Kämpfen für eine bessere Welt

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Geschrieben von: Claudia Kohlus, Berlin 11.01.10
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Hanna Poddig möchte auf Missstände aufmerksam machen. Dafür wählt sie einen  ungewöhnlichen Weg, den sie in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Radikal mutig“ beschreibt. Offen berichtet sie dort über ihren Aktivismus. „Ich möchte  Menschen dazu bringen, sich für das, was sie tun, bewusst zu entscheiden“, sagt Hanna Poddig.  Ihre Ansichten wurden bereits in verschiedenen deutschen Fernsehnstalten wie WDR, rbb, ARD und Zeitungen wie „Frankfurter Rundschau“ und „taz“ vorgestellt – und zum Teil kontrovers diskutiert. Die 24-Jährige glaubt daran, dass jeder die Welt verändern kann, wenn er bei sich selbst den Anfang macht.

Claudia Kohlus: Frau Poddig, Sie nennen sich selbst Vollzeitaktivistin. Was verstehen Sie darunter?

Hanna Poddig: Mit dem Begriff möchte ich verdeutlichen, dass ich Widerstand nicht als Hobby begreife und nebenbei betreibe, sondern mich in meinem Leben vor allem damit beschäftige, wie ich die Welt ein wenig schöner machen könnte. Ich bemühe mich also nicht nur zu bestimmten Anlässen Dinge in Frage zu stellen, sondern immer dann, wenn mir Umweltzerstörung, Rassismus, Sexismus, Homophobie oder Herrschaft begegnen, dagegen aktiv zu werden.

 

Claudia Kohlus: Sie sind eine engagierte Globalisierungskritikerin, Rüstungs- und Militarismusgegnerin. Ausserdem waren Sie fünf Jahre bei der Umweltorganisation Robin Wood aktiv. Woher kommt Ihr Kampfgeist?

Hanna Poddig: Wenn ich in meinem Leben auf Situationen oder Abläufe treffe, die mich stören, dann möchte ich nicht still weggucken. Ich habe dann das Bedürfnis, etwas dagegen zu unternehmen. Es würde mich belasten, dagegen nicht zu kämpfen. Ich möchte abends mit dem guten Gefühl schlafen gehen, es wenigstens versucht zu haben, dem ganzen Wahnsinn in dieser Welt etwas entgegenzusetzen.

Claudia Kohlus: Sie haben ein Buch geschrieben, das vor Kurzem im Rotbuch Verlag erschienen ist. Der Titel lautet "Radikal mutig". Es ist Ihre ganz persönliche "Anleitung zum Andersein", so auch der Untertitel des Buches. Wie kam es zu diesem Projekt?

Hanna Poddig: Im WDR lief eine Dokumentation über meine Art zu leben und über das Containern, also darüber, dass ich einen Grossteil meines Essens aus Mülltonnen hole. Ich habe über Lebensmittelvernichtung und Welthunger gesprochen und darüber berichtet, dass ich mein Leben mit kreativen Aktionen verbringe. Daraufhin nahm der Verlag Kontakt zu mir auf und fragte mich, ob ich darüber nicht ein Buch schreiben wollen würde. Ich fand das Angebot spannend und habe es als Chance begriffen, meine Gedanken weiteren Menschen mitzuteilen. Ich glaube, dass nur wenige Menschen das Glück haben, dass sie gebeten werden, Bücher zu schreiben. Die meisten Leute schreiben – und dann will niemand ihre Manuskripte. Ich hatte damit also sehr grosses Glück.

Claudia Kohlus: Sie sprechen das Containern an. Können Sie das noch etwas näher erklären?

Hanna Poddig: Containern bedeutet, dass ich Lebensmittel aus den Abfalltonnen von Lebensmittelmärkten hole und mich davon ernähre. Es wird sehr viel gutes Essen aus Profitgründen weggeworfen, z.B. weil das Etikett falsch aufgeklebt wurde. Ich finde Lebensmittelvernichtung fatal. Mir ermöglicht das Containern ein Leben ohne Lohnarbeit.

Claudia Kohlus: Wenn man ihr Buch liest, wird man zwangsläufig dazu angeregt, über seinen eigenen Lebenswandel nachzudenken. Möchten Sie die Leute bekehren?

Hanna Poddig: Ich halte das, was ich mache, für sinnvoll und freue mich, wenn Menschen anfangen, ihre eigenen Verhaltensweisen zu überdenken. Ich möchte nicht missionieren, sondern würde mich freuen, wenn Menschen sich für das, was sie tun, bewusst entscheiden. Ich bin nicht harmoniesüchtig, sondern streite mich auch gerne mit Menschen. Mir geht es darum, dass Menschen Position beziehen und sich ihrer Verantwortung bewusst werden. Ich habe nun schon ein paar Mal gehört, dass Menschen nach dem Lesen meines Buches ein schlechtes Gewissen hatten. Das ist nicht Ziel des Buches, aber vielleicht ist es bei manchen ein Anfang, das eigene Verhalten kritisch zu reflektieren.

Claudia Kohlus: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie "kein besonders großer Fan der aktuellen Klimadiskussion" sind und dass es eben nicht ausreicht, "Werbung für Windräder zu machen und statt des Fliegens zu jedem zehnten Meeting mal die Bahn zu nehmen". Hier scheuen Sie sich auch nicht, die immer mehr in Mode kommenden lohas (lifestyle of health and sustainability) zu kritisieren ebenso wie Al Gore, der sich in Ihren Augen als Retter der Welt inszeniert und dabei verschweigt, "dass eine ernst gemeinte ökologische Perspektive immer auch die Abkehr von einem System beinhalten muss, das auf ewiges Wachstum setzt." Wie sieht Ihr idealer Weg aus?

Hanna Poddig: Ich halte es für wichtig, in den Kämpfen für eine schönere Welt, Grundgedanken wie Emanzipation und Befreiung von Herrschaft mitzudenken. Das bedeutet für mich eine radikale Abkehr von Prinzipien wie Wachstum und Konkurrenz. Ich appelliere nicht an die Politik, sondern werde selber aktiv. Wie das dann genau aussieht, mag ich Leuten nicht vorschreiben. Menschen sind verschieden – und das ist auch gut so. Von meiner Utopie kann ich daher auch nur ein abstraktes Bild zeichnen, denn ich möchte nicht über die Köpfe anderer Menschen hinweg etwas vermeintlich für diese Menschen entscheiden, sondern gemeinsam an Perspektiven und einer schöneren Zukunft arbeiten. Konkret kann das bedeuten, dass Menschen wieder anfangen, Gemüse selber anzubauen, dass sie Stadtteilkooperativen einrichten oder Kohlekraftwerksbaustellen besetzen. Das kann und will ich aber nicht vorschreiben.

Claudia Kohlus: Der Klimagipfel in Kopenhagen ist mit einem äusserst enttäuschenden Ergebnis zu Ende gegangen, wenn man überhaupt von einem Ergebnis sprechen kann. Waren Sie in Kopenhagen vor Ort?

Hanna Poddig: Ich war nicht in Kopenhagen. Neben anderen Terminen war ein Argument für mich, dort nicht hinzufahren, das Gefühl, dass die vielen Protestierenden dort nur zu einem kleinen Teil tatsächlich etwas Ähnliches fordern, wie ich es mir wünsche. Daher hätte ich wahrscheinlich viel Zeit damit verbringen müssen, Menschen zu erklären, warum ich nicht an die Politik appellieren will. Ein gutes Beispiel für eine Aktion, die mir absolut nicht gefiel, ist eine Greenpeace Aktion, bei der auf einem Transparent stand "Politicians talk - leaders act". Greenpeace bezieht sich hier explizit positiv auf das Beherrschtwerden durch Politiker. Etwas gemein, aber eben enttarnend übersetzt, heisst dieser Spruch: Politiker reden nur, Führer handeln. Ich wünsche mir aber eine Welt ohne Führer und Herrschaft. Der Eindruck, der bei mir wohl im Gedächtnis bleiben wird, sind die fast 2000 festgenommenen Menschen, von denen ein Grossteil ohne Tatvorwurf präventiv festgenommen wurde. Ich halte das für sehr beängstigend und finde es fatal, dass es keinen Aufschrei gibt, wenn Menschen aufgrund ihrer Meinung eingesperrt werden, ohne dass ihnen irgendetwas vorgeworfen wird.

Claudia Kohlus: War dieser Misserfolg von Kopenhagen Ihrer Meinung nach vorherzusehen?

Hanna Poddig: Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Resultat für ein Desaster halte. Das Resultat ist zumindest eines, auf dem sich kein Mensch ausruhen kann. Niemand kann sagen "die Politik kümmert sich da schon drum – ich muss nichts ändern". Vielleicht ist das offensichtliche Scheitern der Politik Anstoss für Menschen nachzudenken, ob die internationale Politik Teil der Lösung, oder nicht vielmehr Teil des Problems ist.

Claudia Kohlus: In Ihrem Buch beschreiben Sie Ihren Aktivismus. Sie besetzen Genfelder, blockieren Militärbasen und ketten sich an Gleise, um etwa einen Bundeswehrzug zu stoppen. Der Zug war auf dem Weg zu einem Übungsmanöver an die polnische Grenze. Haben Sie bei solchen Aktionen Angst?


Hanna Poddig: Bei manchen Aktionen habe ich keine Angst, weil sie Routine geworden sind. Dazu gehören z.B. Kreidemalereien und das Aufhängen von Transparenten an Fahnenmasten. Aber natürlich bereite ich mich auf Ankettaktionen nicht nur technisch, sondern auch psychisch vor. Ich beschäftige mich mit den möglichen Gefahren. Wenn ich zu grosse Angst hätte, würde ich es nicht machen. Es ist wichtig, dass ich mich mit den Aktionen wohl fühle und in jedem Moment souverän agieren kann.

Claudia Kohlus: Für Ihre konsequente und radikale Meinung müssen Sie auch immer wieder herbe Kritik einstecken. So zum Beispiel erst kürzlich in der Talkshow "Menschen bei Maischberger" in der ARD zum Thema "Schluss mit der Heuchelei: Gier macht glücklich!". Sie haben dort für eine Welt ohne Geld, Reichtum und das ständige Streben nach Wachstum plädiert. Bei den meisten Gästen sind Sie damit nicht auf Zustimmung gestossen. Roger Köppel, Schweizer Verleger und Chefredakteur der Weltwoche, hat Sie "sehr naiv" genannt. Wie gehen Sie mit Kritik um?

Hanna Poddig: Es kommt immer darauf an, wie Kritik geäussert wird und ob ich eine Diskussionsgrundlage sehe. Ich diskutiere gerne, aber eben nur, wenn ich das Gefühl habe, dass mein Gegenüber bereit ist, die eigene Position in Frage zu stellen – und ausserdem respektvoll mit mir umgeht. Herr Köppel meinte, der Kampf um Emanzipation würde in totalitären Regimes enden. Offensichtlich ist er also nicht in der Lage,  Alternativen zum jetzigen, menschenverachtenden System überhaupt in Gedanken zuzulassen. Solche Aussagen enttarnen sich weitgehend selbst. Das muss ich gar nicht kommentieren. Insgesamt führt meine mediale Präsenz dazu, dass ich auch Mails mit sehr vernichtender Kritik bekomme. Die beantworte ich nur zum Teil, weil es in einigen Mails ganz offensichtlich nur darum geht, zu pöbeln. Kritische Diskussionen führe ich aber gerne .

Claudia Kohlus:Ein Bild in Ihrem Buch zeigt Sie mit einem Transparent, auf dem "Warnung: Politisches Engagement kann zu Repressionen führen!" steht. Und in der Tat: Ihr Einsatz beim Aufhalten des Bundeswehrzuges im Februar 2008 hatte juristische Folgen. Sie mussten sich Anfang Dezember 2009 vor dem Amtsgericht Husum wegen "Nötigung" und "Störung öffentlicher Betriebe" verantworten. Wie ist hier der derzeitige Stand?

Hanna Poddig: Es gab viele Solidaritätsaktionen rund um den Prozess: Adbusting (also die subversive Veränderung von Werbung), Strassentheater, Kletteraktionen, Kreidemalerei. Das hat mir schon viel Kraft gegeben, selbstbewusst in den Prozess zu gehen und mich nicht von diesem Apparat einschüchtern zu lassen. Das Verfahren wurde nach fünf Stunden vorerst vertagt, nachdem ich einen Befangenheitsantrag gegen den Richter gestellt habe. Der Prozess gegen mich und wohl auch gegen die anderen an der Aktion Beteiligten, wird nun im nächsten Jahr stattfinden. Wir werden auch die weiteren Prozesstage wieder mit Aktionen begleiten.

Claudia Kohlus: Verzweifeln Sie eigentlich manchmal an der Welt?

Hanna Poddig: Klaro, wer tut das nicht? Aber gerade deswegen ist es richtig, aus der Wut auf die Verhältnisse, Kraft für Widerstand zu ziehen. Ich habe also ein egoistisches Interesse an einer besseren Welt und werde deswegen weiterhin dafür kämpfen.

Claudia Kohlus: Hört sich radikal an.

Hanna Poddig: Ein paar meiner bisherigen Antworten sind wohl sehr kämpferisch, dabei bin ich gar nicht immer die starke Heldin. Ich will so auch nicht erscheinen. Auch ich habe meine Schwächen. Und ich brauche natürlich ein funktionierendes soziales Umfeld. Es gibt Tage, an denen ich alles scheisse finde – dann gönne ich mir einen Sojamilchkaffee und lese ein gutes Buch.



Zur Person: 

Hanna Poddig, geboren 1985,  ist Vollzeitaktivistin und lebt in Berlin. Fünf Jahre war sie bei der Umweltorganisation Robin Wood aktiv. Als engagierte Globalisierungskritikerin, Rüstungs- und Militarismusgegnerin hat sie ihre Ideen und Ansichten bei vielen Kongressen, Camps, Tagungen, aber auch in Fernseh- und Printmedien vorgestellt. Ihr Buch „Radikal mutig“ ist vor Kurzem im Rotbuch Verlag erschienen.




Foto: Simone Uthleb/Rotbuch Verlag

 

 

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