Landwirtschaft kann Klima retten

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 04.02.10
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Die Landwirtschaft ist heute einer der grössten Klimasünder. Doch richtig eingesetzt, kann sie Kohlendioxid aus der Luft holen und so das Klima retten, sagt Hans-Peter Schmidt.  Der Übergang zu einer klimaneutralen und klimaschützenden Landwirtschaft ist laut dem Delinat-Institut für Ökologie und Klimafarming besonders im Obst- und Weinbau schnell zu erreichen.

Steffen Klatt: Das Delinat-Institut setzt sich für eine klimapositive Landwirtschaft ein. Was bedeutet klimapositiv?

Hans-Peter Schmidt: Die Pflanzen entziehen der Atmosphäre Kohlendioxid und bauen es in ihr Zellgewebe ein. Dadurch nehmen sie aktiv am Kohlenstoff-Kreislauf teil. Richtet man die landwirtschaftlichen Prozesse nun so ein, dass das „geerntete“ Kohlendioxid in der Biomasse und im Boden eingelagert wird, betreibt man aktive Klima-Landwirtschaft. Die Landwirtschaft ist übrigens der einzige Industriezweig, der gezielt Kohlendioxid aus der Atmosphäre entziehen kann, alle anderen Umwelttechnologien können höchstens den Kohlendioxidausstoss vermindern.

Steffen Klatt:Steht das sogenannte Klimafarming nicht im Widerspruch zur wichtigsten Aufgabe der Landwirtschaft, uns mit Lebensmitteln zu versorgen?

Hans-Peter Schmidt: Nein. Denn je mehr Kohlenstoff im Boden eingespeichert ist, desto fruchtbarer kann der Boden werden. Durch den höheren Kohlenstoff-Gehalt im Boden wird die gesamte Aktivität des landwirtschaftlichen Systems gestärkt.

Steffen Klatt:Warum beschäftigt sich das Delinat-Institut mit einem Kreislauf, der von Natur aus funktioniert?

Hans-Peter Schmidt: Die landwirtschaftliche Praxis der letzten Jahrhunderte führte dazu, dass wir sehr viel Kohlenstoff aus den Böden verloren haben. Der Humus, der den Kohlenstoff speichert, kann durch nackte Böden und zu häufiges Pflügen verloren gehen.

Steffen Klatt:Wie das?

Hans-Peter Schmidt: Wenn zum Beispiel im Getreideanbau nach der Ernte der Boden über den ganzen Winter unbewachsen bleibt, ist der Boden nicht mehr geschützt. Der Humus wird durch Erosion weggetragen, ausgespült und oxydiert. Aller Humus, der verloren geht, geht im Grunde als CO2 in die Luft zurück.

Steffen Klatt:Konkurrenziert der Anbau von Pflanzen für die CO2-Speicherung nicht die Nahrungsmittelproduktion?

Hans-Peter Schmidt: Im Grunde unterstützt es die Nahrungsmittelproduktion. Denn wenn man zum Beispiel beim Getreideanbau direkt nach der Ernte den Boden wieder begrünt, ist der Boden zum einen nicht ungeschützt und zum anderen wird Humus aufgebaut. Im Grunde  funktioniert die Gründüngung wie ein Solar-Panel. Sie nimmt Sonnenergie auf, entzieht der Luft CO2 und speichert die Energie in Form von Kohlenstoff im Boden. Diese Energie steht dann wiederum für neues Pflanzenwachstum zur Verfügung. So spart man Düngemittel für die nächste Saat und hat gleichzeitig aktives Klimafarming betrieben.

Steffen Klatt:Warum sollte ein Landwirt das machen? Dafür wird er ja nicht bezahlt.

Hans-Peter Schmidt: Mit Klimafarming sorgt man für fruchtbares Land. Deswegen ist es für den Landwirt ohnehin von Vorteil, da er weniger Kosten und Arbeitszeit für Düngung und Pflanzenschutz einsetzen muss. Zum anderen ist allein die Landwirtschaft in der Lage, das Kohlenstoffdioxid aus der Luft zu holen und dauerhaft zu binden. Deswegen sollte auch die Gesellschaft durch finanzielle Anreize die Rahmenbedingungen für klimapositive Landwirtschaft setzen.

Steffen Klatt:
Was schlägt das Delinat-Institut vor, damit die Schweizer Landwirtschaft gezielt Kohlendioxid bindet?

Hans-Peter Schmidt: Wir haben in der Schweiz ein hervorragendes Instrument. Das sind die Direktzahlungen, über die sich die Gesellschaft ohnehin schon an der Landwirtschaft beteiligt. Damit lässt sich auch die landwirtschaftliche Entwicklung steuern. Es könnte zum Beispiel veranlasst werden, dass nur Landwirte, die das ganze Jahr das Land bewachsen halten und damit Humus aufbauen, die Direktzahlungen erhalten.

Workshop an der NATUR

Hans-Peter Schmidt wird zusammen mit Claudio Niggli, ebenfalls Delinat-Institut, am 12. Februar einen Workshop an der NATUR in Basel durchführen. Darin stellt er die Möglichkeiten vor, wie die Landwirtschaft mit mehr Biodiversität zum Klimaschutz beitragen kann. Der Workshop wendet sich an Agronomen, Ökologen, Biologen, Geographen und Landschaftsplaner, aber auch an Politiker und Winzer.

Steffen Klatt:Schadet der zusätzliche Auftrag an die Landwirtschaft nicht der Biodiversität?

Hans-Peter Schmidt: Wie bereits erwähnt, wird durch die Methoden des Klimafarmings der Boden fruchtbarer. Dies ist nicht nur ein Vorteil für den Landwirt, sondern auch für die Biodiversität. Denn der Kohlenstoff im Boden lässt sich nur biologisch binden, was wiederum die Biodiversität im Boden nachhaltig fördert. Durch die dauerhafte Begrünung werden zudem Lebensräume für Insekten geschaffen. Zum Konzept des Klimafarmings gehört des Weiteren das Aufbrechen der Monokulturen durch Pflanzung von Hecken und Baumreihen, wodurch das gesamte Ökosystem stabilisiert wird. Und schlussendlich ist durch die Einsparung von mineralischen Düngemitteln und Pestiziden ein Anwachsen von Biodiversität zu erwarten. Im Grunde genommen geht es beim Klimafarming um eine nachhaltige Landwirtschaft, die die Mechanismen einsetzt, die in der Natur bereits vorhanden sind.

Steffen Klatt:Heute ist die Landwirtschaft einer der grössten Klimasünder, noch vor dem Verkehr. Warum?

Hans-Peter Schmidt: Neben dem Abbau von Humus liegt dies vor allem an einer ungeeigneten Düngepraxis. So entsteht beim Einsatz stickstoffhaltiger Mineraldünger das so genannte Lachgas. Dieses Gas ist 300 Mal schädlicher für das Klima als CO2. Deswegen empfehlen wir im Zusammenhang mit Klimafarming auch bioaktive Düngung.

Steffen Klatt:Wie lange braucht es, um auf eine klimapositive Landwirtschaft umzustellen?

Hans-Peter Schmidt: Das ist abhängig von der Anbau-Kultur. Beim Obst- und Weinanbau kann man das innerhalb von wenigen Jahren schaffen. Durch eine geeignete Begrünung auf Basis von Leguminosen können im Wein- und Obstbau 4 Tonnen Kohlendioxid pro Hektar und Jahr im Boden gespeichert werden. Zudem wird dadurch die gesamte Nährstoffversorgung der Bäume und Reben abgedeckt, so dass klimaschädliche Düngemittel eingespart werden.

Schwieriger ist es da bei Feldkulturen, weil hier eine extreme Spezialisierung auf hohe Erträge stattgefunden hat und das gesamte Anbausystem neu durchdacht werden müsste.

Steffen Klatt: Delinat ist ein Weinhändler. Warum hat Delinat nun ein eigenes Institut und beschäftigt sich mit klimaneutraler Landwirtschaft?

Hans-Peter Schmidt: Das Delinat-Institut ist ein unabhängiges Institut, dass von Delinat gestiftet wurde. Es widmet sich der wissenschaftlichen Entwicklung ökologisch ganzheitlicher Strategien für eine ökonomisch tragfähige, klimaneutrale Landwirtschaft mit hoher Biodiversität. Unser Ziel ist es, dass die Weinberge, die Delinat beliefern, bis 2015 klimaneutral wirtschaften und eine so hohe Biodiversität innerhalb der Weinberge erreichen, dass die landwirtschaftlichen Flächen selbst zur ökologischen Ausgleichsfläche werden.

 

Zur Person:
Hans-Peter Schmidt ist Leiter des Delinat-Instituts für Ökologie und Klimafarming in Arbaz VS. Das Institut ist im Sommer 2009 als unabhängige Stiftung von Delinat-Gründer Karl Schefer gegründet worden. Es betreibt praxisnahe ökologische Forschung auf wissenschaftlicher Grundlage. Dafür verfügt es mit der Domaine de Mythopia über ein eigenes, 5 Hektar grosses Forschungsgut. Das Jahresbudget des Instituts beträgt rund eine Million Franken.

 

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