Die UNO hat 2010 zum Jahr der Biodiversität ausgerufen. Dabei geht es um mehr als Umweltschutz: Die Natur stellt kostenlose ökologische Dienstleistungen zur Verfügung. Sie sind zum Überleben der Menschen wichtig. Lange Zeit wurde angenommen, dass diese Dienstleistungen gratis und unerschöpflich sind. Inzwischen aber hat man erkannt, dass dem nicht so ist.
In den letzten 50 Jahren haben die Menschen die Ökosysteme schneller und umfangreicher verändert als jemals zuvor in vergleichbaren Zeiträumen der Menschheitsgeschichte. Der Grund war vor allem die schnell wachsende Nachfrage nach Energie, Nahrung, Wasser, Holz und anderen Rohstoffen. Dass dabei die Ökosysteme häufig stark beeinträchtigt und teilweise sogar zerstört wurden, nahm man billigend in Kauf, solange der wirtschaftliche Wohlstand sich als heiligendes Argument ins Feld führen liess. Viel zu lange wurde übersehen, dass die Veränderungen von Ökosystemen auch ganz konkrete gesundheitliche und wirtschaftliche Verluste bedeuten können. Weinberg liefert mehr als nur TraubenGretchen Daily, Professorin für Biologie an der amerikanischen Universität Stanford, hat 1997 die Dienstleistungen der Ökosysteme als Güter und Leistungen definiert, die dem Menschen durch das Ökosystem bereitgestellt werden. Zwischen 2001 und 205 haben mehr als 1360 Experten weltweit die Folgen des Wandels der Ökosysteme für den Wohlstand der Menschheit untersucht. Gemäss diesem „Millennium Ecosystem Assessment“ lassen sich die Dienstleistungen der Natur in mehrere Kategorien einteilen. Diese lassen sich am Beispiel eines Weinbergs darstellen. Am sichtbarsten sind die Versorgungsleistungen: Das Ökosystem Weinberg etwa liefert neben den Trauben auch Brennholz. Gleichzeitig reguliert die Natur sich selbst: Im Weinberg tragen Kultur- und Wildpflanzen zur Stabilisierung des Standortklimas und des Wasserhaushaltes sowie zur Reinigung von Luft und Wasser bei. Drittens stellt die Natur Kulturleistungen zur Verfügung: Ein Weinberg hat einen hohen kulturellen und ästhetischen Wert. Schliesslich laufen in der Natur Prozesse, die andere Ökosystemdienstleistungen aufrechterhalten. Dazu gehören die Photosynthese, Bodenbildung und Bestäubung. In Klimahandel einbeziehen Das Delinat-Institut erarbeitet derzeit Modelle zur Berechnung ökologischer Dienstleistungen im Wein- und Obstbau, was in einem zweiten Schritt auf die allgemeine Landwirtschaft übertragen werden soll. Das DI ist des Weiteren engagiert, die Direktzahlungen für die Landwirtschaft künftig an ein System ökologischer Dienstleistungen zu binden. Das Institut plädiert zudem dafür, von Beginn an Klimazertifikate für die Landwirtschaft durch viel umfassendere Zertifikate für ökologische Dienstleistungen zu ersetzen. (hps) Bindung an die Natur vergessenDurch die Zerstörung von Lebensraum, durch Erosion und Klimawandel werden Ökosysteme destabilisiert. Damit kann die Natur zahlreiche wichtige ökologische Dienstleistungen, die sie der Menschheit quasi unbemerkt zur Verfügung stellen, nicht mehr aufrechterhalten. Landwirtschaft, Verkehr, Energieverbrauch und Infrastrukturentwicklung tragen zu dieser Zerstörung massgebend bei. Ein Grund für die ungehemmte Übernutzung der natürlichen Ressourcen besteht nicht zuletzt darin, dass der Wert von Ökosystemen und ihren Dienstleistungen lange Zeit übersehen wurde. Der moderne Mensch hat vergessen, wie existenziell er mit seiner Umwelt verbunden ist. Lange Zeit schien er zu glauben, dass er in gewisser Weise unabhängig von unserer Umwelt existieren und die natürlichen Systeme verändern könne, ohne unter den nachfolgenden Auswirkungen leiden zu müssen. Natur liefert doppelt so viel wie der MenschDie Wahrnehmung der Dienstleistungen von Ökosystemen wird dadurch erschwert, dass sie sich kaum in ökonomischen Kategorien fassen lassen. Für die meisten von der Natur erbrachten Leistungen existiert kein Markt. Eine Forschergruppe um den amerikanischen Umweltökonomen Robert Costanza wagte vor zehn Jahren den Versuch, den Gesamtwert der Ökosystemdienstleistungen und -güter zu schätzen: Ihre Schätzung belief sich auf 33 Billionen US-Dollar pro Jahr, während das weltweite Bruttosozialprodukt zum Zeitpunkt der Studie etwa 18 Billionen US-Dollar pro Jahr betrug. Verwandte Themen| { Im Wald liegt die Zukunft , 18.12.09 } | | { Guter Wein dank Klimawandel, 04.12.09 } | | { Kampf dem Artenschmuggel, 26.10.09 } | | { Grünes Palmöl aus China, 20.07.09 } | | { Mit Bäumen gegen Klimawandel, 29.06.09 } | | { Der Bauernhof im Hochhaus, 26.05.09 } | | { Reis soll in den Himmel wachsen, 26.05.09 } | | { Klimawandel im Wald sichtbar, 06.05.09 } | | { Bienenvölker akut bedroht, 30.04.09 } | | { Mehr Wildnis, 01.04.09 } | | { Reis für die Welt, 26.02.09 } |
Eine andere Studie: „The Economics of Ecology and Biodiversity (TEEB)” macht darauf aufmerksam, dass die Kosten, die bei Unterlassen des Schutzes der Biodiversität anfallen würden, sich bis zum Jahr 2050 auf 14 Billionen US-Dollar (bezogen auf das Basisjahr 2000) belaufen würden. Konzerne engagieren sichWird nicht gehandelt, um die Biodiversität zu schützen, werden die Kosten also bald untragbar hoch sein. Neben der Notwendigkeit, genauere Kenntnisse über den Zustand der Umwelt, ihre Dienstleistungen und deren Bedeutung für die Gesellschaft zu gewinnen, muss der Wert von Biodiversität auch ökonomisch greifbar gemacht werden. Nur so kann Naturschutz effektiv in das bestehende Wirtschaftssystem integriert werden. Wie das möglich ist, zeigt das Business and Biodiversity Offset Programme. An diesem Programm beteiligen sich das UN-Umweltprogramm ebenso wie die US-Entwicklungshilfebehörde USAID und Rohstoffkonzerne wie Rio Tinto und Shell. Es erlaubt international tätigen Firmen, Schäden an Biodiversität und Ökosystemen, die durch ihre Geschäftstätigkeit entstehen, freiwillig und in unmittelbarer Nähe des Schadens zu kompensieren. Allerdings ist wegen der Komplexität von Wertschöpfungsketten der genaue Ort des Schadens häufig nicht bekannt und aufgrund der Komplexität von natürlichen Prozessen ist es oft schwierig, die Dienstleistungen von Ökosystemen genauer zu quantifizieren. Umso mehr gilt es, möglichst rasch praktikable Modelle zur Evaluierung ökologischer Dienstleistungen zu entwickeln und diese zügig in die landwirtschaftliche Praxis umzusetzen. Bild: Schmetterling an Weintrauben (Delinat-Institut)
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