China hat aus dem Scheitern der geplanten Ökostadt Dongtan bei Schanghai dazugelernt, sagt Steffen Lehmann. In Wanzhuang zwischen Tjianjin und Peking werden die Anwohner in die Entwicklung einer Ökostadt einbezogen. Das ist neu für das Reich der Mitte, in dem Entscheidungen meist oben getroffen und unten ausgeführt werden.
Steffen Klatt: China veranstaltet ab Mai die Weltausstellung. Das Thema heisst „besseres Leben, bessere Städte“. Werden Asiens Städte grün? Steffen Lehmann: In China gibt es bizarre Situationen, in denen die besten Projekte neben den schmutzigsten Kraftwerken stehen. Es gibt ein Nebeneinander von durchdachten, optimalen Objekten und daneben etwas, das alles wieder kaputt macht. Die Geschwindigkeit, mit der in China Projekte umgesetzt werden, macht es für Stadtplaner wie mich faszinierend mitzuarbeiten. Die Weltausstellung ist eher eine Veranstaltung für die Familie, wie in China häufig der Fall ist. Da muss aufgepasst werden, dass der Inhalt nicht verloren geht. Es kommt sehr stark darauf an, was die einzelnen Länder mitbringen. Auch andere Weltausstellungen haben gezeigt, dass es sehr schnell in Richtung Disneyland abrutschen kann. Verwandte Themen| { Bauherren in der Pflicht, 12.01.10 } | | { Nachhaltig im eigenen Haus, 08.01.10 } | | { Japan hat Nachholbedarf , 28.12.09 } | | { Grüne Immobilien sind mehr wert, 05.10.09 } | | { Masdar baut die Zukunft, 28.09.09 } | | { Mehr Wert dank Minergie, 14.09.09 } | | { Mit Masdar an die Spitze, 04.08.09 } | | { Der Staat verschenkt grünes Geld, 19.06.09 } | | { Amerikas Städte werden attraktiv, 15.06.09 } | | { Städte sind grüner, 27.03.09 } | | { Kopenhagen wird klimaneutral, 19.03.09 } | | { Auf kleinerem Fuss leben, 13.02.09 } |
Steffen Klatt: Welche Projekte faszinieren Sie in China? Steffen Lehmann:Es gibt eine ganze Reihe solcher Projekte. Dazu gehört die neue Ökostadt in Wanzhuang bei Langfang in der Hebei-Provinz zwischen Tijanjin und Peking. Die Stadt wird durch Arup und andere entwickelt. China hat sehr viel gelernt aus Dongtan (Ökostadtprojekt bei Schanghai, stk.). Dongtan wurde zwar ad acta gelegt, nachdem vier Jahre daran gearbeitet worden war. In Wanzhuang aber werden jetzt Herangehensweisen erprobt, die für China ganz neu sind, wenn auch nicht für uns Europäer. Es gibt hier eine Partizipation der Bewohner einschliesslich eines Beirats von Anwohnern und Versammlungen. In 15 Dörfern in und um Wanzhuang leben schon 100000 Menschen. Die sollen angehört und eingebunden werden. Das war bisher bei keinem Projekt in China der Fall. In Wanzhuang wird auch davon ausgegangen, was schon da ist. Der ursprüngliche Plan war sehr rigide, obwohl die Topographie dem nicht entspricht. Es geht bergauf und bergab, es gibt Bäche und Flüsse, es gibt Obstbaumplantagen. Nun wurde der Plan der Topographie angepasst. Die Dörfer sollen ihre Identität im Wachstum nicht verlieren. Bis 2030 sollen sie zu einer Stadt mit 400000 Menschen verschmelzen, also vier Mal so viel wie bisher. Steffen Klatt: Was soll in Wanzhuang erreicht werden? Steffen Lehmann:Es soll ein gesundes Nebeneinander von Arbeit und Leben erreicht werden. Die Stadt soll auch besser an die nächste grössere Stadt, Langfan, angebunden werden. Dazu wird eine Strassenbahnverbindung gebaut. Es gibt in China 80 Projekte, die Ökostadt genannt werden. Nicht überall ist auch Öko drin, wenn Öko draufsteht. Ein anderes Projekt, Tjianjin, hat China schon vor fünf Jahren zusammen mit Singapur auf den Weg gebracht. Allerdings wird da die Energieversorgung durch ein Kohlekraftwerk gewährleistet. Es wurde nicht geschafft, erneuerbare Energien zu nutzen. In Wanzhuang dagegen gibt es ausser Sonne und Wind auch Energie aus Biomasse und Erdwärme. Steffen Klatt: In China drängen Millionen Menschen vom Land in die Stadt. Welchen Einfluss kann da eine verhältnismässig kleine Stadt wie Wanzhuang haben? Steffen Lehmann:Einen sehr grossen. Wenn es endlich ein Modell gibt, dann kann es andernorts wiederholt werden. Bereits das Wachstum von 100000 auf 400000 Einwohner in 20 Jahren ist immens. Man kann nicht gleich auf diese Weise eine Stadt mit 4 Millionen Einwohnern aus dem Boden gestampft werden. Wenn es in Wanzhuang funktioniert, kann im nächsten Schritt auf diese Weise vielleicht eine Stadt mit einer Million Einwohnern gebaut werden – genauso, wie die Erfahrungen von Dongtan nun in Wanzhuang genutzt werden. Es gibt ja keine fertigen Rezepte, die einfach nur umgesetzt werden müssten. Steffen Klatt: Sind die chinesischen Behörden bereit zu lernen? Steffen Lehmann:Es hat im vergangenen Jahr ein Umdenken stattgefunden. So hat China sich zum Ziel gesetzt, bis 2012 der grösste Hersteller von Strom aus Windkraft zu werden. Das wird auf dem Land und auf dem Wasser bereits umgesetzt. China investiert derzeit über 8 Prozent seines Bruttoinlandproduktes in öffentlichen Personennahverkehr, beispielsweise in neue Schnellzüge. Dieser Betrag ist immens! Steffen Klatt: Das sieht nach dem alten Schema aus, dass oben entschieden und unten umgesetzt wird. Steffen Lehmann:Leider ja. Steffen Klatt: Werden die Erfahrungen Wanzhuangs, die Meinungen der Anwohner einzubeziehen, anderswo genutzt? Steffen Lehmann:Ja, und das ist das spannendste. Steffen Klatt: Woran ist Wanzhuangs Vorgänger Dongtan gescheitert? Steffen Lehmann:Dongtan ist daran gescheitert, dass die Regierung beschlossen hat, die Insel nicht zu bebauen, sondern als Naturschutzgebiet auszuweisen. Steffen Klatt: Also eine noch ökologischere Entscheidung, als eine Ökostadt zu bauen? Steffen Lehmann:Keiner weint Dongtan eine Träne nach. Es war wahrscheinlich nicht der richtige Ort, eine Stadt zu bauen – auch wenn es im Umfeld von Schanghai eine stärkere Verstädterung braucht. Steffen Klatt: Wie offen ist China beim Bau von Ökostädten für eine Zusammenarbeit mit dem Ausland? Steffen Lehmann:China lädt sehr viele Leute aus dem Ausland ein. So laufen in China bereits seit einem Jahr vor Beginn der Weltausstellung sogenannte „urban expos“. Jede Provinz führt eine solche Ausstellung durch. Damit gibt es bereits einen Pool von Wissen, bevor die Weltausstellung beginnt. China ist weniger abhängig vom Wissen aus dem Ausland als etwa das kleine Abu Dhabi, das in Masdar eine Ökostadt bauen will. Steffen Klatt: Aus der europäischen Perspektive gesehen: Wie ökologisch sind Chinas Ökostädte? Steffen Lehmann:Natürlich werden in China dabei Abstriche gemacht. Aber vergessen Sie nicht: China gibt seit einem Jahr mehr Geld für erneuerbare Energien aus als irgendein Land der Welt. Im Augenblick geben sie 8 Prozent des Bruttoinlandprodukts für den öffentlichen Nahverkehr aus. Da werden Züge, Strassenbahnen, Bahnhöfe, Metros gebaut. Da wird mehr gemacht als in irgendeinem Land der Welt gemacht. Vielleicht eine generelle Bemerkung zum Verkehr: Wenn jetzt über Elektromobilität diskutiert wird, dann sind das wichtige dran nicht ein paar Stromautos. Das entscheidende ist, das wir eine stille Stadt bekommen ohne Abgase. Das städtische Umfeld wird nicht mehr lärmend sein und die Luft wird besser. Das erlaubt, die Stadt ganz neu umzubauen. In Bürogebäuden an stark befahrenen Strassen können die Fenster wieder geöffnet werden. Steffen Klatt: Findet in China eine Aufholjagd auf die ökologischen Standards in Europa statt? Steffen Lehmann:Ja. Aber nichtsdestotrotz wächst der ökologische Fussabdruck Chinas um 4 Prozent pro Jahr. Steffen Klatt: Kann Europa etwas aus Ökostädten in China lernen? Steffen Lehmann:Ich glaube schon. Denn die Themen, die in China behandelt werden müssen, sind nicht wesentlich anders als diejenigen bei uns: Versorgung mit Wasser und Strom, Entsorgung, Abfallkreisläufe. Mir schwebt deshalb eine internationale Datenbank für den besten Standard von Ökostädten vor. Wichtig ist aber, dass Modellstädte wie Wanzhuang oder auch Masdar in Abu Dhabi gebaut werden. Das darf auch mit Fehlern sein – daraus kann man lernen. Zur Person: Dr.-Ing. Steffen Lehmann ist Professor für Architektur an der Architekturschule der Universität Newcastle in Australien und Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls für Nachhaltige Stadtentwicklung in Asien und der Pazifikregion. Seit 2006 ist er Herausgeber des Journal of Green Building. In den 90er Jahren hat er unter anderem an der Gestaltung des Potsdamer Platzes und des Hackeschen Markts sowie der französischen Botschaft in Berlin mitgewirkt. Steffen Lehmann ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur nachhaltigen Stadtentwicklung. Im Juni erscheint von ihm bei Earthscan in London die „Principles of green urbanism. Regenerating the Post-industrial City“. Mehr Informationen zum Buch auf www.earthscan.co.uk.
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