Am Mittwoch beginnt in Davos das diesjährige World Economic Forum. Die Wirtschaft braucht neue Regeln, sagt der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann. Nicht alle Renditevorstellungen der Aktionäre dürfen befriedigt werden. Marktteilnehmer , die nicht nur dem reinen Renditedenken folgen, dürften nicht benachteiligt werden. Thielemann fordert eine neue Denkart.
Urs Fitze: Ethisches Verhalten ist in der Wirtschaft neuerdings wieder sehr gefragt, das alleinige Denken an die Rendite wird zunehmend hinterfragt. Folgen diesen Worten auch Taten? Ulrich Thielemann: Ich bin skeptisch. Es geht ja nicht um die Frage, ob man eine Ethik vertritt oder nicht, sondern welche Inhalte mit einer bestimmten Ethik verbunden sind. Die radikalsten Vertreter einer reinen Ökonomik vertreten die Auffassung, die Kräfte des Marktes führten zum grossen Guten und Gerechten. Dies ist der Glaube an eine im System eingebaute Moral und damit ein Freipass für jene Marktteilnehmer, denen keine Rendite zu hoch sein kann. Sie brauchten sich um eine weitere inhaltliche Diskussion ihres Verhaltens dann nicht weiter zu scheren. Was immer man tun, es muss ja ethisch richtig sein, solange es erfolgreich ist. Urs Fitze:Aber es gibt ja durchaus namhafte Vertreter der Wirtschaft, etwa Stephen Green, den Präsidenten der Grossbank HSBC, die diese auch von ihm selbst gepflegte, marktradikale Ethik in Frage stellen und neue Werte einfordern. Nehmen Sie diese Leute nicht ernst? Ulrich Thielemann: Das sind gewichtige Stimmen, die einen echten Wandel einleiten könnten. Auch WEF-Präsident Klaus Schwab vertritt ja schon seit langem eine Ethik, die den Namen verdient und die die Orientierung an den unstillbaren Renditewünschen der Aktionäre zurückweist. Aber wenn ich mir die ideologische Grosswetterlage anschaue, so herrscht nach wie vor eine Denkschule vor, die nichts daran findet, dass die Aktionäre die unumschränkten Herrscher der Unternehmen sind. Dies ist nach wie vor die vorherrschende Lehre, die jeder mitbekommt, der sich professionell mit der Wirtschaft beschäftigt. Da steht noch viel an Aufklärungsarbeit an. Aber wir müssen die Wirtschaftsführer auch von den Fesseln des Kapitals befreien. Wer andere Gesichtspunkte als bloss den der Rentabilität einbringt, wird sonst rasch zum Übernahmekandidaten. Verwandte Themen| { Kämpfen für eine bessere Welt, 11.01.10 } | | { Den Horizont erweitern, 09.12.09 } | | { Ausgezeichnetes Hotel, 02.12.09 } | | { Für eine grüne Wirtschaft, 18.11.09 } | | { Banker als Herdentiere, 17.09.09 } | | { Finanzmarkt wirbt um Vertrauen, 10.09.09 } | | { Finanzplatz muss sauberschrumpfen, 03.08.09 } | | { Chance für den Finanzmarkt, 29.07.09 } | | { Gute Praktiken wiederbeleben, 17.06.09 } | | { Grünes Wissen sichert Stellen, 28.04.09 } | | { Grüne Chance in den USA, 09.03.09 } | | { Die Kräfte bündeln, 04.03.09 } | | { Grün und gesund aus der Krise, 04.03.09 } | | { Bis zur nächsten Krise?, 25.02.09 } |
Urs Fitze:Braucht es dafür neue Regeln? Ulrich Thielemann: Das ist unausweichlich und übrigens auch Common Sense in der wirtschaftsethischen Fachdiskussion. Der verantwortungsvoll Handelnde darf im Wettbewerb nicht der Dumme sein. Urs Fitze:Seitens der Wirtschaft wurde ja gerne betont, die Staaten seien mit ihrer laschen Regulierungspolitik letztlich für die jüngste Krise verantwortlich. Ulrich Thielemann: Ich halte beide Thesen, sowohl die vom „Staatsversagen” - so, als "versage" dieser prinzipiell - als auch die vom „Marktversagen” - der ja nur ausnahmsweise und vorübergehend "versagt" - für verfehlt. Die tiefere Ursache der Krise ist vielmehr in einer breit akzeptierten Irrlehre zu suchen: der Marktgläubigkeit, der Überzeugung, der Markt sei der Leitstern all unserer Orientierungen. Davon war auch die die Politik sehr weitgehend befallen. Urs Fitze:Was lernen die Marktgläubigen aus der jüngsten Krise? Ulrich Thielemann: Das wird sich weisen. Wir stecken mitten in einem Prozess, der in den Medien leider primär mit immer neuen Skandalisierungen dargestellt wird. Der Ausgang ist offen. Wir brauchen eine andere Denkart über das Wirtschaften. Urs Fitze:Könnte man von einem Machtkampf zwischen Markt- und Staatsgläubigen sprechen? Ulrich Thielemann:Das greift zu kurz. Es geht nicht um die Frage, ob der Markt oder der Staat dominieren soll, sondern darum, zu einem verantwortungsvollen Wirtschaften zu kommen. Dazu braucht es die Abkehr von der Marktgläubigkeit und natürlich auch der Regulierung. Aber nicht unbedingt ein kompliziertes Regelwerk, sondern schlicht die Garantie, dass jene, die nicht nur ihren eigenen Interessen folgen, sondern einen fairen Umgang mit allen Beteiligten pflegen wollen, im Wettbewerb nicht zu Verlierern werden.
Zur Person:
Ulrich Thielemann ist Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen.
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