Das elektrisch betriebene Auto scheint auf der Überholspur zu sein. Ob es tatsächlich eines Tages das mit Benzin und Diesel betriebene Auto überholt, ist noch nicht sicher. Doch wenn der Stromer das tut, hat das Folgen für die Stromnetze wie für die Stadtentwicklung.
Ganz sicher ist es noch nicht. „In den nächsten drei Jahren sehen wir den Durchbruch der elektrischen Mobilität – oder ihr Scheitern“, sagte Jörg Kruhl diese Woche in Abu Dhabi. Als Leiter für Technische Grundsatzfragen und Neue Technologie des Stromriesen E.ON Energie ist Kruhl allerdings klar ein Anhänger des Stromautos. Er sieht allein in Deutschland ein Potential von 20 Millionen Stromautos – vorausgesetzt, die Hersteller liefern das richtige Produkt und die Kunden gewöhnen sich an die niedrigeren Reichweiten. Flaschenhals BatterieDer nötige politische Druck ist vorhanden. Die europäische Autoindustrie muss den CO2-Ausstoss ihrer Flotte auf 130 Gramm pro Kilometer verringern. Wer es nicht schafft, dem drohen hohe Strafzahlungen. Mit dem Wechsel auf Stromautos wäre das leicht möglich. Selbst mit der heutigen Stromproduktion, die in Ländern wie Deutschland stark auf Kohle setzt, könnte der CO2-Ausstoss um die Hälfte verringert werden, sagte Kruhl am World Future Energy Summit, dem Branchentreffen der erneuerbaren Energien. Flaschenhals ist heute die Batterie. Heute kostet sie laut Kruhl bis zu 30000 Euro (44000 Franken); die Kosten müssten um zwei Drittel sinken. Kruhl rechnet damit, dass das Stromauto in den nächsten zehn Jahren gleich billig sein wird wie ein Benzinauto, wenn die niedrigeren Preise für Strom statt Benzin mit in Rechnung gestellt werden. Die Reichweite der Batterien dürfte aber beschränkt bleiben. 200 Kilometer mit einer Batterieladung werden auch in einem Jahrzehnt viel sein. Für Europa ist das kein Problem. Hier sind 80 Prozent der Fahrten nicht länger als 70 Kilometer, die Hälfte sogar nicht länger als 40 Kilometer. Nachts aufladen reicht. Jan-Olof Willums allerdings will nicht warten, bis die Batterien billiger und ihre Reichweite grösser wird. Der norwegische Investor, der das Stromauto Think zum Erfolg geführt hat, will vielmehr die Mobilität ändern. „Wir verkaufen nicht ein Auto, sondern Mobilität.“ So bietet er seinen kleinen Stromflitzer insbesondere Unternehmen an. Wenn der jeweilige Mitarbeiter ein Auto braucht, dann steht es bereit. Wenn nicht, benutzt es ein anderer. Think bietet dieses Modell bereits in Norwegen, Schweden und Finnland an. Willums arbeitet zusammen mit Autoherstellern an einem Modell, auch privaten Kunden teure Batterien zugänglich zu machen. Dabei geht es darum, die lange Lebensdauer von Batterien zu nutzen, um die Finanzierung zu sichern. Auch hier zahlt der Kunde nur die Nutzung, nicht den Besitz. Die Stille kehrt zurückForum Elektromobilität Am 26. und 27. Januar findet im Verkehrshaus Luzern das erste Schweizer Forum Elektromobilität statt. Organisiert wird es von der Mobilitätsakademie des TCS. Während zwei Tagen wird über die Zukunft der Mobilität in der Schweiz diskutiert. Parallel dazu zeigen Hersteller ihre Stromautos. Wenn das Stromauto zu einem Massenphänomen wird, dann hat das Einfluss sowohl auf die Stromnetze als auch auf den Städtebau. Denn die Stromer könnten einen Beitrag zur Lösung eines der grössten Probleme der erneuerbaren Energien leisten: ihre unterschiedliche Verfügbarkeit. Stromautos könnten dann nachgeladen werden, wenn zuviel Strom zur Verfügung steht. Ein solches kontrolliertes Laden der Batterie könnte die Stromspitzen brechen, sagt Dominik Noeren vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg i.Br. Später könnten ihre Batterien sogar Strom in das Netz speisen, wenn die Gesamtnachfrage das Stromangebot übersteigt. Wenn Stromer Benziner verdrängen, dann hat das auch einen unerwarteten Effekt: Die Strasse wird leise. „Wir bekommen eine stille Stadt ohne Abgase“, sagt Steffen Lehmann, Architekturprofessor an der Universität Newcastle in Australien. Der Hintergrundlärm der Städte wird verschwinden. Die Folge: Büros und selbst Wohnungen an vielbefahrenen Strassen können wieder attraktiv werden. „Das erlaubt uns, die Stadt zu überdenken und umzudenken.“ Hyundai kommt mit WasserstoffautoDoch nicht alle glauben an eine Welt, in der nur noch Stromer die Strassen bevölkern. David Hart von der Lausanner Beratungsfirma E4Tech weist auf Toyota hin: „Ausgerechnet der Hersteller, der das Hybridauto zum Durchbruch gebracht hat, hat die Forschung am Elektroauto eingestellt.“ Aus der Sicht des britischen Experten wird gerade die Leistungsfähigkeit von Batterien stets beschränkt sein. Er setzt daher auf Wasserstoff als Energieträger. Hart verweist auf Hyundai. Der koreanische Hersteller will 2015 eine Massenproduktion von Hybrid-Wasserstoffautos auf die Strasse bringen. Doch auch die Biotreibstoffe sind noch nicht aus dem Rennen. Martin Keller forscht am Nationalen Laboratorium der USA in Oak Ridge an Biotreibstoffen, die aus Prairiegras und Pappeln hergestellt wird. Solche Biotreibstoffe würden nicht in Konkurrenz mit Nahrungsmitteln treten. Er erwartet, dass in den USA mit ihren grossen Distanzen Biotreibstoffe rund die Hälfte der Treibstoffe ausmachen können – neben Stromautos. Bild: TH!NK.
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