Manhattan im Herzen

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Geschrieben von: Steffen Klatt, Abu Dhabi 28.01.10
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Dichte Städte sind nachhaltig, sagt Christopher Choa. Manhattan zeigt, wie es geht: hohe Dichte, weniger Autos und niedrigerer Energieverbrauch pro Kopf, eine pulsierende Stadt. Dichte heisst auch Lebensqualität, denn Menschen ziehen Menschen an.

Steffen Klatt: Die Städte, in denen wir leben, sind im Zeitalter erst der Kohle und dann des Öls entstanden. Können diese Städte auch in der Zeit nach dem Öl weiter so bestehen?

Christopher Choa: Städte sind das Produkt ihrer Umgebung. Sie haben während tausenden Jahren auf das Klima reagiert, in dem sie bestanden. Städte am heissen Golf sahen anders als Städte in einem gemässigten Klima. Heute sind Städte aufgrund des Überangebots von Energie vom Klima abgeschottet. Energie macht alles möglich. Wenn die Energie sehr billig ist, dann ist jede Stadt überall in der Welt möglich. Stil wird eine Frage des Prestiges und keine Antwort auf das jeweilige Klima mehr.

Steffen Klatt:Heisst das, dass Städte ihre eigene Umgebung, ihre Landschaft wiederfinden müssten?

Christopher Choa:Sie müssen ihre eigene Landschaft wiederfinden, ja. Wenn Energie nicht mehr im Überfluss vorhanden ist, dann wird das Auswirkungen auf die Gestalt der Städte haben. Wir werden das schon in wenigen Jahren sehen.

Steffen Klatt:Was heisst das für die bestehenden Städte? Sie können nicht von einem Tag auf den anderen ausgetauscht werden.

Christopher Choa:Es ist im eigenen Interesse der Städte – sowohl aus ökologischen, moralischen und finanziellen Überlegungen -, dichter zu werden, ihre verschiedenen Nutzungen zu mischen, einen besseren öffentlichen Verkehr zu haben und sich in ihre natürliche Umgebung einzufügen. Das alles können wir schon heute machen.

Steffen Klatt:Sie leben in London, der Hauptstadt der industriellen Revolution. Kann eine Stadt wie London nachhaltig werden?

Christopher Choa:London ist ein interessantes Beispiel. Es ist ein Ergebnis des Wohlstandes der industriellen Revolution. Es hat aber auch eine Struktur, die weit hinter die industrielle Revolution zurückreicht. Weil es viele frühere Dörfer eingemeindet hat, ist es auch eine sehr ausgedehnte Stadt. Wenn ich an die Stadt der Zukunft denke, schaue ich lieber auf meine Heimatstadt New York. New York ist doppelt so dicht wie London. Manhattan verbraucht weniger Energie pro Kopf als London. Wenn London so aussehen würde wie Manhattan, wäre es eine grünere Stadt. Der Schlüssel dazu ist Verdichtung.

Steffen Klatt:Wie können Sie diese Dichte wieder in Städte zurückbringen?

Christopher Choa:Für lange Zeit wurden Städte sehr viel niedriger gebaut als heute, und doch gab es eine grosse Dichte und Kompaktheit. Damals lebten allerdings weniger Menschen in den Städten. Wenn mehr Menschen in den Städten leben und nicht in die Höhe gebaut werden soll, dann muss man allerdings in die Fläche hinaus bauen. Damit kommen andere Probleme wie Mobilität und die Verbindung der verschiedenen Teile der Stadt. Im Fall europäischer Städte muss man schauen, wie Hochhäuser in sie integriert sind. Denn ein Hochhaus allein bringt noch keine Dichte, weil es normalerweise viel offenen Raum braucht. Aber wenn man es mit mittelgrossen und kleineren Gebäuden verbindet und den Platz sehr stark ausnutzt, dann können wir die Dichte über das heutige Mass hinaus erhöhen.

Der Schlüssel zu guten Städten sind nicht die Gebäude. Es sind auch nicht die offenen Flächen. Das Geheimnis liegt darin, dass Menschen Menschen anziehen. Verdichtung erlaubt Menschen zusammenzukommen. Das ergibt die Lösung.

Steffen Klatt:Was heisst das für Städte wie Paris oder Berlin, welche die Traufhöhe ihrer Gebäude beschränken? Sollen sie ihre aus dem 19. Jahrhundert stammenden Regeln verabschieden und so bauen wie in Manhattan?

Christopher Choa:Viele Architekten der 60er Jahre hätten das so gesehen. Le Corbusier wollte Paris niederreisen. Ich glaube nicht, dass dies nötig ist. Aber wenn wir die Möglichkeit haben, neue Quartiere zu bauen, dann sollten wir sie so dicht wie möglich bauen. Der Kern solcher europäischer Städte ist meist schon sehr dicht. Daran kann man anknüpfen.

Steffen Klatt:Solche Änderungen kosten viel Geld. Wo kann es herkommen?

Christopher Choa:Die Änderungen, die es etwa im öffentlichen Verkehr braucht, sind teuer. Aber die Alternative ist auch teuer. In Städten, die sich in die Fläche ausbreiten, geht nicht nur Zeit verloren, sondern auch die Lebendigkeit der Stadt. Auch das kostet. Die Frage ist also nur, wann in die Änderungen investiert wird: bevor der Bedarf dringend wird oder danach.

Steffen Klatt:Die heutigen Kosten, die Sie beschreiben, sind aber gleichmässig verteilt. Daraus können sich noch keine Investitionen ableiten. Wenn alle im Stau sitzen, dann heisst das noch immer nicht, dass sie bereit sind, in den Ausbau des öffentlichen Verkehrs zu investieren.

Christopher Choa:Der Stau ist ein klassisches Beispiel. Denn Stau bedeutet in Wahrheit zu geringe Dichte. Nur weil die Städte nicht dicht sind, müssen sich die Leute in ihr Auto setzen und zur Arbeit fahren. In einer dichten Stadt können Sie zur Arbeit laufen oder mit dem öffentlichen Verkehr fahren. Sie brauchen kein Auto. Dichte wird durch öffentlichen Verkehr möglich gemacht, und öffentlicher Verkehr durch Dichte. Dichte macht effiziente Investitionen in den öffentlichen Verkehr möglich.

Steffen Klatt:Wird eine nachhaltige Stadt autofrei sein?

Christopher Choa:Das ist eine gute Frage. Ich bin nicht sicher, ob es jemals eine völlige Autofreiheit geben wird. Denn wir sehen Autos heute als einen Ausdruck unserer Freiheit und Unabhängigkeit an.  Wir werden aber andere Formen der Nutzung sehen, etwa Autoteilete oder Formen der Automatisierung des Verkehrs. Aber ich glaube nicht, dass die Lösung in der Technologie liegt. Vielmehr müssen wir den Bedarf an Autos verringern. Die effizientesten Städte, etwa Manhattan, haben weniger Autos pro Einwohner als andere.

Steffen Klatt:Was ist heute für einen Stadtplaner der interessanteste Ort auf der Welt?

Christopher Choa:Die interessantesten Orte sind die mit den grössten Extremen, etwa der höchsten und dem niedrigsten Energieverbrauch. In Kuwait oder Abu Dhabi verbraucht jeder Einwohner zehn Tonnen Öl pro Jahr. In Tokio oder Manhattan sind es nur vier Tonnen. Dabei sind die Orte mit dem höchsten Energieverbrauch nicht diejenigen, die am angenehmsten sind. Und wenn ein Einwohner von Abu Dhabi Ferien macht, dann oft in Florenz, Paris, New York, also in Orten, die weniger Energie verbrauchen – weil es lebendige Städte sind. Energieeffizienz ist ein Nebenprodukt dieser Lebendigkeit.

Steffen Klatt:Sie kommen aus New York. Wo wollen Sie leben, wenn Sie pensioniert sind?

Christopher Choa:Ich bin in Manhattan geboren und aufgewachsen. Ich habe überall in der Welt gelebt. Aber ich habe Manhattan im Herzen, wohin auch immer ich gehe.


Zur Person:

Der Stadtplaner Christopher Choa ist als Vizepräsident von AECOM Design und Planung verantwortlich für die Märkte in Nord- und Westafrika und im Nahen und Mittleren Osten. Choa ist auf die Gestaltung neuer Städte und Stadteile spezialisiert. So ist er an der Planung der ersten neuen Stadt in den Palästinensergebieten und der Kulturinsel Saadiyat bei Abu Dhabi beteiligt. Zuvor hat er neue Projekte in Petersburg, Shanghai und Cambridge mitgestaltet. Der New Yorker hat in Harvard und Yale studiert und an mehreren Universitäten gelehrt.

 

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