Aus dem Blog von {Steffen Klatt}
Es gab eine Zeit, da hatte Frankfurt am Main die Chance, London als Finanzhauptstadt Europas auszustechen. Die einstige Hauptstadt des Weltkapitalismus lag darnieder und schien in ihrer Riesengrösse zu verrotten. Richard Rogers erinnert sich noch gut an die Zeit. "Damals haben alle davon gesprochen, dass Frankfurt London als Finanzzentrum ersetzen würde", sagt der Architekt, der einst zusammen mit Renzo Piano das Centre Pompidou in Paris gebaut hat. "Dann haben wir London wiederbelebt, nicht nur ökonomisch, sondern vor allem auch kulturell." Heute ist London eine pulsierende Stadt. Hier kommt die Welt zusammen, hier lebt sie und hier erfindet sie sich täglich neu. Die Stadt zieht Menschen aus der ganzen Welt an, Europäer sowieso. Und die City ist trotz Krise noch immer ein Ort, an dem ein ehrgeiziger Banker einmal in seinem Leben gearbeitet haben sollte, erst recht ein Investmentbanker. Frankfurt ist kein solcher Ort. Der Lebenslauf eines Bankers ist nicht nackt, wenn er keine Jahre am Main vorweist. Und erst recht bekommt wohl kein Nicht-Hesse Sehnsucht und Umzugsgelüste, wenn er das Wort Frankfurt hört. Wenn eine Stadt in Deutschland Strahlkraft hat, und das über die Grenzen hinaus, dann ist es wohl Berlin. Ausgerechnet Berlin, die arme Metropole mit den hohen Schulden und den vielen Aldis. Auch an der Spree sind es Kultur und Lebensgefühl, die Menschen anziehen. In der Informationsgesellschaft, die jetzt die Dienstleistungsgesellschaft ablöst, sind Lebensqualität und Lebensgefühl die entscheidenden Standortvorteile. Wie London und Berlin zeigen, gehören tolle Museen und Opernhäuser von Weltrang dazu. Die hat Frankfurt auch. Wichtiger aber sind die kleinen Klubs in ehemaligen Fabriken, das Nachtleben, die Kunstszene, die Vielfalt auf der Strasse. Nur wer Sehnsüchte auslöst, kann Menschen anziehen. Und nur wer Menschen anzieht, kann zu einem der Zentren der Informationsgesellschaft werden. Vielleicht gehört auch eine kritische Masse dazu. Frankfurt als einzelne Stadt ist wesentlich kleiner als Berlin und erst recht London. Aber ein Blick auf einen Frankfurter Strassenbahnfahrplan genügt: Die Stadt ist viel grösser, als sie sich gibt. Aus der Ferne gesehen gehören zur Region auch Mainz, Darmstadt, Giessen und Aschaffenburg. London hat es geschafft. Andere könnten es auch.
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