Die Schweizer Stromversorger machen keinen Hehl daraus, dass sie für die Schweiz eine atomare Zukunft sehen. Vorerst, heisst es, denn die alternativen Energien hätten schlichtweg noch nicht das Potential, Versorgungssicherheit zu geben.
Eine Renaissance des Atomstroms hätte vor zehn Jahren noch kaum jemand vorausgesehen. Erst recht nicht, dass sie mit einem gesteigerten Umweltbewusstsein einhergehen wird. Doch die CO2-Diskussion um Abgaben und Beschränkungen machen Atomkraftwerke, wie sie gleich dreifach in der Schweiz in Planung sind, wieder salonfähig. Die Krise hält den Steigbügel. Dass auch die Bevölkerung früher oder später ihre Ablehnung aufgeben wird, das hoffen nicht zuletzt die Schweizer Stromversorger. Auch Bundesrat Leuenberger liess dergleichen auf dem Berner Stromkongress der Branche vom Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) verlauten. Er als Energieverantwortlicher werde nicht moderieren, welche zwei der drei geplanten Atomkraftwerke zu favorisieren seien. Und vielleicht sei das Stimmvolk Ende 2013 ja auch gewillt, allen dreien ihr Ja zu geben. Je nachdem, wie stark die aufklaffende Stromlücke ins Bewusstsein gelangt sei. Beobachter unterstellten Leuenberger eine Prise Ironie. Doch die Aussage steht. Auch, wenn Axpo-Chef Heinz Karrer und VSE-Präsident und BKW-Chef Kurz Rohrbach betonen, die Branche wolle sich für zwei Anlagen entscheiden. Mehr sei zur Deckung des Strombedarfs auch nicht nötig. Eine Frage der ZeitUnd so beschäftigen sich die Stromversorger kaum mehr mit der Frage, ob Atomkraft gefördert werde. Es geht fast ausschliesslich, um das Wann. Branchenvertreter wie Hans E. Schweickardt, Präsident der StromfirmenVereinigung Swisseletric und Alpiq-Verwaltungsratspräsident, kritisieren heftig die langwierigen amtlichen Prozeduren der Genehmigung. „Abzüglich notwendiger Verfahren verbleiben häufig immer noch 15 Jahre, deren Notwendigkeit nicht einzusehen ist“, sagt Schweickardt. Der Alpiq-Verwaltungsratspräsident selbst hat das Gesuch um das Atomkraftwerk in Gösgen laufen. Die Kollegen von Axpo und BKW haben Gesuche für Beznau und Mühleberg eingereicht. Drei Aspekte dominieren die Branche: Die zu erwartende Stromlücke, der Zwist um die CO2-Regulierung und die Versorgungssicherheit. Und auf alle drei Fragen scheint die Atomkraft für sie schlüssige Antworten zu geben. Die Versorgungssicherheit gewinnt gerade in bezug auf die EU wieder an Aktualität. Der Präsident der Eidgenössischen Elektrizitätskommission (ElCom) Carlo Schmid-Sutter sprach klare Worte: „Wir leben heute in einer anderen Welt. Seit dem dritten Liberalisierungspaket der EU wird die Sonderrolle der Schweiz nicht einfacher. Die Zeiten der Gentleman’s Agreements sind vorbei. Früher konnte noch privatrechtlich zusammengesessen werden, um Verträge auszuhandeln. Heute sind wir auf dem Zuhörerbänklein.“ Schweickardt wies zudem auf die Verweise im Lissabon-Vertrag auf eine Energie-Solidarität hin, die für die Schweiz nicht gelte. „Auf AKW können wir nicht verzichten“Energieexperten, von denen vor kurzem ausschliesslich brennende Reden für Solar-, Wind, und Wasserkraft zu hören waren, sind nun skeptischer. Wasser und Wind, so heisst es, hat Potential. Doch es sei noch nicht gross genug, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten. PricewaterhouseCoopers-Partner Philippe Girault sagt, die Schweiz befinde sich in guter Atomgesellschaft: „Nicht nur Finnland, Frankreich, Rumänien oder Slovakei sind positiver eingestellt. Auch in Belgien, Litauen und Italien dreht sich der Wind.“ Alessandro Miolo, Partner von Ernst & Young, gibt mögliche Gründe zur Hand. In der Krise hätten im Rahmen des Hypes um erneuerbare Energien viele Investoren einen zu hohen Preis gezahlt. „Die Hoffnungen waren zu hoch“, sagte er. Überhöhten Erwartungen gibt sich in der Schweiz auch die Politik nicht hin: CVP-Parteipräsident Christophe Darbellay fordert zwar wie alle die Unterstützung von alternativen Energiequellen, sagt jedoch „Auf AKW können wir nicht verzichten.“ Und wenn die Presse zur Seite steht, ist die Überzeugung des Stimmvolks vielleicht nicht mehr weit. Weltwoche-Chefredaktor Roger Köppel: „Aus Deutschland weiss ich, wieviel Geld unnütz in die Entwicklung der regenerativen Energien gegangen ist. Das ist nicht der richtige Weg.“ Ein anderer Weg wird mit Sicherheit frei, wenn gar Grünen-Vertreter wie Christian van Singer wie in Bern gegen solche Aussagen keine starken Geschütze auffahren. Bild: AKW Gösgen (Alpiq)
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