Rohbauten enthalten ein grosses Potential zur Steigerung der Ressourceneffizienz, sagt Hugo Meier, Geschäftsführer von Cobiax in Zug. Cobiax ist mit seiner Technologie ein Pionier. Nun hat es dafür den Umweltpreis erhalten, der an der Swissbau 2010 verliehen worden ist. Meier sieht Anzeichen, dass die Bauwirtschaft vermehrt auch im strukturellen Rohbau an Nachhaltigkeit und Klimaschutz denkt.
Steffen Klatt: Sie verringern den Betonanteil in Betondecken, indem Sie Plastikkugeln in der neutralen Zone einsetzen. Was bringt das? Hugo Meier: Wir wollen so viel wie möglich Beton weglassen bei gleichzeitigem Erhalt der vollen statischen Leistung und bei zweiachsiger Lastabtragung. Hohlkörperdecken hat es bereits seit vielen Jahren im Fertigteilbau gegeben. Sie spannen aber nur einachsig. Das heisst, sie liegen von einem Unterzug bis zum nächsten auf. Damit sind sie nicht vergleichbar mit einer herkömmlichen massiven Betondecke, die auf beiden Achsen Lasten abtragen. Unsere Hohlkörper sind keine Rohre, sondern Kugeln. Damit gibt es in alle Richtungen Betonstäbe, welche die Kraftübertragung gewährleisten. Steffen Klatt: Welchen Vorteil bieten Ihre Betondecken? Hugo Meier: Es bringt den Vorteil der Lastreduktion. Es braucht weniger Beton und weniger Bewehrung. Unsere Hohlkörper aus wiederverwertetem Kunststoff sind innen hohl. In der Rohbaustruktur sind die Decken die mit Abstand schwersten Bauteile. Wenn man in den Decken das Gewicht um 35 Prozent reduzieren kann, und um diese Grössenordnung geht es bei uns, hat das zur Folge, dass man die vertikalen Tragelemente – Wände, Stützen und das Fundament – leichter und damit ressourcenschonender bauen kann. Die Gewichtsreduktion in den Decken schlägt sich im gesamten Bauwerk nieder. Damit sinken die Materialkosten um zehn Prozent. Steffen Klatt: Bildet die Kostenreduktion Ihr entscheidendes Verkaufsargument? Hugo Meier: Die ökologische Nachhaltigkeit wird hier zu wirtschaftlicher Nachhaltigkeit. Gleichzeitig wird die Nutzerfreundlichkeit gesteigert: Es braucht weniger tragende Wände und weniger Stützen, die in der Raumnutzung hinderlich wirken. Das gilt nicht nur für die Erstnutzung, sondern auch für spätere Umnutzungen. Verwandte Themen| { Bauherren in der Pflicht, 12.01.10 } | | { Nachhaltig im eigenen Haus, 08.01.10 } | | { Eine Idee zum Dahinschmelzen, 06.01.10 } | | { Holz-Pionier baut hoch hinaus, 23.11.09 } | | { In nachhaltige Gebäude investieren, 12.11.09 } | | { Grüne Immobilien sind mehr wert, 05.10.09 } | | { Lehm erobert die Herzen, 13.08.09 } | | { Nachhaltigkeit exportieren, 06.08.09 } | | { Die Zukunft ist auf Lehm gebaut, 26.07.09 } | | { Der Königsweg der Sanierung, 08.06.09 } | | { Grüner Beton hält besser, 29.04.09 } | | { Ein Viertel kann gespart werden, 20.01.09 } |
Steffen Klatt: Ist die Decke teurer als eine herkömmliche Betondecke? Hugo Meier: Die Decke ist in etwa gleich teuer wie eine konventionelle Massivdecke. Das ist bereits beachtlich: Diese neue Technologie ist im Vergleich zu den alten Technologien nicht teurer. Die Einsparungen kommen aus den Folgewirkungen und liegen, wie gesagt, in den vertikalen Tragelementen und der Fundation. Es ist ein ganzheitlicher Planungsansatz erforderlich. Steffen Klatt: Für welche Anwendungen ist Ihre Decke geeignet? Hugo Meier: Eigentlich ist sie uneingeschränkt anwendbar. Aber die spezifischen Vorteile kommen stärker bei mehrgeschossigen Gebäuden zum Vorschein, sei es im Wohnbau oder in Bauten für die Industrie, das Gewerbe, die Verwaltung oder Spitäler. Je grösser ein Gebäude ist, desto mehr kommen die Vorteile unserer Decke zum Tragen. Steffen Klatt: Heisst dies umgekehrt, dass die Decke für Eigenheimbauer eher uninteressant ist? Hugo Meier: Im Premiumbereich ist es auch für Eigenheime interessant, dort, wo man die technischen Vorteile nutzen will, also die grossen Spannweiten, die grossen Räume. Steffen Klatt: Wo liegen Ihre Märkte der Zukunft? Hugo Meier: Grundsätzlich in den entwickelten Industrieländern und in den städtischen Gebieten. Wie oft bei neuen Technologien bauen wir den Markt zum Teil auch selbst auf. Steffen Klatt: Sie werben intensiv mit der Einsparung von Kohlendioxid dank Ihrer Decke. Zieht das Argument? Hugo Meier: Es findet immer mehr Beachtung. In der Kaufentscheidung wird es als ein nützlicher Zusatz mitgenommen. Aber die Kaufentscheidung wird kaum wegen der CO2-Einsparung getroffen. Vielleicht müssen wir das marketingmässig noch stärker aufgreifen- wir verfügen aktuell auch über eine ganzheitliche Lebenszyklusanalyse für das Cobiax Deckensystem. Steffen Klatt: Wie gross ist die Offenheit der Baubranche für das neue Produkt? Hugo Meier: Die Baubranche verhält sich eher traditionalistisch. Es gibt ein grosses Spannungsfeld zwischen Innovationsresistenz und Innovationsfreudigkeit. Das kommt jeweils sehr auf die beteiligten Personen an. Seit zwei Jahren gibt es aber eine Öffnung. Steffen Klatt: Woran stellen Sie das fest? Hugo Meier: Auf der Seite der Planer werden Differenzierungsmerkmale gegenüber den Wettbewerbern gesucht. Bei Architekten und Ingenieur Planern gibt es solche, die über den zunehmenden Preisdruck jammern. Und es gibt solche, die sich mit Innovationen differenzieren. Wir arbeiten daran, dass dies nicht nur eine Modeerscheinung bleibt. Steffen Klatt: Sie haben den Umweltpreis gewonnen, der am Dienstag an der Swissbau verliehen worden ist. Ist das ein Zeichen, dass die Schweizer Bauwirtschaft umdenkt? Hugo Meier: Das ist sehr zu hoffen. Die Hälfte des Energieverbrauchs weltweit kommt aus dem Gebäudebereich. Wenn man über den ganzen Lebenszyklus eines Gebäudes schaut, dann macht der Rohbau am Energieverbrauch etwa 40 Prozent aus… Steffen Klatt: Also 40 Prozent von 50 Prozent des globalen Energieverbrauchs? Hugo Meier: … genau. Dabei haben die Decken einen sehr grossen Anteil. Steffen Klatt: Liesse sich also bei der Decke mit verhältnismässig wenig Aufwand sehr viel erreichen? Hugo Meier: So ist es. Bisher ist der Rohbau eher stiefmütterlich behandelt worden, wenn es um die Schonung von Ressourcen ging. Viel stärker wurde auf Energieträger für die Gebäudekonditionierung, also Heizung, Lüftung, Klima, Beleuchtung geschaut. Da ist in den letzten Jahren sehr viel geschehen. In Zukunft wird der Rohbau auf der Suche nach Einsparungen stärker ins Zentrum rücken. Steffen Klatt: Schreiben Sie schwarze Zahlen? Hugo Meier: Wir schreiben 2009 erstmals schwarze Zahlen. Wir konnten auch 2009 weiter stark wachsen. Zwischen 2007 und 2009 haben wir unser Umsatzvolumen verdoppelt. Steffen Klatt: Wie haben Sie die Durststrecke bis 2009 überstanden? Hugo Meier: Mit einem sehr langfristig denkenden Hauptaktionär, der den Aufbau des Unternehmens und die Entwicklung der Technologie mit eigenen Mitteln finanziert und weder Quartalsergebnisse noch einzelne Jahresabschlüsse in den Vordergrund gestellt hat. Steffen Klatt: Wer ist das? Hugo Meier: Eine Privatperson, die nicht genannt werden möchte. Zur Person:
Hugo Meier ist Geschäftsführer und Partner der Cobiax AG in Zug. Das Unternehmen hat eine Technologie entwickelt, mit der das Gewicht von Betondecken um mehr als ein Drittel verringert werden kann. Dabei werden Plastikhohlkörper in Kugel- oder Torusform in die Betondecke integriert. Damit wird auch der Ausstoss von Kohlendioxid substanziell verringert. Zu den grossen Bauten, in denen die Betondecken eingebaut worden sind, gehören unter anderen das UKBB Universitätskinderspital beider Basel, das neue Uefa-Gebäude in Nyon, die Elbphilharmonie in Hamburg, die Designschule Zollverein in Essen und das Nationalstadion in Warschau. Die Cobiax Technologie und Produkte verfügt seit Dezember 2009 über die allgemeine bauaufsichtliche Zulassung der obersten deutschen Zulassungsbehörde für Bauarten und Bauprodukte, dem DIBt Deutsches Institut für Bautechnik. Cobiax hat den Umweltpreis Schweiz der Stiftung Pro Aqua-Pro Vita erhalten, der am Dienstag an der Swissbau verliehen worden ist. Der Preis ist mit 50000 Franken einer der bestdotierten Umweltpreise der Schweiz.
|