Mehr als die Hälfte der Menschen leben in Städten, und stündlich werden es mehr. Doch moderne Städte bauen immer noch an einem Überfluss an Öl auf. In vielen Regionen der Welt wird deshalb weltweit an einem energieeffizienten Umbau der Städte gearbeitet.
Das Gelände ist riesig, über 6 Quadratkilometer gross. Der feine gelbe Wüstensand lässt sich nur schwer von den Schuhen abputzen. Noch sind die Temperaturen angenehm, etwa 25 Grad im Schatten – wenn es ihn gäbe. Im Sommer, und der beginnt bald, steigen die Temperaturen auf bis zu 50 Grad. Hier, neben dem Flughafen von Abu Dhabi, soll die erste Stadt entstehen, die netto kein Kohlendioxid ausstösst, ihre Energie allein aus erneuerbaren Quellen bezieht, autofrei ist und keinen Abfall erzeugt. Kein Wunder, dass Besucher aus aller Welt im Stundentakt kommen. Vor dem Eingang des provisorischen Hauptquartiers wartet gerade der isländische Präsident auf seine Limousine. Swiss Village kommt voran Das Swiss Village liegt auf Kurs. Laut Rolf Jeker, Präsident des Steuerungskomitees des Vereins, haben bis zum World Future Energy Summit Mitte Januar in Abu Dhabi 20 Unternehmen gegenüber dem Verein schriftlich erklärt, dass sie die Absicht hätten, sich im Swiss Village einzumieten. Damit sind die Erwartungen Masdars übererfüllt. Dieses hatte laut Jeker von den Schweizern erwartet, mindestens zehn Absichtserklärungen vorzulegen. „Masdar sieht, dass wir es schaffen“, sagte Jeker an einem Treffen der Mitglieder des Vereins mit Mitgliedern der beiden Swiss Business Council Abu Dhabi und Dubai. Derzeit hält sich eine Delegation Masdars in der Schweiz auf, um die Architekten für das Schweizer Quartier auszuwählen. Das Swiss Village wird Teil der ersten Projektphase sein, die frühestens 2013 fertiggestellt wird. Nick Beglinger, Präsident des Vereins, hofft, dass Masdar aus den Fehlern der ersten Ausschreibungsrunde gelernt hat. Künftig sollte Qualität und nicht allein der Preis den Zuschlag bekommen. Für das Swiss Village wird Implenia die Angebote prüfen. Entsprechen sie nicht den technischen Voraussetzungen, dann werden sie ungeachtet des Preises ausgesiebt, bevor Masdar über sie entscheidet. Masdar hat inzwischen bestätigt, dass die Stadt den Status einer Free Zone haben wird. Laut Khaled Awad, dem Direktor Immobilienentwicklung Masdars, werden zunächst nur Mietverhältnisse möglich sein. In einer späteren Phase soll auch der Erwerb von Immobilien ermöglicht werden. Institut und SonnenkollektorenZwei Fixpunkte der neuen Stadt zeichnen sich bereits ab. Das Masdar Institute of Science of Technology, die neue Technische Hochschule, wird in diesem Jahr das erste Gebäude der Stadt sein, das fertiggestellt werden wird. Ab September sollen die Studenten hier einziehen – bisher studieren sie in einem Provisorium in Abu Dhabi. Ein paar hundert Meter weiter wird bereits die Baustelle des Hauptquartiers vorbereitet. Hier soll Abu Dhabi Future Energy Company ihren Sitz haben, die staatliche Bau- und Betreibergesellschaft der Ökostadt. Auch IRENA, die neue Internationale Agentur für Erneuerbare Energien, wird hier einziehen. Zwischen Hauptquartier und Masdar Institute liegt das Gelände des Swiss Village: Die Schweiz ist das einzige Land, das in der Ökostadt ein eigenes Quartier erhält. Über 130 Unternehmen haben bereits ihr Interesse an einer Niederlassung angemeldet. 20 von ihnen haben sich fest bereiterklärt, hier einzuziehen. Einst sollen 50000 Menschen in der Stadt leben und insgesamt 90000 Menschen hier arbeiten. Am Rande des Geländes wiederum steht eine riesige Photovoltaik-Anlage, die grösste des Mittleren Ostens. Hier wird mit einer Kapazität von 10 Megawatt Strom für die Baustelle produziert. Der Überschuss wird in das Netz der Hauptstadt des Emirats eingespeist. Der Sonnenturm einen Kilometer entfernt dagegen wird noch nicht genutzt. Die Anlage zur Herstellung von konzentrierter Sonnenwärme wird noch getestet. China lässt Bürger mitredenMasdar ist einzigartig. In einer Region, in der Energie und Ressourcen verschwendet werden wie nirgendwo sonst, will die Stadt völlig neue Standards setzen. Sie will dabei auf die neuesten Technologien setzen. Doch auch anderswo werden Ökostädte gebaut. Dem Modell Masdars kommt Songdo am nächsten. Die Retortenstadt in der Nähe des Flughafens der südkoreanischen Millionenstadt Incheon soll bis 2020 fertiggestellt werden. Hier sollen 75000 Menschen leben und sogar 300000 Menschen arbeiten. China dagegen, das Millionen Abwanderer vom Land in Städten unterbringen muss, hat sein Vorhaben aufgegeben, ebenfalls eine Ökostadt aus dem Boden zu stampfen. Die Stadt Dongtan auf einer Insel im Jangtse bei Schanghai hätte bis zur Eröffnung der Weltausstellung im Mai zumindest teilweise fertiggestellt sein sollen. Inzwischen ist keine Rede mehr davon. Angeblich soll ein Vogelschutzgebiet der Stadt den Garaus gemacht haben. Statt völlig neuer Städte setzt China nun verstärkt auf den Umbau bestehender Städte. Laut Steffen Lehmann, Stadtplaner und Inhaber des Unesco-Lehrstuhls für nachhaltige Urbanisierung in Asien an der Universität Newcastle in Australien, bezieht das Reich der Mitte dabei sogar zunehmend die Bürger ein. Im Fall der geplanten Ökostadt Wanzhuang in der Nähe von Peking etwa durften die Einwohner der 15 Dörfer in der Umgebung mitreden, bevor der Masterplan entwickelt wurde. Statt der 100000 Menschen bisher sollen künftig 400000 Menschen hier leben. Nachhaltigkeit braucht VerdichtungAuch anderswo wird eher auf Umbau statt auf Neubau gesetzt. Und statt teurer Technik rückt die Planung in den Vordergrund. „Der Fokus muss wegrücken von der Technologie, hin dazu, wie wir es machen“, sagt Gerard Evenden vom Londoner Architekturunternehmen Foster and Partners, das den Masterplan für Masdar entworfen hat. Beispiele dafür finden sich vielerorts. So hat die Stadt Stockholm im Rahmen ihrer – gescheiterten – Olympiabewerbung für 2004 auf einem verseuchten Industriegelände die Modellstadt Hammarby Sjöstadt gebaut. Ursprünglich war geplant worden, den Ressourcenverbrauch der Siedlung im Vergleich zu ähnlichen Überbauungen zu halbieren. Laut Erik Freudenthal, Sprecher des Umweltinformationszentrums von Hammarby, wurden nur bis zu 40 Prozent Minderverbrauch erreicht. Dennoch hat die EU die schwedische Hauptstadt auch dank Hammarbys für 2010 zur ersten grünen Hauptstadt der EU gewählt. In Lateinamerika ist Curitiba zum Vorbild geworden. Die brasilianische Millionenstadt hat ihre Hochhausquartiere so angelegt, dass sie entlang von drei parallelen Strassen liegen, die durch den öffentlichen Verkehr bestens erschlossen sind. In den Quartieren werden sowohl Wohnungen als auch Büros und Geschäfte angeboten. Damit verringert sich die Notwendigkeit, in andere Quartiere zu fahren. Curitiba hat daher deutlich weniger Autos pro Kopf als andere Städte. Eine nachhaltige Stadt sei dicht gebaut, sagt denn auch der amerikanische Stadtplaner Christopher Choa. „In einer dichten Stadt können Sie zur Arbeit laufen oder mit dem öffentlichen Verkehr fahren. Sie brauchen kein Auto. Dichte macht effiziente Investitionen in den öffentlichen Verkehr möglich.“ Ob Neu- oder Umbau, es geht um Milliarden. Für Masdar werden 22 Milliarden Dollar (16 Milliarden Euro/23 Milliarden Franken) veranschlagt, für Songdo 16 Milliarden Dollar. Doch auch der Umbau in Stockholm kostet 4,5 Milliarden Euro (6,6 Milliarden Franken). Der Bau und Umbau der Ökostädte fasst Branchen zusammen, die bisher säuberlich getrennt worden sind: Neben dem klassischen Bauwesen sind das auch die Umwelttechnologien, die Wasser und Abwasserwirtschaft, die erneuerbaren Energien. Das macht solche Ökostädte attraktiv für Unternehmen vieler Branchen. So überrascht es nicht, dass der World Future Energy Summit in Abu Dhabi Jahr für Jahr im Januar hunderte Unternehmen aus aller Welt anzieht: Die Veranstaltung war von Masdar entwickelt worden, um Investoren und Zulieferer nach Masdar zu locken. Dieses Jahr waren allein aus Deutschland rund 70 Unternehmen gekommen, so viel wie nie. Auch der Schweizer Pavillion zog wieder zwei Dutzend Unternehmen an. Daneben hatten Länder wie Grossbritannien, Frankreich und Dänemark hatten eigene Stände. Dabei ist die Finanzierung von Ökostädten nicht immer völlig gesichert. Denn auch potente staatliche Bauherren setzen auf private Finanzierung. So will das ölreiche Emirat Abu Dhabi von den 22 Milliarden Dollar nur 4 Milliarden selbst aufbringen. Die Stadt Stockholm hat für Hammarby Sjöstadt nur 200 Millionen Euro aufgebracht, der schwedische Staat noch weniger. In Zeiten der Kreditklemme fällt die Finanzierung auch staatlichen Bauherren schwerer. Stadt braucht LebensqualitätAuch sonst stossen Ökostädte bei ihrer Verwirklichung auf Hürden. So hat der Ehrgeiz Masdars, die neuesten Technologien zu verwenden, auch Schattenseiten: Die Technologien müssen sich nicht unbedingt als wüstentauglich erweisen. So sucht Masdar derzeit nach einer Technologie, um den Wüstenstaub von den Solarmodulen zu wischen, ohne diese zu beschädigen. Inzwischen wurde die Fertigstellung Masdars verschoben. Ursprünglich war von 2016 die Rede gewesen, jetzt ist es irgendwann nach 2020. Der Ehrgeiz von Masdar geht aber noch darüber hinaus, wenig Ressourcen zu verbrauchen. Die Stadt will zu einem globalen Zentrum erneuerbarer Energien werden. Doch dazu muss sie nicht nur Unternehmen, sondern auch Spezialisten aus der ganzen Welt anziehen. Dazu braucht es vor allem Lebensqualität. Und die lässt sich durch modernste Technologien allein nicht erreichen. Bild: Das Masdar Institute of Science and Technology nimmt Form an (Steffen Klatt, Januar 2010).
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