Das Geld muss vor Ort bleiben

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Geschrieben von: Ulrich Glauber, Freiburg i.Br. 18.01.10
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Sanften Tourismus haben sich die mehr als 160 deutschen, österreichischen und Schweizer Mitglieder des „forums anders reisen“ zum Ziel gesetzt. Nun sollen alle Unternehmen in dem Verbund ein Nachhaltigkeitszertifikat erhalten, bei dem vom Druckerpapier im eigenen Büro bis zur angebotenen Übernachtungsmöglichkeit vor Ort die gesamte Wertschöpfungskette von einem unabhängigen Zertifizierungsrat überprüft wird, wie forums-Geschäftsführer Johannes Reissland und die Mediensprecherin Ute Linsbauer erläutern.

Ulrich Glauber: Das „forum anders reisen“ hat den Anspruch, einen „sanften, auf Nachhaltigkeit aufgebauten Tourismus“ zu fördern. Was ist darunter zu verstehen?

Johannes Reissland: Wir bauen auf drei Säulen auf. Unter dem Gesichtspunkt der ökologischen Nachhaltigkeit haben wir im „forum anders reisen“ bestimmte Kriterien zum Beispiel für Flugreisen eingeführt. Fliegen verursacht immer Kohlendioxid-Emissionen, aber man sollte dann wenigstens eine gewisse Zeit am Ziel bleiben und keine Kurzurlaube in einer Distanz von mehreren hundert Kilometer machen. Zudem – und da ist dann schon der nächste Aspekt angesprochen – bleibt dann auch einiges Geld vor Ort. Denn gesellschaftliche Nachhaltigkeit bedeutet für uns unter anderem, dass die Tourismus-Gewinne der Bevölkerung vor Ort zugute kommen und nicht reimportiert werden. Darüber hinaus gehört für uns zu dieser Säule, dass Urlauber den Gastgebern auf Augenhöhe gegenübertreten. Das bedeutet, Reisen in kleinen Gruppen, Übernachtung in Unterkünften einheimischer Besitzer und Sensibilität für die örtliche Kultur. Zum dritten Aspekt der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit gehört nicht nur, dass Geld in den Kreislauf der Zielländer gelangt, sondern unsere Reisen auch zu konkurrenzfähigen Preisen angeboten werden.
 
Ulrich Glauber: Lassen sich Fernreisen unter dem Aspekt der CO2-Emissionen denn überhaupt noch rechtfertigen oder sollte man nicht den Urlaub im Schwarzwald vorziehen – jetzt mal aus Sicht des Standortes ihrer Verbandsgeschäftsstelle hier im südbadischen Freiburg?

Johannes Reissland: Es schadet sicher nichts, mal im Schwarzwald zu bleiben. Aber wir verteufeln auch Flugreisen nicht. Der internationale Tourismus ist für viele Länder sehr wichtig. Es kann nicht das Ziel sein, dass die Gäste in weniger entwickelten Ländern ausbleiben und deren Wirtschaft zusammenbricht. Uns geht es darum, dass die CO2-Emissionen, die zwangsläufig beim Reisen entstehen, mit einer gewissen Aufenthaltsdauer im Land verbunden sind. Zudem bieten wir die Möglichkeit an, die verursachten Emissionen durch finanzielle Beiträge zu Klimaschutzprojekten auszugleichen. Wir haben dazu im Jahr 2003 die Kompensationsmöglichkeit atmosfair mitbegründet.

Ute Linsbauer: Gewisse Distanzen fliegen unsere Mitgliedsunternehmen gar nicht an. Flugreisen unter 700 Kilometer gibt es im „forum anders reisen“ nicht. Unser Anliegen ist es darüber hinaus, den Reisenden bewusst zu machen, wie viel CO2 Fernreisen beispielsweise nach Asien oder Amerika verursachen. Diese Informationen werden für jede der immerhin schon rund 3000 Reise in unserem Portal www.forumandersreisen.de und unserem Gemeinschaftskatalog Reiseperlen mitgeliefert. Es wird dann aktiv angeboten, diese CO2-Menge zu kompensieren. In Einzelfällen bieten wir aber auch Fernreisen mit dem Bus oder sogar mit dem Fahrrad an. Beides hatten wir im vergangenen Jahr im Programm - und zwar durchaus mit Erfolg.

Ulrich Glauber:Wie stellen sie denn sicher, dass die Kultur der Gastgeber den Gastgebern zugänglich gemacht, aber nicht durch Massentourismus verdorben wird?

Johannes Reissland: Ein wichtiger Punkt ist die Empfehlung an die Verbandsmitglieder, nur mit Hotels und Pensionen zusammenzuarbeiten, die von den Eigentümern selbst geführt werden. Wichtig ist auch das Prinzip, sich in kleinen Gruppen zu bewegen und mit Mediatoren zusammenzuarbeiten, die die Kultur des Landes kennen, bei der Planung Einheimische hinzuziehen und die nötige Sensibilität an den Tag legen, bei der Vermittlung des Kontakts nichts zu zerstören.

Ute Linsbauer: Unser Ansatz ist nicht: hinreisen, anschauen und wieder wegfahren. Es geht uns ganz zentral um die Begegnung zwischen Besuchern und Einheimischen. Wir befürworten nicht die Grossgruppen-Rundfahrt im klimatisierten Bus, bei der man da und dort kurz aussteigt, um ein paar Fotos zu machen. Unser Ziel ist es, dass Gäste wie Einheimische etwas aus ihrer Begegnung mitnehmen.  

 

Ulrich Glauber: Koordiniert das „forum anders reisen“ die Angebote der Mitglieder nur oder hat es auch eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung der Kriterien, die für alle Unternehmen im Zusammenschluss massgebend sind?

Johannes Reissland: Wir haben sehr früh einen Katalog grundlegender Kriterien für die Angebote unserer Mitglieder niedergeschrieben. Daraus entwickeln wir gerade einen Corporate Social Responsibility-Prozess, dem sich unsere Mitglieder stellen, um die Einhaltung der Kriterien für eine nachhaltige Tourismuswirtschaft mit einem Zertifikat dokumentieren zu können. Das Projekt ist von der Europäischen Union gefördert. Wir sind insofern Vorreiter in der gesamten Branche, weil wir als erste den gesamten Reiseveranstalter zertifizieren. Es gibt natürlich schon einzelne Labels. Aber dass ein Veranstalter seine ganze Wertschöpfungskette auf Nachhaltigkeit überprüfen lässt, ist neu. Wir streben an, dass bis Ende 2010 alle Mitglieder diesen Prozess zumindest begonnen haben. Die Bewertung ist streng, wir machen das nicht selbst. Dem Prüfungsgremium gehören prominente Vertreter nicht nur des Tourismus, sondern auch von Eine Welt- und Umweltorganisationen an.

Ulrich Glauber:Trifft die Wirtschaftskrise nicht auch Sie? Billigtripps fürs Wochenende bieten Sie ja nicht gerade an und dazu ist noch CO2-Kompensation erwünscht.

Johannes Reissland: Unsere Mitglieder spüren das auch, aber sie kommen verhältnismässig gut durch die Krise. Denn parallel dazu geht ja eine Bewusstseinsveränderung vonstatten. Wir besetzen ein Thema, das in gewisser Weise krisenresistent ist.

Ute Linsbauer: Zudem sind nachhaltige Reisen ja auch nicht per se teurer als andere Produkte. Das ist ein weitverbreitetes Vorurteil. Aber wer in unserem Portal stöbert, wird schnell feststellen, dass es da sehr preiswerte Angebote gibt. Das ist möglich, weil wir keinen überflüssigen Luxus anbieten, sondern gute Qualität. Wir sind da durchaus konkurrenzfähig.

Ulrich Glauber: Setzen sich die Grossveranstalter nicht auch auf den Zug der Nachhaltigkeit. Gibt es Zusammenarbeit in irgendeiner Form? 

Johannes Reissland: In unserer Satzung ist festgelegt, dass wir nur mit inhabergeführten Unternehmen zusammenarbeiten. Die TUI beispielsweise könnte also nicht Mitglied bei uns werden, selbst wenn sie wollte. Die Grossen haben aber bestimmt auch erkannt, dass die Zielgruppe wächst. Sie schaffen Marken, die in diese Richtung gehen ...

Ute Linsbauer: ... genügen damit aber unseren Nachhaltigkeitskriterien nicht, weil bei uns das Gesamtprogramm des Veranstalters stimmen muss und nicht nur ein Segment. Bei der Zertifizierung geht es von der Beleuchtung des Büros bis hin zu den Mitarbeitern vor Ort. Wir haben bei dem Prozess hier in der Geschäftsstelle gemerkt, dass es sich lohnt, Anspruch und Wirklichkeit zu vergleichen.

 


Zu den Personen:

Die Ethnologin und Soziologin Ute Linsbauer (40) arbeitete als Reiseleiterin in Südost-Asien, bevor sie im Jahr 2005 zum „forum anders reisen“ stiess, wo sie seit 2006 in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig ist.

Der Diplom-Betriebswirt Johannes Reissland, der auch einen Abschluss als Master of Tourism Management hat,, sammelte Erfahrung in Reisebüros und als Organisator von Sportreisen, bevor er als Dozent in die touristische Fachausbildung wechselte. Seit 2009 ist der 40jährige Geschäftsführer des „forums anders reisen“.