Politik und Wirtschaft erleiden einen dramatischen Vertrauensverlust. Das ist zu einem guten Teil selbst verschuldet. Diese Einsicht ist auch am Weltwirtschaftsforum verbreitet. Rezepte zur Wiederherstellung des Vertrauens hat niemand. Appelle sind dafür umso mehr zu hören.
Der Mensch ist ein vielschichtiges Wesen voller Widersprüche, voller positiver und negativer Eigenschaften. Der Geschäftsmensch in der neoliberalen Welt ist einfacher gestrickt. Als „selbstsüchtig” beschreibt ihn der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus. Auf dieser Selbstsucht baue das ganze Wirtschaftssystem auf, das mitten in der schlimmsten Rezession seit Jahrzehnten steckt. Von Raiffeisen zu MikrokreditenDoch eine Wirtschaft lasse sich auch auf den positiven Eigenschaften des Menschen entwickeln: auf seiner Selbstlosigkeit, Yunus. Der Wirtschaftsprofessor hat es mit seiner Grameen Bank in Bangladesch vorgemacht, deren Mikrokredite Hunderttausenden den Einstieg in das Geschäftsleben ermöglicht haben. Die Profite der Bank werden für neue Investitionen verwendet. Es ist nicht einmal wirklich neu, was Yunus anbietet. In Europa etwa hat der Raiffeisen-Gedanke eine über hundertjährige Tradition. Und selbst die grössten internationalen Banken, die das Geld nur noch mit Spekulationen auf den Weltfinanzmärkten verdienen wollten, hätten inzwischen realisiert, das es auch auf heimischem Feld etwas zu bestellen gibt, wie der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy in seiner Eröffnungsrede sarkastisch anmerkte. An Mikrokredite und sich selbstlos gebärdende Unternehmen wird er dabei kaum gedacht haben. Verwandte Themen| { Mikrofinanz zündet nächste Stufe, 15.01.10 } | | { Wirtschaft krisenfester machen, 25.11.09 } | | { Mikrofinanz wächst schneller, 28.10.09 } | | { Banker als Herdentiere, 17.09.09 } | | { Finanzplatz muss sich neu erfinden, 16.09.09 } | | { Finanzmarkt wirbt um Vertrauen, 10.09.09 } | | { Finanzplatz muss sauberschrumpfen, 03.08.09 } | | { Gewinne mit gutem Gewissen, 23.07.09 } | | { Die wahren Gründe der Krise, 29.06.09 } | | { Verantwortung mit Profit, 02.06.09 } | | { Bis zur nächsten Krise?, 25.02.09 } | | { Wirtschaft braucht neue Regeln, 24.02.09 } | | { Mit Gier in die Krise, 18.02.09 } | | { Wachsen dank Nachhaltigkeit, 03.02.09 } | | { Die Krise trifft die Ärmsten, 30.01.09 } |
Werte sind gefragtDoch es ist auch am WEF unüberhörbar: Werte sind wieder gefragt. Die Führer der grossen Unternehmen reden neuerdings nicht mehr vom Aktionär, dem sie als erstes mit hohen Profiten zu dienen haben. Sie sprechen vielmehr von den „Stakeholdern”, den im weiteren Sinn Anspruchsberechtigten, deren Interessen es mitzuberücksichtigen gelte. „Wir brauchen ein neues Gleichgewicht”, sagt Thomas H. Glocer, Aufsichtsratspräsident des Wirtschaftsprüfungsunternehmens KPMG International. Das sei angesichts von 34 Millionen Menschen, die im vergangenen Jahr weltweit ihre Stelle verloren hätten, unabdingbar. Doch wie soll dieses Gleichgewicht hergestellt werden?
Ginge es nach Volkes Stimme, dann hätten insbesondere die Wirtschaftsführer diesbezüglich nichts mehr zu sagen. Das Vertrauen ist dahin, selbst die viel gescholtenen Analysten kommen in Umfragen besser weg. Noch schlechter schneidet allerdings die Politik ab. Man sitzt also im selben Boot. Und tatsächlich reden auch die Politiker derzeit auffallend oft vom Vertrauen, das es wieder herzustellen gelte, etwa US-Präsident Barack Obama in seiner Rede zur Nation diese Woche.
Auffallend auch, dass die für ihre jahrelange Passivität gegenüber den Auswüchsen vor allem der Finanzwirtschaft nicht minder gescholtenen Politiker ein Schwarz-Peter-Spiel eröffnet haben, bei dem die Wirtschaft, und insbesondere die Bankenwelt, schlecht wegkommt. Das kommt nicht ungefähr: Politiker wollen wieder gewählt werden. Die da unten verstehen nichtsDoch was tun die nur bedingt demokratischen Prozessen ausgesetzten Wirtschaftsführer, um das verlorene Vertrauen wiederherzustellen? An Appellen mangelt es nicht, etwa von Eckhard Cordes, Aufsichtsratsvorsitzender des deutschen Detailhandelsriesen Metro. Er ortet ein grosses Informationsloch. „Der Mann von der Strasse versteht nicht, was passiert ist in den letzten zwei Jahren. Und es ist niemand da, der es ihm erklärt.” Cordes forderte mehr Transparenz auf allen Ebenen, die Manager dürften sich nicht länger in ihren Elfenbeintürmen verschanzen, sondern müssten ihr Tun und Lassen erklären - vor allem auch der Belegschaft. Doch genügen solche Appelle? Gibt es auch konkretes Handeln? Das sei ein sehr vielschichtiger und langwieriger Weg, sagt Cordes. „Von heute auf morgen lässt sich verlorenes Vertrauen nicht wieder herstellen”. Spüren die Beschäftigten bei ihren Vorgesetzten einen Willen zur Besserung? „Kaum”, sagt John Monks, Generalsekretär der Europäischen Gewerkschaftsbundes. „In schlechten Zeiten wollen sie mit uns reden. Aber es geht nur um die Modalitäten der Entlassungen. In den guten Zeiten konnten die Beschäftigten bestenfalls ihren Stand halten konnten, während die Bosse immer mehr verdienten. Wie soll da Vertrauen entstehen?” Bild: Auf dem World Economic Forum beschreibt der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus den Geschäftsmenschen als „selbstsüchtig” (World Economic Forum/swiss-image.ch).
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