleine Summen aus Industrieländern in ihre Hände, wobei grosses Augenmerk auf die persönliche Betreuung der Kreditnehmer gelegt wird. Da die Rückzahlungsquoten an der hundert-Prozent-Quote kratzten, entpuppte sich das Geschäft für westliche Banken schnell als ein lukratives. Mit Krediten von insgesamt 50,9 Milliarden Franken und 150 Millionen Kreditnehmern ist die Branche salonfähig geworden.
Doch auch in entwickelten Staaten fallen Menschen durch die Maschen des Bankennetzes: Neun Millionen US-Haushalte sind laut Schätzungen ausser Reichweite eines regulären Kredits. Yunus ist auch hier aktiv und hat mit seiner Grameen-Bank seit 2008 allein in New York 1.700 Kleinstkredite vergeben. Eine Filiale in Berlin ist in Planung. Für Deutschland haben Wissenschaftler einen Bedarf an Mikrokrediten im Wert von 9,1 Milliarden Franken errechnet.Über 20 Jahre Schweizer MikrokrediteDie Projektmanagerin der Dienststelle Wirtschaft und Arbeit (wira) Luzern, Tiziana Wiederkehr, hat die Problematik bei den Teilnehmern der Kurse zur „Förderung selbstständiger Erwerbstätigkeit“ erkannt: „Die Fälle häuften sich, in denen lediglich ein paar tausend Franken fehlten, um beispielsweise spezielle Software zu kaufen. Und es kann doch nicht sein, dass daran eine Geschäftsidee scheitert“, sagt Wiederkehr. Seit dem 1. Januar läuft die Kooperation mit der Lausanner Stiftung „Mikrokredit Solidarität Schweiz“. Hier werden bereits seit über zehn Jahren Mikrokredite vergeben. Geschäftsführerin Andréa Lehmann-Beytrison: „Unser erster Kreditnehmer brauchte nur wenige tausend Franken, um selbstständig Küchen zu renovieren. Jetzt hat er 24 Angestellte und macht einen Umsatz von zehn Millionen Franken im Jahr.“ Zu verdanken ist das auch der persönlichen Betreuung durch ehrenamtliche Experten. Für Luzern sucht die Stiftung noch Freiwillige. Die Stiftung hat im letzten Jahr 19 Kredite von maximal 30.000 Franken vergeben. Die Rückzahlungsquote beträgt 91 Prozent. Zwei Basler Industriepfarrer haben die Idee noch früher umgesetzt. Josef Bieger und Paul Luterbach gründeten 1983 die Stiftung Arbeitslosenrappen. Auch heute noch vergibt sie jährlich zirka zehn zinslose Kleinstkredite an Arbeitslose. Die Stiftungsmitglieder rechnen mit einem starken Anstieg der Anfragen in diesem Jahr, wenn die Krise auf den Arbeitsmarkt durchschlägt. Kantonalbank-Kooperationen laufen anIn Frankreich, Spanien, Deutschland und Finnland gibt es bereits kapitalträchtigere Mikrokreditprojekte als in der Schweiz. Aber hier zeigt sich im Moment eine rasante Dynamik. In Zürich startete im letzten Jahr der Verein GO! mit der Vergabe von Mikrokrediten. Initiator Ruedi Winkler: „Als Direktor des Arbeitsamts Zürich habe ich den Bedarf nach dieser Finanzierung erkannt, doch ein Amt kann keine Bank spielen.“ Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) hat einen Fonds mit 250.000 Franken gefüllt, trifft den Kreditentscheid und wickelt die Kreditvergabe ab. Die Betriebskosten von GO! werden teilweise durch die Stadt Zürich finanziert. Das System hat schnell Nachahmer gefunden: Im Aargau wurde nach ähnlichem Prinzip mikrokredite.ag gegründet, eine Beratungsstelle für Kleinunternehmen und Mikrokredite, die mit der Aargauischen Kantonalbank (AKB) kooperiert. Für Banken lohnen Kleinstkredite kaumNicht alle Kantonalbanken sind in derlei Projekte involviert. Und auch die Raiffeisen-Gruppe hat noch keine Mikrokredit-Strategie, doch Sprecher Franz Würth sagt, bei Raiffeisen gebe es auch kleine Kredite ab 1.000 Franken. Auch wenn sich das für die Bank kaum lohnt. ZKB-Bankratsmitglied Martin Zollinger betont, Betriebskredite unter 40.000 Franken machten wegen hoher administrativer Kosten keinen Sinn. 2008 sind durch die Gewährung von Kleinstkrediten und Hypotheken bei der ZKB 8,4 Millionen Franken angefallen. Die klassischen Mikrokredit-Akteure schliessen den „Heimmarkt“ kategorisch aus. Klaus Tischhauser, Mitgründer und Geschäftsführer der Zürcher responsAbility Social Investments AG hat rund 916 Millionen Franken in über 60 Ländern investiert. „Unsere ganze Unternehmensphilosophie ist auf Entwicklungsländer ausgerichtet“, sagt er. Das war Muhammad Yunus‘ Philosophie auch. Doch sie liess sich übertragen, ohne dass seine Bank als Sozialstation arbeitete. Und auch ihm geht es ums Geschäft: „Wenn es nicht profitabel ist, dann ist es auch kein Mikrokredit, dann ist es schlichtweg Wohlfahrt“, ist Yunus‘ Leitsatz. Bild: Dank der Inititiative Arbeitslosenrappen in Basel konnte Edin Kilim seine berufliche Zukunft selbst in die Hand nehmen und gründete mit einem Starthilfedarlehen von 15.000 Franken das Unternehmen TSR Umzuege in Basel. Auch heute noch hilft das Team ihren Kunden, umzuziehen. (Bilder: TSR-Umzüge; Yvonne von Hunnius)
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