Immer mehr Menschen leben in städtischer Umgebung. Dort ist die Biodiversität überraschend gross – doch zunehmend in Gefahr. Insbesondere im Hinblick auf eine künftig nachhaltige Entwicklung urbaner Siedlungsräume. Um die Biodiversität – und damit die Lebensqualität – in Städten zu fördern, braucht es ein Umdenken unserer Wohnkultur und der Gestaltung urbaner Grünflächen, sagt WSL-Forscher Marco Moretti.Nathalie Schoch: Es wird immer mehr gebaut. Weidland und Wiesen müssen grossen Wohnsiedlungen Platz machen. Wie steht es derzeit um die Biodiversität in Schweizer Städten? Ist sie in Gefahr?
Marco Moretti: Das wird Sie erstaunen, doch unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass in der Schweiz sowohl kleinere wie auch grössere Städte im Verhältnis zu ländlichen Regionen heutzutage noch ziemlich gut da stehen. Es konnte eine unerwartet hohe Artenvielfalt in den Städten nachgewiesen werden. Die Situation könnte sich aber verschlechtern und die urbane Biodiversität abnehmen, falls das Stadtgrün zunehmend nur noch eine ästhetische Rolle durch sterile einheitliche Gestaltungen übernimmt. Nathalie Schoch: Dann ist die Biodiversität in den Städten ebenso vielfältig wie auf dem Lande? Marco Moretti: So könnte man sagen. Die Fakten belegen, dass aktuell in Schweizer Städten eine grosse Vielfalt herrscht, sowohl durch ein räumliches Mosaik von Lebensräumen und Strukturen wie auch zeitlich, mit alten und jungen Grünflächen. Und oft bestehen noch richtig alte Parkanlagen, in denen die vielfältigen Nischen und Lebensräume von vielen Arten besiedelt wurden. Und das trägt wesentlich zur Biodiversität bei. Nathalie Schoch: Verbessern Tiere und Pflanzen die Lebensqualität einer Stadt? Marco Moretti: Biodiversität hat ein Wert für sich, leistet aber vor allem viele Ökosystemleistungen, die sich auf das Wohl der Menschen auswirken. Eine davon ist sicher die Lebensqualität der Stadtbewohner. Wir haben die Lebensqualität aber nicht direkt gemessen, sondern lediglich die Wahrnehmung, also das Wohlbefinden untersucht. Dabei kam aber deutlich heraus, dass es den Menschen wichtig ist, in der Nähe eines Parks oder anderen Grünflächen zu wohnen. Die Erreichbarkeit und Zugänglichkeit des urbanen Grüns ist den Bewohnern wichtig. Und dass es in der Stadt genügend Grünflächen gibt, die nicht nur schön aussehen, sondern auch für Aktivitäten genutzt werden können. Sei es, um zu joggen oder mit den Kindern zu spielen. Natur Basel
Neue Erkenntnisse aus dem Projekt BiodiverCity präsentieren Marco Moretti (Projektleiter, WSL), Thomas Sattler (Ökologe, WSL), Robert Home (Sozialwissenschaftler, WSL), Fabio Bontadina (Umsetzung, SWILD Zürich) an der Natur Messe in Basel. Nach vier Jahren mit jeweils über 40'000 Besucherinnen und Besuchern findet die fünfte NATUR Messe wiederum während des zweiten Muba-Wochenendes im Messezentrum Basel statt, und zwar vom 11. bis 14. Februar. Die NATUR Messe 5/10 präsentiert eine grosse Auswahl von Angeboten, die Freude am Leben mit einem guten Gewissen vereinen. Die Produkte und Projekte richten sich an Menschen, die verantwortungsbewusst konsumieren, die Natur schützen und nachhaltig nutzen wollen. Nathalie Schoch: Wie kann man die Lebensqualität in der Stadt verbessern? Marco Moretti: Durch unterschiedliches Management wird Vielfalt geschaffen, indem man die Grünflächen in den Städten naturnah hegt und pflegt. Denn Fotomontagen haben gezeigt, dass es die Bewohner schätzen, wenn Vielfalt besteht. Also nebeneinander gemähte Abschnitte, aber auch hoch bewachsene Blumenwiesen. Mit mehr strukturreichen Grünflächen locken wir mehr Arten an. Und mit der grösseren Artenvielfalt fördern wir auch die Lebensqualität der Bewohner. Nathalie Schoch: Dann gilt es vor allem, die Artenvielfalt zu schützen, damit die Bevölkerung wiederum von mehr Lebensqualität profitiert? Marco Moretti: Grosse Grünanteile und naturnahe Grüngestaltung wirken sich nicht nur auf die Biodiversität positiv aus. Sie scheinen die Lebensqualität der Leute zu fördern. Eine gute Mischung von Laub- und Nadelbäumen fördert beispielsweise die Artenvielfalt bei den Vögeln. Das kann durch eine hohe Anzahl und Vielfalt von Bäumen und Büschen noch weiter verbessert werden. Hingegen ältere Rasen beherbergen mehr Arten, wenn sie seltener oder zeitlich nacheinander geschnitten ein Mosaik bilden. Und das wiederum wirkt sich positiv auf unseren Lebensraum und die wahrgenommene Lebensqualität aus. Nathalie Schoch: Dann liegt es also an den Stadtverantwortlichen, darauf zu achten, dass genügend Bäume vorhanden sind? Oder sind die Städte eben doch in Gefahr, weil immer mehr Bäume neuen Wohnräumen Platz machen müssen? Marco Moretti: Aus Sicht der Bewohner betrachtet, besteht diese Gefahr. Wir machen das ja eigentlich nicht für die Spinnen oder Teichfrösche, sondern für die Menschen, die die Artenvielfalt geniessen wollen. Die Verdichtung ist ein grosses Problem. Und hier liegt auch der Widerspruch zwischen Artenvielfalt und Lebensqualität. Man will schön wohnen, schafft sich also mehr Wohnraum, gleichzeitig will man aber auch Vögel und Igel beobachten. Ich denke, wir müssen in Zukunft Wege finden, um die Wohnqualität durch Naturerlebnisse zu gewährleisten - auch bei hoher Überbauungsdichte. Nathalie Schoch: Und was wären das für neue Wege? Marco Moretti: Zum Beispiel Grünflächen auf den Dächern. Doch das sehen nur diejenigen Bewohner, die höher wohnen. Andere Alternativen sind Grünterrassen, grüne Innenhöfe oder sogar Grünwände. Diese Elemente sollten jedoch nicht nur ästhetisch ansprechend sein, sondern auch eine ökologische Rolle für Tiere und Pflanzen übernehmen. Sie sehen, hier ist Kreativität gefragt. Und diesbezüglich gibt es noch eine Menge zu tun. Es bieten sich grosse Vorteile und Synergien, wenn Ökologen und Sozialwissenschaftler intensiv zusammenarbeiten, wie unser Projekt BiodiverCity zeigen konnte. Wir müssen uns also die Frage stellen, ob es nur für unser Auge schön ist oder unserem Ökosystem nutzt. Nathalie Schoch: Sie haben dieses „BiodiverCity“ angesprochen. Was versteht man genau darunter und was waren die Ziele? Marco Moretti: Das Projekt war Teil des Nationalen Forschungsprogramms NFP 54 des Schweizerischen Nationalfonds. Unter Einbezug von Ökologen, Sozialwissenschaftlern und Interessenvertretern haben wir erhoben, inwieweit die Lebensqualität und die Vielfalt in der städtischen Umwelt positiv beeinflusst werden können. Es stellte sich heraus, dass eine unerwartet grosse Artenvielfalt in den Städten herrscht. Im Schnitt wurden 282 Tierarten und 4.800 Individuen pro Erhebungsort nachgewiesen. Wir konnten sogar wirbellose Arten, die neu für die Schweiz sind, identifizieren. Die Pflegeintensität und das Alter des städtischen Grünbereichs bestimmte diese Vielfalt am meisten. Nathalie Schoch: Gibt es weitere Vorhaben? Marco Moretti: Ja, noch in den Kinderschuhen steckt das Projekt ENHANCE vom Kompetenzzentrum für Umwelt und Nachhaltigkeit CCES der ETH Zürich. In Zusammenarbeit mit der EAWAG und EPFL wollen wir die Vernetzung von Ökosystemen mit neusten molekulargenetischen Experimenten testen und bewerten. Und da die Verbesserung der Ökosystemvernetzung ein theoretisches und praktisches Naturschutzanliegen von höchster Priorität ist, erarbeiten wir auch eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Bewertung von kürzlich erfolgten und künftigen Eingriffen zur Verbesserung der strukturellen Vernetzung. Mit besonderer Aufmerksamkeit wird die Wahrnehmung und Einstellung der Bevölkerung gegenüber Ökosystemaufwertungen erfasst und analysiert. Nathalie Schoch: Das tönt sehr theoretisch. Können Sie ein Beispiel machen, was Sie da genau untersuchen? Marco Moretti: In urbanem Kontext untersuchen wir die Vernetzung von begrünten Flachdächern untereinander und in Beziehung zur Grünzusammensetzung der Stadt. Wir stellen uns zum Beispiel die Frage, ob die Gründächer gleichermassen von Vögeln genutzt werden wie die herkömmlichen Grünflächen. Also kann ein Tier von dieser Nutzfläche auf dem Dach profitieren oder ist es zu weit weg von seinem gewohnten Lebensraum? Funktioniert ein grünes Flachdach wie eine isolierte Lebensrauminsel oder steht es wie ein so genannter Trittstein in direkter Verbindung zu anderen Flachdächern und Grünflächen auf dem Boden? Auf der anderen Seite prüfen die Sozialwissenschafter, wie die Bevölkerung diese Gründächer wahrnimmt. Man muss die Erschliessung dieser neuen Möglichkeiten für Grünraum untersuchen und es als innovative Möglichkeit sehen, ökologisch wertvolle und sozial verträgliche Grünflächen in immer dichteren Städten zu gewinnen. Nathalie Schoch: Können die Stadtbewohner zum Erhalt der Biodiversität beitragen? Marco Moretti: Ich denke, wir sollten vermehrt auf einzelne Häuschen und Gärtchen verzichten und eher in Formen von Wohnsiedlungen leben. Hier gilt auch die Herausforderung an die Architekten, nachhaltige Formen für gemeinsames Wohnen zu entwickeln. Damit soll nicht nur Beton gespart werden, sondern auch mehr Grün erfahrbar sein. Wichtig ist auch, dass weniger exotische Pflanzen eingesetzt und stattdessen lieber einheimische Gewächse berücksichtigt werden, die unsere heimischen Insekten als Lebensraum brauchen. Es genügt nicht, nur einige grosse Parks zu errichten, wo nur wenige Bewohner profitieren. Alle Bewohner sollten in erreichbarer Distanz die Möglichkeit haben, Naturerfahrungen zu machen - am besten vor ihrer Haustüre. Nathalie Schoch: Und steckt dieses Bewusstsein, mehr Grün schaffen zu müssen, bereits in den Köpfen der Gesellschaft? Marco Moretti: Die Untersuchungen haben klar gezeigt, dass es der Bevölkerung wichtig ist, im Grünen zu wohnen. Man ist sich auch bewusst, dass man in der Stadt weniger Grün hat und dass man nicht immer weiter bauen kann auf Kosten der Grünflächen. Schade ist, dass bisher in der Erziehung zu wenig darauf aufmerksam gemacht wurde. In Schulen wird darüber kaum informiert, welche Werte die Artenvielfalt mit sich bringt. Man weiss zwar, dass Rehe im Wald leben, aber es wird zuwenig gezeigt, warum es wichtig ist, dass auch die Lebewesen in der Stadt ihren Lebensraum brauchen und uns gleichzeitig viel bringen. Denken Sie nur an das magische Gefühl, wenn man ein leuchtendes Glühwürmchen entdeckt oder die Überraschung, einem Igel im Siedlungsraum plötzlich gegenüber zu stehen. Nathalie Schoch: Wo liegen die Herausforderungen der Zukunft in Bezug auf die städtische Biodiversität? Marco Moretti: Ich bin kein Stadt-Soziologe, aber ich glaube, in punkto Biodiversität, Natur und Lebensqualität ist die Identifizierung ganz entscheidend. Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir Lebensqualität in Städten schaffen und erhalten. Und wir müssen ein Bewusstsein für den Erhalt der Artenvielfalt entwickeln. Denn 75 Prozent der europäischen Bevölkerung lebt in Städten, diese dürfen nicht weiter in der Breite wachsen. Und genau hier liegt, denke ich, die grosse Herausforderung der Zukunft. Wir müssen über die Disziplinen hinweg die Köpfe zusammenstecken – das gilt für die Architekten, Planer, Sozialwissenschaftler wie auch für die Ökologen – um gemeinsam neue, nachhaltige Wohnformen zu entwickeln. Zur Person: Marco Moretti leitet die Gruppe Insubrische Ökosysteme bei der Forschungseinheit Ökosystem Grenzen an der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Bellinzona. Zehn Jahre lang war er als Koordinator für den Schutz von Fledermäusen im Tessin tätig und Co-Leiter der Beratungsfirma Maddalena & Moretti Sagl. Im Jahr 2001 doktorierte er mit einer Dissertation über die ökologischen Folgen von Waldbränden. Seit 2003 ist er Forscher an der WSL und leitet diverse Projekte, hauptsächlich im Bereich Biodiverstität und Ökosystemleistungen in Wald-Ökosystemen, Wiesen und städtischen Siedlungen.
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