Immer mehr Unternehmen sind sich bewusst: Für ein gesundes Wachstum braucht es eine dreidimensionale Wertschöpfung, die auf wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Aspekten basiert. Doch Wunsch und Realität klaffen auseinander, sagt Rolf Wüstenhagen. Am Institut für Wirtschaft und Ökologie der Universität St. Gallen (IWÖ-HSG) beobachten Experten seit Jahren die Entwicklungen im Bereich Nachhaltigkeit in der Wirtschaft.
Beatrice Fankhauser:Der Klimagipfel ist Vergangenheit. Welchen Platz nimmt die Ökologie in der Wirtschaft ein? Rolf Wüstenhagen: Auffällig sind zwei widersprüchliche Tendenzen: Auf der einen Seite gibt es Unternehmen, die sich den Herausforderungen der Ökologie stellen. Sie sehen darin nicht nur Chancen für die Zukunft, sondern suchen aktiv nach Lösungen für ein nachhaltiges Geschäftsmodell. Auf der andern Seite gibt es Firmen, die im Angesicht der Wirtschaftskrise wieder zu alten Rezepten greifen. Es ist klar, wenn ein Unternehmen ums Überleben kämpfen muss, ist es schwer, grosse ökologische Investitionen zu tätigen. Aber es gibt auch Betriebe, die nicht ums Überleben kämpfen und die trotzdem von der Krise profitiert haben, um die Ökologie als Ballast über Bord zu werfen. Verwandte Themen| { Kampf um Windmühlen, 29.12.09 } | | { Erneuerbare Energien gewinnen, 11.12.09 } | | { Windkraft lernt schwimmen, 02.10.09 } | | { Gegenwind in Grossbritannien, 20.08.09 } | | { Windstille im Land der Winde, 14.08.09 } | | { Kein Windpark auf den Rockies, 30.07.09 } | | { Spanien bei Wüstenstrom schneller, 13.07.09 } | | { Erneuerbare brauchen Google, 22.06.09 } | | { 400 Milliarden für ein Sonnenbad, 16.06.09 } | | { Der Energiemix der Zukunft, 08.06.09 } | | { Wales vor grüner Revolution, 04.06.09 } | | { Energie bestimmt globale Zukunft, 01.05.09 } | | { Erneuerbare verkannt, 26.03.09 } | | { Energiefrühling in St. Gallen, 12.03.09 } | | { Grüner Genuss, 02.03.09 } | | { Erneuerbare in der Welt durchsetzen, 23.01.09 } |
Beatrice Fankhauser:Das Engagement im Bereich Ökologie ist bei den Unternehmen sehr unterschiedlich und reicht von offensiven Praktiken wie bei Mobility CarSharing, wo die Nachhaltigkeit zum Geschäftsmodell gehört, über defensive Strategien – man macht im Bereich Ökologie nur grad das, was halt nötig ist – bis zu reinen Lippenbekenntnissen. Ökologie als Eigenwerbung, kann das funktionieren? Rolf Wüstenhagen:Den Imageaspekt betrachte ich als legitim. Für ein Unternehmen kann das ein erster Schritt sein, sich mit der Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen. Doch langfristig ist purer Imagegedanke nicht förderlich, denn irgendwann glaubt der Kunde den Versprechungen nicht mehr. Nachhaltig sind diejenigen Unternehmen erfolgreich, die Ökologie ins Kerngeschäft integrieren, indem sie beispielsweise durch energieeffiziente Produkte einen Mehrwert für den Kunden schaffen. Ich denke da etwa an GE, General Electric, dessen CEO Jeffrey Immelt bei der Lancierung der Ecomagination-Kampagne mit der Aussage „Green is green“ für Aufsehen sorgte: Was gut ist für die Umwelt, ist auch gut für die Rendite von GE und seinen Kunden. Eine solche Sichtweise führt logischerweise zu mehr Dynamik, als wenn man Nachhaltigkeit und wirtschaftlichen Erfolg als Widerspruch auffasst. Beatrice Fankhauser:Gibt es ein Rezept, damit Nachhaltigkeitsmanagement nicht nur Ballast ist, sondern sich auch wirtschaftlich lohnt? Rolf Wüstenhagen:Unternehmerische Nachhaltigkeitsstrategien sind oft dann erfolgreich, wenn es gelingt, die richtige Marktnische zu identifizieren und sich auf eine gute Idee mit hohem Wachstumspotenzial zu fokussieren. Wie etwa Stadler Rail, die sich auf die Herstellung von Regionalzügen spezialisiert haben, oder die Meyer Burger Technology Group, die zu den führenden Unternehmen in der Forschung und Entwicklung von Trenntechnologien für die Solar-, Halbleiter- und Optik-Industrie zählen. Beide Betriebe haben in einer Nische angefangen, die grosse Firmen nicht als wirtschaftlich betrachtet haben. Ihnen ist es gelungen, diese Sektoren erfolgreich zu besetzen und sich international zu entwickeln. Ein wichtiger Aspekt dabei: Beide Unternehmen sind in Märkten tätig, die von der Politik getrieben werden. Dies zeigt, welchen Einfluss die Politik auf die Nachhaltigkeit in Unternehmen hat. Rahmen Forum Erfolgreich wachsen mit Sonne, Wind & Co Wie können Unternehmen sich erfolgreich für die Zukunft rüsten? Zu diesem Thema organisiert die Universität St. Gallen, unter der Leitung von Prof. Rolf Wüstenhagen, das Forum für Management erneuerbarer Energien. Wann / Wo: 11./12. März 2010, Einstein Congress Hotel, St. Gallen Weitere Informationen: www.iwoe.unisg.ch Das hat gerade der UN-Klimagipfel in Kopenhagen vor Augen geführt. Gastgeber Dänemark nimmt eine Vorreiterrolle ein bei der Klimadiskussion und hat einige ökologische Erfolgsgeschichten vorzuweisen. Im Vergleich dazu scheint die Schweiz nicht sehr aktiv. Tatsächlich scheint die Dynamik, die in den letzten Jahren in vielen Ländern herrschte, erst langsam auf die Schweiz überzugreifen. Ein Grund ist die Politik. Die Schweiz ist traditionell ein schlanker Staat und es herrscht die Meinung vor, wenn es ohne Staat geht, dann lieber ohne. Bei den erneuerbaren Energien hingegen hat sich gezeigt, dass jene Länder ein starkes Wachstum vorweisen, wo die Regierung entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen hat. Die EU etwa hat Vorgaben gemacht, die einige Länder dazu motiviert haben, sich vermehrt mit erneuerbaren Energien auseinanderzusetzen. Wobei lokale Lösungen eine wichtige Rolle spielen: Die Dänen fokussieren auf Windenergie, die Portugiesen fördern die Wellenenergie, währenddem man in Spanien auf die Solarenergie setzt. Dagegen fällt auf, dass Länder mit einem hohen Anteil Kernenergie, wie etwa Frankreich, Schweden und auch die Schweiz, einen Rückstand auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien haben. Beatrice Fankhauser:Wo liegen die nachhaltigen Ressourcen in der Schweiz? Rolf Wüstenhagen:Es gibt nicht die eine Energietechnologie für morgen, sondern die Zukunft wird von einem Portfolio verschiedener Ressourcen gekennzeichnet sein. Grosse Hoffnungen liegen in der Geothermie, der Solarenergie und bei der Biomasse. Die Wasserkraft ist im Moment der wichtigste erneuerbare Energieträger in der Schweiz, bei dem unter Berücksichtigung ökologischer Bedürfnisse in Zukunft noch gewisse Potenziale bestehen. Auch für die Windenergie gibt es einige gute Standorte. Bis anhin wurde sie in der Schweiz nicht sehr entwickelt, erst seit einiger Zeit gibt es neue Projekte wie etwa der Windpark der ADEV Windkraft AG im jurassischen Saint Brais. Ebenso sind fast alle grossen Energieversorger derzeit auf der Suche nach Standorten für Windparks. Beatrice Fankhauser:Das klingt vielversprechend. Welchen Einfluss wird die Nachhaltigkeit in Zukunft auf die Wirtschaft nehmen? Rolf Wüstenhagen:In gewisser Weise habe ich viel Vertrauen in den Klimawandel, in dem Sinne, dass die vom Menschen verursachten Klimaveränderungen uns ganz gewiss über die nächsten Jahrzehnte erhalten bleiben. Ich denke, die Diskussionen darüber werden die Entwicklungen im Bereich erneuerbarer Energien beschleunigen. Doch ein wesentlicher Aspekt des Problems bleibt erhalten: in manchen etablierten Unternehmen und Wirtschaftsverbänden findet ein Umdenken erst sehr langsam statt. Und die zunehmende Sichtbarkeit der Krise führt nicht etwa zu einer Beschleunigung dieses Prozesses, sondern eher noch zu einer Verfestigung der Positionen. Aber warum sollte man die Lösung des Problems auch von den Vertretern des Status Quo erwarten: Typischerweise kommen gerade ökologische Innovationen vielmals von kleineren Firmen, Startups oder Quereinsteigern. Zur Person: Rolf Wüstenhagen hat den Lehrstuhl für das Management erneuerbare Energien an die Universität St. Gallen inne. Dieser erste Lehrstuhl zu diesem Thema an einer führenden europäischen Wirtschaftsuniversität wird von Good Energies finanziert, einer der grössten Beteiligungsgesellschaften im Bereich der erneuerbaren Energien. Der Direktor des Instituts für Wirtschaft und Ökologie an der Universität St. Gallen ist Experte im Bereich des Energie- und Nachhaltigkeitsmanagements. Er war Gastprofessor an der Universität von British Columbia in Vancouver und an der Copenhagen Business School. Wüstenhagen ist Mitglied der Eidgenössischen Energieforschungskommission und einer der Leitautoren des Sonderberichts zum Beitrag erneuerbarer Energien zum Klimaschutz, der derzeit vom Weltklimarat erarbeitet wird.
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