Rund 1,2 Milliarden Menschen haben keinen täglichen Zugang zu Trinkwasser. Da hilft die Meerwasserentsalzung. Aber auch die ist nicht unproblematisch. Zum einen wegen des hohen Energiebedarfs, zum anderen wegen der Gefährdung durch die Salzabfälle.
Die Vereinten Nationen haben sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis zum Jahre 2015 die Wasserversorgung der Weltbevölkerung deutlich zu verbessern. Gegenwärtig haben etwa 1,2 Milliarden Menschen – ein Fünftel der Erdbevölkerung – keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Bis 2015, so sieht es der UN-Plan vor, soll diese Zahl halbiert werden. Das bedeutet, dass jährlich etwa 100 Millionen Menschen zusätzlich mit gutem Wasser versorgt werden müssen. Negativ-Spitzenreiter Abu DhabiEine grosse Rolle wird dabei auch die Meerwasserentsalzung spielen. Bis vor wenigen Jahren waren solche Anlagen fast ausschliesslich in den Staaten am Persischen Golf zu finden. Abu Dhabi, das grösste der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), gehört zu den erdölreichsten Gebieten der Erde. So reich, wie das Emirat am Golf an dem begehrten Rohstoff ist, so arm jedoch ist es an jenem, was von vielen längst schon das „blaue Gold“ genannt wird: an Wasser. Die Grundwasserquellen sind nahezu versiegt, und die Reservoirs, in denen Regenwasser aufgefangen und später aufwendig aufbereitet wird, entsprechen längst nicht mehr den Anforderungen der heutigen Zeit. Und dies alles in einem Land, in dem der rechnerische Pro-Kopf-Verbrauch an Trinkwasser weit über dem Durchschnitt der Industrieländer liegt: Täglich werden 500 Liter je Einwohner verbraucht. Im Vergleich: Ein Schweizer nutzt täglich 160 Liter, Deutsche nur 125 Liter Wasser. Verschwenderischer sind da schon die US-Amerikaner mit 300 Litern pro Tag. Doch alle reichen nicht an die Einwohner des Emirats heran. Entsalzung braucht viel EnergieWasser liegt direkt vor der Haustür. Mehr als 500 Kilometer grenzen die Emirate an den Persischen Golf – praktisch ist die gesamte Nordgrenze Meeresküste. Auf Meerwasserentsalzung setzen die Scheichs folgerichtig bereits seit Jahren. Die ersten Meerwasserentsalzungsanlagen wurden weltweit in den sechziger Jahren erprobt. Es handelte sich dabei um Verdampferanlagen, bei denen nach Erhitzung des Meerwassers im anschliessenden Kondensationsgang salzarmes Wasser gewonnen wurde. Der deutliche Nachteil solcher Anlagen war der hohe Energieverbrauch. Bedeutend energiesparender sind so genannte Umkehrosmoseanlagen. Hierbei wird das Salzwasser mit hohem Druck durch Filteranlagen gepresst. Die semipermeable Membran ist dabei 500.000 mal feiner als ein Menschenhaar und lässt zwar Wassermoleküle, jedoch keine Salzionen passieren. Der Energieaufwand für solche Anlagen beträgt etwa 2,3 Kilowattstunden (KWh) je 1000 Liter gewonnenen Trinkwassers. Für das Jahr 2010 wird ein Bedarf von 3,2 Milliarden Liter Trinkwasser erwartet, das entspräche bei dieser Methode einem Energieaufwand von 7360 MWh. Neues Verfahren senkt Energieverbrauch Eine andere Lösung haben Wissenschaftler und Techniker der deutschen Firma Siemens für das Entsalzungsverfahren gefunden: Bei der so genannten Elektro-Deionisation wird nicht das Wasser, sondern die Salzionen in einer elektrochemischen Zelle durch die Membran gepresst. Das gereinigte Wasser bleibt zurück. Der Energieaufwand für diese Verfahren läge bei 4800 MWh für den für das kommende Jahr prognostizierten Wasserbedarf. Vielfach wird diese Energie nicht mehr bloss durch das Verbrennen von Erdöl oder Erdgas, sondern auch über den Einsatz erneuerbarer Energien produziert. Welch Verfahren auch immer zur Anwendung kommt, Meerwasserentsalzung ist auf dem Vormarsch. Jüngsten Daten zufolge produzieren derzeit 14.500 Entsalzungsanlagen täglich etwa 42 Millionen Kubikmeter Trinkwasser und versorgen damit 500 Millionen Menschen. Brine tötet UmweltDoch das Trinkwasser aus der See bekommt einen bitteren Beigeschmack: Wenngleich mit der Entsalzung des Meerwassers für viele Menschen die Wasserversorgung gesichert scheint, sind die Anlagen für die Umwelt nicht unbedenklich. Wo bleibt das abgeschiedene Salz? Umweltexperten warnen davor, dass die stark salzhaltigen Rückstände die Umwelt extrem belasten. Die sogenannte Brine, also die Sole, die bei der Entsalzung des Meerwassers als Rückstand verbleibt, ist stark salzhaltig. Ihr Einleiten tötet nicht nur Meeresflora und –fauna. Sie lässt durch einen komplizierten Osmoseprozess auch die Küstengebiete austrocknen: In dem Bestreben, einen Stoffausgleich herzustellen, wird das Grundwasser aus dem Küstenland angesogen, eine Verkarstung ist die Folge. Auch an Land können keine Salzdeponien errichtet werden. Die Folge wäre eine Versalzung des Grundwassers – und damit wäre die Trinkwasserproblematik nicht nur nicht behoben, sondern würde verschärft werden. Diese Problematik wird – so weisen Umweltverbände hin – umso stärker auftreten, als Entsalzungsanlagen zur Versorgung der Millionenmetropolen Asiens und Südamerikas errichtet werden. Bild: Wasser ist in Abu Dhabi ein Zeichen des Luxus'. Entsprechend werden im heissen Wüstenemirat auch die Freiflächen geschmückt. Nirgendwo sonst ist der Wasserverbrauch so hoch wie in den Vereinigten Arabischen Emiraten (Steffen Klatt).
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