Mikrofinanz hat als ein Mittel zur Armutsbekämpfung begonnen. Doch längst ist es zu einem rentablen Investment geworden. Im Spätsommer 2009 ist die Finanzkrise auch in dieser Nische angekommen. Das tut der Branche gut, muss sie sich doch nach einem rasanten Wachstum professionalisieren und konsolidieren.
Für Nannette Hechler-Fayd’herbe ist die Rechnung schnell gemacht: "Wachstum kommt durch mehr Bevölkerung", sagt die Ökonomin und Leiterin von Global Fixed Income and Credit Research der Credit Suisse. Die grösste, am schnellsten wachsende und jüngste Bevölkerung gebe es in den Entwicklungsländern. "Das Wachstumspotential für die nächsten zwei Generationen ist also dort." Eine Möglichkeit für eine Grossbank wie die Credit Suisse, an diesem Wachstum teilzuhaben, sei die Mikrofinanz, erklärte Hechler-Fayd’herbe am Rande des ersten Swiss Equity Sustainability Day in Zürich. 150 Millionen Kunden weltweitMikrofinanz ist immer noch eine Nische. Aber sie ist mit Krediten von insgesamt 50 Milliarden Dollar und 150 Millionen Kreditnehmern in Dutzenden Ländern auch kein Zwerg mehr. Inzwischen gibt es 10000 Institutionen wie Banken oder Kreditbüros. Zur weltweiten Anerkennung hat der Friedensnobelpreis beigetragen, der 2006 an Mohammad Yunus und seine Grameen Bank in Bangladesch verliehen wurde. Dieser Anerkennung gingen drei Jahrzehnte Aufbauarbeit voraus. Zu den Vorreiterinnen gehörte die Zürcher Unternehmerin Rosmarie Michel, einst Verwaltungsrätin der Credit Suisse. Als Präsidentin der International Federation of Business and Professional Women habe sie gesehen, was nötig wäre, damit Frauen in Entwicklungsländern unternehmerisch tätig werden könnten, sagt Michel. "Dazu brauchte es vor allem den Zugang zu Krediten und Know-How, aber auch zu Versicherungen. Das war ein ganzes Paket, das wir zusammenstellen mussten." Vier versierte Bankfachfrauen gründeten 1969 Women’s World Banking und Rosmarie Michel stiess drei Jahre später dazu. Eine Stiftung nach niederländischem Recht mit Sitz in New York wurde gegründet, und der niederländische Staat stellte das Startkapital zur Verfügung. Vom Büro in New York aus wurden die Märkte erkundet, zuerst in Afrika, später in Südamerika und Asien. Im selben Zeitraum begann auch Professor Yunus, Mikrokredite zu entleihen. Niedrige AusfallrateDas Grundprinzip war stets gleich: Kleinstunternehmer (häufiger Kleinstunternehmerinnen) brauchten oft nur 50 Dollar, um ein Geschäft aufzubauen. Die Infrastruktur der Geschäftsbanken entsprach nicht den Bedürfnissen von Mikrokredit-Nehmern. Grameen Bank wurde nach dem Kundensegment von Mikrokrediten ausgerichtet, und Women’s World Banking baute gemeinsam mit lokalen Gruppen ein Netzwerk auf, das mit Risikokapital und Know- How ausgerüstet wurde. Die ersten Erfahrungen waren gut. Vor allem Frauen nahmen die neuen Möglichkeiten wahr. "Mich beeindruckten die Beharrlichkeit, die Belastbarkeit, die Zähigkeit", erinnert sich Rosmarie Michel. "Und mich beeindruckte der innovative Geist." Kleine Läden oder Werkstätten, zusätzliche Nutzflächen oder Haustiere – die Kleinstunternehmerinnen waren erfinderisch, wenn es darum ging, Nischen zu finden. Und sie waren verlässlich. Die Ausfallrate der Kredite ist sehr tief. Krise ist angekommenVor gut einem Jahrzehnt wurde Mikrofinanz auch an den westlichen Finanzmärkten wahrgenommen. So begann 2001 eine Gruppe von Schweizer Investoren, unterstützt, von Schweizer Finanzinstitutionen wie der Credit Suisse und Raiffeisen Schweiz, eine gemeinsame Fondsgesellschaft aufzubauen. 2003 wurde daraus die responsAbility Social Investments AG. Heute gehört das Unternehmen zu den Grossen im Geschäft. Laut Mitgründer und Geschäftsführer Klaus Tischhäuser hat das Unternehmen 900 Millionen Dollar in über 60 Ländern investiert und hält Beteiligungen im Wert von weiteren 70 Millionen Dollar. Derzeit spürt auch die Mikrofinanz die Finanzkrise. So verzeichnete der responsAbility Global Microfinance Fund im September 2009 erstmals in seiner Geschichte eine negative Rendite, wenn auch nur von minus 0,33 Prozent. Laut Tischhauser geht sie auf Rückstellungen für politische Probleme in Nicaragua zurück. Aber darin spiegelt sich, dass die Krise die Entwicklungsländer erreicht hat. Die Folge: Einerseits steigen die Kreditausfälle. Laut Nannette Hechler-Fayd‘herbe hatten die säumigen Kredite im August einen Anteil von 4,78 Prozent. Das ist fast eine Verdopplung, bleibt aber immer noch eine tiefe Ausfallrate. Andererseits fehlen Fondsunternehmen wie responsAbility derzeit die Anlagemöglichkeiten, wie Tischhauser sagt. Krise tut dem Sektor gutDer Aufschwung der Mikrofinanz hat sich also abgeschwächt. Vor der Krise wuchsen die Aktiven von Mikrofinanzinstrumenten laut Hechler-Fayd’herbe bis zu 70 Prozent pro Jahr. Im ersten Halbjahr 2009 waren es noch 16 Prozent. ResponsAbility verzeichnet für das ganze Jahr 2009 gemäss Tischhauser immer noch eine positive Rendite. Es habe keine grossen Verluste gegeben. "Der Markt ist sehr robust geblieben." Für 2010 sieht er wieder moderate Wachstumsraten. Tischhauser begrüsst das. "Die Krise tut dem Sektor gut." Damit steht er nicht allein. Es sei gut, dass sich der Aufschwung verlangsame, meint Hechler-Fayd’herbe. "Mit dem Wachstum ist das Risiko gestiegen, dass die Qualität abnimmt." Jetzt müsse die Mikrofinanz die zweite Hürde nehmen. Es brauche neue Standards und ein Rating, das den Bedingungen der Mikrofinanz angepasst sei. Es werde aber auch eine Konsolidierung geben. "Diejenigen, deren operative Kosten zu hoch sind, kommen unter Druck." Von der Armutsbekämpfung zum MarktKlaus Tischhauser weist auch darauf hin, dass die Mikrofinanz ihren Betätigungskreis erweitert. Inzwischen werden in den Entwicklungsländern auch kleine und mittlere Unternehmen zu Kunden, Unternehmen also, die bisher vom Risikokapital ausgeschlossen waren. Mit responsAbility BOP Investments hat das Zürcher Anlageunternehmen bereits ein Produkt dafür im Angebot. Auf der Seite der Investoren steige zudem die Bereitschaft, höhere Risiken zu übernehmen. Mikrofinanz hat als Instrument zur Armutsbekämpfung begonnen. Es wird aber immer mehr zu einem Instrument, normale Bankgeschäfte in einem anderen Umfeld zu machen. Oder wie es Rosmarie Michel sagt: "Mikrofinanz ist Markt, nicht Entwicklungshilfe". Der Artikel ist zuerst im online-Magazin InFocus der Credit Suisse erschienen. Bild: United Nations Capital Development Fund Country programme: Hier in Nigeria (Adam Rogers).
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