Was assoziieren wir mit dem Wort Nachhaltigkeit? Ist es glasklar oder nebulös? Ist es vor allem ein Lichtblick, mit positiven Erwartungen besetzt? Oder ist es ein Langeweiler? Setzt es Phantasien frei? Klärt es Zusammenhänge? Oder verschleiert es Abhängigkeiten? Wie auch immer man in seinem eigenen Wortschatz damit umgeht, man sollte möglichst genau wissen, wovon die Rede ist.
In den letzten Jahren ist die Klage über die »inflationäre Verwendung«, die Verwässerung, die Begriffsverwirrung zum Mantra geworden. Aus meiner journalistischen Arbeit kenne ich Leute, die das Wort nicht in den Mund nehmen, ohne dabei mit gekrümmten Zeige- und Mittelfingern Gänsefüsschen in die Luft zu malen. Das Wort ist in das mediale Feuerwerk der Reklamesprache geraten. »Nachhaltigkeit der Diät«, »nachhaltige Befreiung der Kopfhaut von Schuppen«, »nachhaltiger Ausbau der Kapitalkraft« – nichts ist unmöglich. In der Schweiz weihte man einen Monat vor dem Kopenhagener Klimagipfel »die nachhaltigste Autobahn aller Zeiten« ein. Verwandte Themen| { Den Horizont erweitern, 09.12.09 } | | { Nachhaltig einfacher gestalten, 29.10.09 } | | { Nachhaltigkeit hat Zukunft, 13.10.09 } | | { Nachhaltigkeit in der Krise!? , 03.09.09 } | | { Kreative Köpfe gesucht, 25.08.09 } | | { Nachhaltig übersichtlich, 19.08.09 } | | { Nachhaltigkeit in den Chefetagen, 19.07.09 } | | { Ethik im Gesundheitswesen, 28.05.09 } | | { Impulse kommen aus der Wirtschaft, 08.05.09 } | | { Grünes Wissen sichert Stellen, 28.04.09 } | | { "Wir kommen, um zu lernen!", 24.04.09 } |
Was meint, wer von »nachhaltigem Wachstum« spricht? Stetiges Wachstum des Bruttosozialprodukts oder eines Firmenimperiums mit allen damit verbundenen ökologischen und sozialen Kollateralschäden? Das Wachstum grüner Strukturen innerhalb einer womöglich schrumpfenden Ökonomie? Manchmal ist gedankliche und sprachliche Schlamperei im Spiel. Allzu oft freilich werden bewusst Nebelkerzen gezündet. »Greenwashing« nennt man das in den USA. In Anlehnung an das biblische »seine Hände in Unschuld waschen« – oder auch an die im Kalten Krieg aufgekommene Redewendung von der »Gehirnwäsche«. Aus der Verwirrung lässt sich Kapital schlagen. Der Trick ist simpel, aber nicht ganz einfach zu durchschauen. Denn das Wort führt im Deutschen ein Doppelleben: einmal als allgemeinsprachliches Wort, dann als politischer Begriff. Was bedeutet »nachhaltig« auf der Ebene der Gemeinsprache? Zunächst einmal tatsächlich nichts weiter als »nachdrücklich«, »intensiv«, »dauerhaft«. Siehe Goethes Wortwahl im »Wilhelm Meister«-Roman von 1796: »Er schien nunmehr zum ersten Male zu merken, dass er äusserer Hülfsmittel bedürfe, um nachhaltig zu wirken.« So weit, so gut. Das Verwirrspiel setzt da ein, wo die Ebenen verwischt werden. Wo man in der Sache im Rahmen der alltagssprach lichen Bedeutung bleibt, jedoch suggeriert, man meine die neue, ökologisch aufgeladene Bedeutung des Begriffs. Eine schlichte Gewinnerwartung für die nächsten zwei, vielleicht drei Jahre mutiert so zu einer nachhaltigen, will sagen: ökologisch verantwortlichen und sozial gerechten Rendite. Fatal ist es, wenn »Nachhaltigkeit« gegen vermeintlich überzogene Forderungen von Umweltschützern in Anschlag gebracht wird: Man erklärt den Bau eines Kohlekraftwerks zur »nachhaltigen« Lösung, weil es sauberer sei als das alte und Arbeitsplätze erhalte. Wo der Begriff seiner Substanz beraubt ist, lässt sich damit wenig – oder alles – machen. Noch den banalsten Vorgang, ja sogar die rücksichtsloseste Plünderung des Planeten, kann man mit diesem entkernten Begriff als »nachhaltig« ausgeben. Das Wort ist auf den ersten Blick nicht sonderlich attraktiv. »Nach« und »halt«, »-ig« und »-keit« – das klingt statisch, sperrig, irgendwie dröge. Selbst unter Experten ist das Unbehagen weit verbreitet. Bei einer Fachtagung in Berlin hörte ich vor einigen Jahren den damaligen grünen Umweltminister händeringend an das Auditorium appellieren, ihm eine bessere Übersetzung für sustainability zu liefern. Nachhaltigkeit sei schwerfällig, nicht vermittelbar, einfach »nicht sexy«. Aber was ist, wenn sustainability historisch eine Übersetzung von Nachhaltigkeit war – und nicht umgekehrt? Bei meinem Gang durch die Wälder der Aufklärung komme ich darauf zurück. Und was ist, wenn in der »Sperrigkeit«des Begriffs Nachhaltigkeit gerade sein subversives Potential liegt? Im Umfeld des Kopenhagener Klimagipfels von 2009 führten manche Think-tanks und Medien ein neues Vokabular ein. Von nun an soll eine klimagerechte Strategie den Weg in eine postkarbone Zivilisation bahnen. So zwingend notwendig der Übergang zu einer CO2-freien Entwicklung ist – zum Ersatz für das Wortfeld der Nachhaltigkeit taugt diese Begrifflichkeit nicht.
Eine kleine Szene aus »Alice hinter den Spiegeln«, Lewis Carrolls Kinderbuch aus dem England des 19. Jahrhunderts, beschreibt den Mechanismus von semantischen Machtspielen aller Art: »Wenn ich ein Wort gebrauche«, sagte Goggelmoggel in recht hochmütigem Ton, »dann heisst es genau, was ich für richtig halte – nicht mehr und nicht weniger.« »Es fragt sich nur«, sagte Alice, »ob man Wörter einfach etwas anderes heissen lassen kann.« »Es fragt sich nur«, antwortete Goggelmoggel, »wer der Stärkere ist, weiter nichts.« Alice war zu verwirrt, um darauf noch eine Antwort zu finden … Kursivgesetzt sind in diesem Buch alle Zitate, in denen die Sprache der Nachhaltigkeit erscheint.Alle anderen Zitate stehen in Anführungszeichen. Der Autor Ulrich Grober ist Publizist, lebt in Marl. Sein Buch „Die Entdeckung der Nachhaltigkeit – Kulturgeschichte eines Begriffs“ erscheint im März 2010 im Verlag Antje Kunstmann, München Weiter Informationen: Verlag Antje Kunstmann Franziska Hedrich, Presseassistentin Tel.: +49 89 12 11 93 29
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Bild: Verlag Antje Kunstmann
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