Erneuerbare Energien stellen hohe Anforderungen an das Stromnetz. Denn die Sonne scheint nicht immer, der Wind macht auch mal eine Pause. Genaue Prognosen leisten einen grossen Beitrag, die kontinuierliche Stromversorgung dennoch zu sichern, sagt Willy Bischofberger von der Energie Pool Schweiz AG. Das spart teuren Regelstrom
Steffen Klatt: Immer mehr Strom wird aus erneuerbaren Energien hergestellt. Was heisst das für das Stromnetz? Willy Bischofberger: Eine Verlagerung der Transportwege. Bei grösseren Volumen bedeutet dies eine geographische und zeitliche Verlagerung der Stromproduktion an die Orte und Zeitpunkte, wo und wann die erneuerbare Primärenergien - Wasser, Wind, Sonne - fliessen oder wie die mit der Stromproduktion verbundene Wärmeerzeugung - Biomasse, Geothermie - benötigt wird. Steffen Klatt:Wind bläst nicht immer, die Sonne scheint nur tagsüber. Wie kann das Netz sicherstellen, dass dennoch konstant Strom zur Verfügung steht? Willy Bischofberger:Dank guten Produktionsprognosen. Die Stromproduktionsmengen aus erneuerbaren Energien müssen von uns täglich bis 10 Uhr für den Folgetag auf eine Viertelstunde genau prognostiziert werden. Denn erneuerbare Energie hat Vortritt, das heisst andere Kraftwerke müssen in den entsprechenden Zeiten aufgrund unserer Prognose zurückgefahren werden. Bei kurzfristigen Prognoseabweichungen stellt der nationale Netzbetreiber teure Regelenergie zur Verfügung. Teure Regelenergiekosten können vermieden werden dank einer hohen Prognosegüte. Dank laufender Optimierung konnten bei uns die Regelenergiekosten von 25 Prozent in den ersten Monaten auf inzwischen 1 bis 2 Prozent der Gesamtenergiekosten reduziert werden. Steffen Klatt:Wie kann die Stromproduktion verlässlich vorhergesagt werden? Willy Bischofberger:Dank drei ausgeklügelter Modelle: Erstens mit einem Rolloutverfahren, welches sich besonders bei den wetterunabhängigen Biomasse- und Geothermieanlagen eignet. Aufgrund langjährige Erfahrung und intelligenter Zusammenarbeitsprozesse mit den Anlagebetreibern und den mit der Anlage verbundenen Wärmenutzern kann hier eine sehr hohe Prognosegüte erreicht werden. Zweitens mit linearen und nicht-linearen stochastischen Prognosemodellen, welche sich besonders bei wetterabhängigen Anlagen - Wasser, Wind, Sonne – eignen. Entscheidend sind dabei die Modelle sowie die Erfahrung, welche Produktionsmengen linear und welche nicht-linear mit den Wetterprognosedaten - Temperatur, Niederschlagsmengen, Windgeschwindigkeit und –richtung, Globalstrahlung - verbunden sind. Drittens: Dank einer nationalen Bündelung der Prognose kann eine sehr viel höhere Prognosepräzision erzielt werden, denn positive und negative Prognoseabweichungen einzelner Anlagen können sich zu einem grossen Teil gegenseitig ausgleichen. So können beispielsweise kleine, schwer vorhersehrbare Windrichtungsänderungen eine Unterproduktion bei der einen Anlage, aber eine Überproduktion bei einer anderen Anlagen bewirken und sich gegenseitig aufheben. Dieser Portfolioeffekt bei Windrichtungsänderungen gibt es bei nicht nur bei Windanlagen, sondern auch bei Wasserkraftwerken, wenn das Gewitter in dem ein oder dem anderen Tal niedergeht, und bei Photovoltaik, wenn die Wolken in die ein oder andere Richtung geblasen werden. Steffen Klatt:Was bedeutet der zunehmende Anteil erneuerbarer Energien für die Abrechnung? Willy Bischofberger:Er erfordert eine zentrale Vertrags-, Prognose- und Abrechnungsstelle. Viele neue Anlagebetreiber müssen einen Stromabnahmevertrag kriegen. Ihre Produktionsmengen müssen täglich zentral prognostiziert, zu einem durchschnittlichen Marktpreis an alle Stromhändler des Landes verkauft und die Differenz zwischen Marktpreis und dem höheren Förderpreis allen Strombezügern des Landes in Rechnung gestellt werden. Steffen Klatt:Wie kann sichergestellt werden, dass alle Produzenten für ihre Stromproduktion bezahlt werden? Willy Bischofberger:Der jeweils lokale Netzbetreiber misst wie bei all seinen anderen Kunden regelmässig die Stromproduktionsmenge und trägt sie über Internet in eine neue nationale Datenbank ein. Diese Produktionsmengen multipliziert mit den jeweiligen Fördersätzen pro Anlagen müssen jedem Anlagebetreiber regelmässig vergütet werden. Steffen Klatt:Welche weiteren Dienstleistungen braucht es für eine reibungslose Versorgung? Willy Bischofberger:Es braucht im wesentlichen drei Dienstleistungen: erstens ein Vertragsmanagement, welches mit allen Anlagebetreibern eine langjährigen Stromübernahmevertrag abschliesst, zweitens eine zentrale Produktionsmengenprognose, um Regelenergiekosten zu minimieren und drittens eine effiziente Abrechnungsdienstleistung, welche die übernommene Energie an die vielen Marktteilnehmer und –verbraucher verrechnet. Steffen Klatt:Wie funktioniert die Energie Pool Schweiz AG? Willy Bischofberger:Die Energie Pool Schweiz AG ist für genau diese Dienstleistungen im Schweizer Markt verantwortlich. Sie wurde vom Bundesamt für Energie (BFE) mit dieser Aufgabe betraut, denn sie verfügt als unabhängiger Dienstleister über eine hohe Energiemarkt- und Informatikkompetenz zur effizienten Abwicklung dieser vielfältigen Prozesse. Sie wird sich auf Basis der aktuellen Förderziele über die nächsten Jahre zur grössten Grünstrom-Drehscheibe der Schweiz für neue erneuerbare Energien entwickeln. Zur Person: Willy Bischofberger ist Co-CEO der Energie Pool Schweiz AG. Das Zürcher Dienstleistungsunternehmen arbeitet mit rund 60 Schweizer Energieversorgern zusammen. Es erstellt unter anderem Prognosen zur Energieproduktion, erledigt die Netzbuchhaltung und leitet Daten weiter.
|