Motorräder sind ein Symbol für Freiheit. Und mit Elektromotor machen sie sogar frei von schlechtem Gewissen. An der Forschungsinstitution Empa koordiniert Marcel Gauch Projekte, die den Verbrauch messen und neue Standardisierungen anstreben.
Yvonne von Hunnius: Sie untersuchen seit einiger Zeit an der Empa die Verbrauchswerte von elektrischen Zweirädern – zu welchen Hauptergebnissen sind Sie gekommen? Marcel Gauch: Gerade für kurze Pendeldistanzen sind die Elektrofahrzeuge eine sofortige Alternative zu Zweitaktern. Elektro-Scooter haben im Vergleich zu regulären PKW 17-mal geringere Treibhausgas-Emissionen. Yvonne von Hunnius: Was haben Sie bei ihrem letzten Testzyklus im Januar untersucht? Marcel Gauch: Diesmal haben wir uns auf stärkere Fahrzeuge beschränkt, weil das Interesse an schwachen Fahrzeugen, die auf 45 Stundenkilometer limitiert sind, gering ist. Die schnelleren Fahrzeuge, die bis zu 80 Stundenkilometer laufen können, sind spannend. Leistungsmässig fallen sie in die Klasse der schnellen heulenden 50er, die auch mit Zweitaktmotoren zugelassen sind. Yvonne von Hunnius: Wie viele Anbieter gibt es denn für Elektroscooter dieser Sorte? Marcel Gauch: International ist die Frage schwer zu beantworten. Es gibt bereits Millionen von Fahrzeugen in Asien, die aber nie nach Europa kommen. In der Schweiz werden bei der nächsten Swiss Moto im Februar circa ein dutzend Anbieter ihre Vehikel zeigen. Das Angebot wächst von Jahr zu Jahr und die Geräte werden Schritt für Schritt leistungsstärker. Yvonne von Hunnius: Gibt es auch Schweizer Anbieter? Marcel Gauch: Es gibt einen sehr prominenten Anbieter – nicht aus der Scooter-Nische, sondern aus der Freizeit-Branche. Quantya aus dem Tessin stellt Offroad-Bikes her und ist hier international unter den Marktführern. Diese Geräte besitzen einen Leistungsbereich, der bei der Beschleunigung mit Verbrennungsmotor-Fahrzeugen mithalten kann. Yvonne von Hunnius: Was wollen Sie mit Ihren Messungen erreichen? Marcel Gauch: Wir möchten dazu beitragen, dass den Fahrzeugen der Markteintritt in der Schweiz erleichtert wird. Dazu gehört, dass die Verbrauchsangaben standardisiert werden. Bei den Autos kennt man den standardisierten neuen europäischen Fahrzyklus, in dem alle Fahrzeuge gleich gemessen werden. Natürlich bekommt ein regulärer Fahrer den im Prospekt angegebenen Verbrauch kaum hin, doch wenigstens werden alle Autos unter gleichen Bedingungen gemessen. Bei den Elektrofahrzeugen macht momentan noch jeder Hersteller bezüglich Verbrauchsangaben, was er will. Hunderte Produzenten und Importeure tummeln sich auf dem Markt und noch ist nichts geregelt. Zulassungsstellen haben Probleme mit diesem Thema, denn wie kategorisiert man ein Elektrofahrzeug, wenn man nicht wie in den letzten hundert Jahren Kubikzentimeter nehmen kann? Der erste Gedanke ist, dass man die Elektrofahrzeuge in das alte Schema zwingt. Das würde bedeuteten, dass ein Importeur Prüfstände mieten und Messungen vornehmen lassen müsste. Und das kostete bei den momentan noch sehr geringen Stückzahlen soviel, dass es sich für ihn kaum lohnen würde. Yvonne von Hunnius: Was wäre bei der von Ihnen anvisierten Standardisierung einfacher? Marcel Gauch: Wir wollen die realen Fahr-Parameter dadurch darstellen, indem wir Live-Messungen durchführen. Diese Messungen können wir dann zurückrechnen auf verschiedene theoretisch vorgegebene Fahrzyklen. Somit könnte man für einen Importeur eine einfache Messvorschrift machen, die ihn nicht allzu teuer zu stehen käme. Er könnte mit den Geräten eine Testfahrt machen, die Daten würden evaluiert und auf einen offiziellen Fahrzyklus umgerechnet. Die teure Prüfstandzeit erübrigte sich und die Ergebnisse sollten erst noch genauer werden. Yvonne von Hunnius: Gibt es Unterstützung von staatlicher Seite? Marcel Gauch: Ja. Wir machen die Untersuchungen für das Bundesamt für Umwelt und das Programm NewRide zur Förderung von Elektro-Zweirädern in der Schweiz. Es besteht grosses Interesse daran, dass man endlich die Mobilität standardisiert, um dem Wildwuchs an unterschiedlichen Angaben Einhalt zu gebieten. Kundenvertrauen kann anders nicht geschaffen werden. Yvonne von Hunnius: Wann rechnen Sie damit, dass Ihr Vorschlag für einen Standard in die Praxis umgesetzt wird? Marcel Gauch: Wir werden bei der SwissMoto vom 18. bis 21. Februar die Zwischenergebnisse vorstellen. Und das Ziel ist es, die harmonisierte Verbrauchsangabe ein Jahr später bei der SwissMoto 2011 schon in Anwendung zu sehen. Yvonne von Hunnius: Je besser die Vergleichbarkeit, desto grösser die Marktchance: Wo sehen Sie besonderes Potential für diese Zweiräder in der Schweiz? Marcel Gauch: Im Pendlerverkehr zuvorderst. Doch auch im Freizeit- und Vergnügungsbereich bei Offroad-Rädern gibt es Potential. Wer auf ein solches elektrisches Vehikel steigt, ist schnell überzeugt, dass es schon bald lärmende und stinkende Geräte nicht mehr brauchen könnte. Und natürlich sind Kurierdienste sehr gute Anwendungsfelder. Gerade, weil in den städtischen Gebieten die Distanzen geringer sind. So reicht es für die meisten Anwender, jeweils nur am Abend die Batterie zu laden. Die Betriebskosten sind tatsächlich erstaunlich tief, die Servicekosten bezüglich ausgeleierter Kolben und Ähnlichem fallen schlicht weg. Und die Reichweiten liegen inzwischen bei einigen Fahrzeugen bei über 80 Kilometern. Yvonne von Hunnius: Im städtischen Strassenverkehr könnte es also leiser zugehen… Marcel Gauch: Ja. Zudem kommt noch ein emotionaler Aspekt hinzu: Bedenkt man gerade einen Zeitungsausträger, der sein Fahrzeug an einem Haus abstellt und schnell zum Briefkasten läuft – der Motor tuckert vor sich hin und schluckt Benzin. Ein Elektromotor braucht nur dann Strom, wenn ich mich auch bewege. Das ist ein wertvoller Aspekt für energiebewusste Menschen. Yvonne von Hunnius: Wären nicht generell ressourcentechnisch Zweiräder Vierrädern vorzuziehen? Marcel Gauch: Ja, wenn die Akzeptanz vorhanden wäre, sich Wind und Wetter auszusetzen, was im Sommer natürlich angenehm sein kann. Theoretisch sind Zweiräder eine sehr effiziente Alternative zum Auto, weil weniger Masse bewegt wird und die meisten alleine im Auto sitzen. Doch Menschen sind an Vierräder gewöhnt und werden davon nicht allzu schnell abzubringen sein. Yvonne von Hunnius: Und lohnt es sich im Rahmen der Ökobilanz immer noch, wenn ein Elektrobike als Zweitfahrzeug zugelegt wird? Marcel Gauch: Wir haben untersucht, inwieweit der Schaden, der allein durch die Produktion stattgefunden hat, wieder auszugleichen ist. Unsere Berechnungen haben ergeben, dass das – beispielsweise auf CO2-Emissionen bezogen – amortisiert ist, wenn 1.500 Kilometer elektrisch gefahren wurden. Das hat man schnell zusammen. Yvonne von Hunnius: Woran liegt es, dass der Schweizer Markt in diesem Feld hinterherhinkt? Marcel Gauch: Es wird kaum gefördert. Es ist schade, dass in der Schweiz so passiv mit dieser Sache umgegangen wird. Der ganze Komplex von Forschung und Politik könnte die Technik und Markteinführung koordinierter fördern. Vielleicht ist einer der Gründe auch die fehlende Lobby: In der Schweiz gibt es keinerlei Autoindustrie, die eine Entwicklung in diese Richtung pushen könnte. Zur Person: Marcel Gauch ist Projekt-Manager bei der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa in St. Gallen. Bild: Quantya
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