Tourismus muss nachhaltig sein

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Geschrieben von: Steffen Klatt, St. Gallen 20.01.10
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Nachhaltigkeit ist das A und O des Tourismus, sagt Beat Anthamatten. Sein Fünfsternhotel Ferienart war das erste in der Schweiz mit einem Minergiezertifikat. Die Branche habe aber weniger schnell nachgezogen, als er erwartet habe. Das verschafft dem Hotelier in Saas Fee einen Wettbewerbsvorteil.

Steffen Klatt: Sie haben 1999 das erste Minergiehotel der Schweiz gebaut. Hat sich das im Rückblick gelohnt?

Beat Anthamatten: Es gibt zum einen den ökonomischen Effekt, dass wir weniger Heizöl brauchen. Das ist auch das einzige, wo wir uns mit anderen Häusern vergleichen können. Allerdings ist dabei wichtig zu sehen, ob man überall vom gleichen spricht. Der Winter kann bei uns viel härter sein als im Berner Oberland. Zum anderen bin ich dadurch zu vielen neuen Kontakten gekommen. Menschen interessieren sich für das Minergiehotel Ferienart. In der ersten Phase haben Architekten ihre Kunden ins Hotel Ferienart eingeladen, um Minergie mit ihrer kontrollierten Belüftung zu erleben.

Langfristig nützt uns auch, dass der Kanton Wallis Minergie fördert, indem er die Ausnützung um 10 Prozent hinaufgesetzt hat.

Steffen Klatt:Was heisst das?

Beat Anthamatten:Ich konnte sechs Betten mehr bauen, weil ich nach dem Minergiestandard gebaut habe.

Ausserdem ist die Chance hoch, dass das Gebäude in dieser Höhenlage fünf bis zehn Jahre länger hält, wenn es gut isoliert ist.

Steffen Klatt:Wie reagieren die Gäste?

Beat Anthamatten:Die Gäste reagieren, verhalten sich positiv. Sie machen bei den Sparmassnahmen grösstenteils mit. Nachhaltigkeit ist für den Tourismus das A und O. Wenn wir uns als Branche nicht überdurchschnittlich für Nachhaltigkeit einsetzen, dann wird es uns schlimm gehen.

Steffen Klatt:Warum?

Beat Anthamatten:Der Tourismus lebt davon, dass Schnee fällt, die Jahreszeiten zu sehen sind, dass die Luft rein ist. Damit er nachhaltig ist, braucht es eine hohe Auslastung. Ein Minergiehaus, das hoch ausgelastet ist, ist das Nachhaltigste, was im Tourismus passieren kann.

Den Gästen ist das mehrheitlich egal. Die sogenannten Lohas sehe ich noch nicht unter meinen Gästen. Das war aber auch bei den Grossverteilern so, den Vorreitern dieser Entwicklung. Auch sie hatten eine lange Vorlaufzeit, bis der Markt wirklich zugegriffen hat. Im Bereich Tourismus könnte es noch schwieriger sein.

Steffen Klatt:Haben Sie von vornherein damit gerechnet, für viele Jahre Vorreiter zu sein?

Beat Anthamatten:Mich motivieren zwei Dinge. Ich lebe hier im Gletscherdorf der Schweiz, und ich kann sehen, wie die Gletscher schmelzen. Jedes Jahr gehen sie um cirka 50 Meter zurück. Zweitens habe ich vier Kinder. Mir wurde immer mehr bewusst, dass ich wissen muss, was ich tue. Ich will meinen Enkeln in die Augen schauen können.

Es kann aber auch ein Wettbewerbsvorteil sein, nachhaltig zu wirtschaften. Für einen einzelnen Unternehmer kann es allerdings eine Gratwanderung sein. Bis vor ein, zwei Jahren war es noch äusserst verpönt, sich als ökologisch oder grün zu bekennen. Es gab einige tolle Projekte, die deshalb pleite gemacht haben. Als Familienunternehmer habe immerhin die Chance, langfristig zu handeln. Ich muss nicht von Quartal zu Quartal denken.

Steffen Klatt:Wie wurde in Saas Fee darauf reagiert, dass Sie in Richtung Nachhaltigkeit gingen?

Beat Anthamatten:Ich hatte das Glück, dass in der Gemeinde damals vor anderthalb Jahrzehnten eine Gruppe von Leuten darauf gedrängt hat, Saas Fee zur Energiestadt zu machen. Allerdings ist es nicht so gut weitergegangen. Ich wollte eigentlich jedes Jahr vier meiner Hotelierkollegen überzeugen, ein Ökolabel anzustreben. Das ist mir leider nicht gelungen.

Steffen Klatt:Sie haben gesagt, die Stimmung ist vor ein, zwei Jahren zugunsten der Nachhaltigkeit umgeschlagen. Woran merken Sie das?

Beat Anthamatten:Die richtige Technik ist heute kein Problem mehr. Sie ist da. Dann braucht es die richtige Organisation. Das dritte und entscheidende ist der Konsument, das Verhalten der Menschen zu ändern. Die Menschen sind eher bereit, eine teure und bessere Maschinen zu kaufen, als ihr Verhalten zu ändern. Ich bin der Meinung, dass uns nur Labels weiterbringen. Viele wollen das aber nicht. Sie wollen Unternehmer ohne Vorgaben sein und es bleiben.

Steffen Klatt:Sehen Sie sich als Prophet der Nachhaltigkeit in ihrer Branche?

Beat Anthamatten:Das eine ist die Kommunikation nach aussen. Im vergangenen Jahr habe ich zwölf Vorträge mit 7000 Zuhörern gehalten. Da stecke ich jetzt zurück. Jetzt versuche ich, immer mehr Unternehmen dazu zu bringen, ihre Veranstaltungen in Saas Fee zu machen statt unnachhaltigen Orten. Das andere ist die Kommunikation nach innen. Es kommen inzwischen kritischere Gäste. Ich muss also mein eigenes Team zu Höchstleistungen motivieren, damit Nachhaltigkeit auch für den Gast immer wieder spürbar ist. Wir müssen den Gast auch mehr informieren über das, was wir tun.

Steffen Klatt:Ist Nachhaltigkeit ein für allemal gegeben?

Beat Anthamatten:Ein Unternehmen ist ein Organismus, der ständig optimiert werden muss. Es gibt immer wieder neue Technologien und immer wieder neue Gästebedürfnisse. Die Zukunft wird vielleicht das 25-Stunden-Hotel sein. Die Leute gehen immer kürzer in die Ferien, aber in dieser Zeit wollen sie etwas erleben. Kann ich aber Mitarbeiter motivieren, da zu sein, wenn ein Gast in der Nacht eine Massage will? Wie läuft es ab, wenn rund um die Uhr gekocht werden muss. Als ein privat geführtes Fünfsternhotel kämpfe ich dabei gegen die grossen Konzerne. Noch habe ich einen kleinen „Machens-Vorsprung“.

Steffen Klatt:Können Sie ihn halten?

Beat Anthamatten:Nein. Wenn ein Grosskonzern wie Kempinski sagt, sie gehen in diese Richtung, dann kommen sie mit einem Bataillon von Spezialisten und mit Geld, wie ich es mir nicht leisten kann.

Steffen Klatt:Verkaufen Sie also an Kempinski?

Beat Anthamatten:Nein, solange ich kann, nicht. Die Schnellen fressen die Langsamen: Das heisst für mich, solange wie möglich vorn dabei zu sein. Ein Unternehmen, das nicht nachhaltig ist, ist nicht glaubwürdig.

 

Zur Person:
Beat Anthamatten, Jahrgang 1958, ist Geschäftsführer des Hotels Ferienart in Saas Fee VS. Das Fünfsternhotel war 1999 das erste in der Schweiz, das mit dem Minergielabel zertifiziert worden ist. Anthamatten ist unter anderem Präsident der Tourismusorganisation Saas Fee, Vizepräsident der Gemeinde Saas Fee sowie Verwaltungsrat von Valais Excellence und der Swiss International Hotels.

Bilder: Das Hotel Ferienart in Saas Fee (Ferienart; privat)

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