Die Photovoltaik gilt als eine der teuersten erneuerbaren Energien. Zu Unrecht, sagt Adel El Gammal. Bereits in zwei Jahren werde sie in Italien konkurrenzfähig sein, bis 2020 im grösseren Teil Europas. Die Photovoltaik habe auch gegenüber anderen erneuerbaren Energien erhebliche Vorteile: Sie kann dezentral eingesetzt und in Gebäude integriert werden.
Steffen Klatt: Sie sagen, dass Photovoltaik eine wichtige Energiequelle sein wird. Warum? Adel El Gammal: Es gibt mehrere Gründe. Der eine ist die massive Verfügbarkeit: Die Sonne strahlt 2000 Mal so viel Energie auf die Erde, wie die Menschheit verbraucht. Bei anderen erneuerbaren Energien ist diese Verfügbarkeit viel niedriger. Der andere Grund: Es gibt keine materielle Begrenzung. Das wichtigste Material ist Silicon, das zweithäufigste Material der Welt. Es gibt auch keine Umweltbeschränkung. Denn Photovoltaik kann fast überall integriert werden. Es gibt schliesslich auch keine industrielle Beschränkung. Im vergangenen Jahr hat die Industrie installierte 4,7 Gigawatt/peak produziert. Das ist gewaltig. Photovoltaik kann ausserdem völlig dezentral verwendet werden. Sie kann mühelos in eine städtische Umgebung integriert werden. Das ist die Zukunft, denn der grösste Teil der Menschheit wird in Städten leben. Steffen Klatt: Bisher aber ist die Photovoltaik im Vergleich zu anderen erneuerbaren Energien sehr teuer… Adel El Gammal: Es ist immer noch eine teure erneuerbare Energie. Aber die potentielle Kostenersparnis ist gross. Wenn Sie die zu erwartenden starken Preissenkungen der Industrie in Rechnung stellen, dann wird die Photovoltaik bis 2020 hochgradig wettbewerbsfähig werden. Unsere Schätzung hat ergeben, dass die Photovoltaik bis dahin auf 76 Prozent des europäischen Marktes wettbewerbsfähig sein kann. Allein im vergangenen Jahr sind die Preise um 30 Prozent gesunken. Wir sind erst am Anfang des Grösseneffekts, der die Preise nach unten treiben wird. Verwandte Themen| { Asien entdeckt die Sonne, 23.11.09 } | | { Solarbranche spürt den Frühling, 23.09.09 } | | { US-Photovoltaik boomt, 22.09.09 } | | { Amerika hat Lust auf Sonne, 21.09.09 } | | { Obamas Oma für Solarstrom, 20.08.09 } | | { Bald wird Sonne getankt!, 24.07.09 } | | { Afrikas Sonne lacht für Europa, 10.07.09 } | | { Amerika zapft die Sonne an, 02.07.09 } | | { 400 Milliarden für ein Sonnenbad, 16.06.09 } | | { Solarbranche wartet auf die Banken, 27.05.09 } | | { Frankreich entdeckt die Sonne, 11.05.09 } |
Steffen Klatt: Wer soll bis dahin die höheren Kosten der Photovoltaik bezahlen? Adel El Gammal: Das ist eine sehr gute Frage. Wenn Sie heute in Photovoltaik investieren, dann legen Sie Ihren Strompreis für die nächsten 20, 30 Jahre fest. Damit schützen Sie sich gegen die Schwankungen und vor allem den Anstieg des Strompreises. Was oft als zusätzliche Kosten der Photovoltaik beschrieben werden, ist eigentlich eine Investition. Diese Investition wird allein in der EU 200 bis 300 Milliarden Euro (300 bis 450 Milliarden Franken, stk.) an Rückflüssen einbringen. Eines der wichtigsten Elemente dieser Rechnung ist der Schutz gegen steigende Preise fossiler Energieträger. Für Betreiber von Gaskraftwerken etwa ist es ein grosses Problem, dass sie die Preise von Gas nicht auf zehn oder zwanzig Jahre voraussagen können. Steffen Klatt: Die Photovoltaik hat gerade ihre bisher schwerste Krise erlebt. Was bedeutet das für die Branche? Adel El Gammal: Das stimmt. Der wirtschaftliche Abschwung zusammen mit einer bedeutenden Einschränkung eines Schlüsselmarktes, nämlich Spanien, im vergangenen Jahr hat der Branche tatsächlich ein wirklich schwieriges Jahr beschert. Jetzt sehen wir eine beschleunigte Konsolidierung der Branche. Das wird die Reife der Branche beschleunigen. Diese Konsolidierung wird grössere Produktionsvolumen, sinkende Preise und erhöhte Wettbewerbsfähigkeit bringen. Steffen Klatt: Wo wird die Photovoltaikindustrie in einem Jahrzehnt beheimatet sein. In Asien? Adel El Gammal: Das ist eine sehr gute Frage. Ein Teil der Herstellerunternehmen wird in der Tat in Billiglohnländern in Asien sein. Das ist aber typisch für jede Art von Industrie. Aber Sie müssen auf die ganze Wertschöpfungskette schauen. Der grösste Teil der Wertschöpfung findet nicht in der Herstellung statt, sondern am Ende der Kette: Design, Finanzierung, Installation und Instandhaltung. Das sind Arbeitsplätze, die nicht ausgelagert werden können. Steffen Klatt: Die Sonnenkraft ist eine hochgradig politische Branche. Wie stark hängt sie von den Ergebnissen der Klimaverhandlungen ab? Sie hängt sehr stark von diesen Ergebnissen ab. Bis zu dem Zeitpunkt, zu dem Photovoltaik voll wettbewerbsfähig ist, sind wir extrem abhängig vom Ausmass des Ehrgeizes, der bei den Klimaverhandlungen entwickelt wird, und vom Niveau der Verpflichtungen der einzelnen Staaten. Es braucht noch zwei bis drei Jahre, bis die Solarenergie in Italien wettbewerbsfähig ist, neun Jahre für die anderen europäischen Länder. Steffen Klatt: Sind Sie damit nicht mehr von der jeweiligen nationalen Politik und ihrer Unterstützung der Photovoltaik als von den internationalen Klimaverhandlungen abhängig? Adel El Gammal: Von beidem. Ich hoffe, dass sich die Staaten bei den Klimaverhandlungen zu einer starken Verringerung des Kohlendioxidausstosses verpflichten. Wenn das der Fall ist, dann wird der Kohlendioxidpreis steigen. Und das wird die Investitionsentscheidung in die Richtung der erneuerbaren Energien lenken. Der Haupttreiber der erneuerbaren Energien in der EU ist die 20-20-Richtlinie gewesen, also der Beschluss der EU, bis 2020 ihre Energie zu 20 Prozent aus erneuerbaren Quellen zu beziehen. Das hat die Mitgliedsstaaten gezwungen, Fördermassnahmen für die erneuerbaren Energien einzuführen. In den meisten Fällen sind das Einspeisevergütungen. Steffen Klatt: Rechnen Sie damit, dass es in einem Jahrzehnt Photovoltaikanlagen auf allen Dächern Europas gibt? Adel El Gammal: Ich hoffe das. Vielleicht nicht auf allen. Aber wir werden Photovoltaik auf viel mehr Dächern sehen als jetzt. Sie werden auch viel stärker in die Dächer integriert sein als heute. Die Energieeeffizienz der Gebäude wird dann viel höher sein. Aber Gebäude werden dann selbst Energie produzieren. Photovoltaik wird dann ihren Vorteil ausspielen, in die Gebäude integriert werden zu können. Deswegen bin ich sicher, dass unsere Zukunft in Photovoltaikdächern liegen wird. Zur Person: Adel El Gammal ist seit Februar 2008 Generalsekretär von Epia, der Vereinigung der europäischen Photovoltaikindustrie. Zuvor hat er als Management- und Informatikberater gearbeitet. Er hat Ingenieurwesen an der Freien Universität Brüssel studiert und weitere Diplome an der Solvay Business School in Brüssel und der Insead in Fontainebleau erworben. Bild: Epia
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